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Kooperation

Gießen: 60 Museumsobjekte im Fokus

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das Oberhessische Museum in Gießen und die Ethnografische Sammlung der Universität Marburg untersuchen in Kooperation Teilbestände ihrer Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Was das Forschungsprojekt so spannend macht, erläutern Museumsleiterin Katharina Weick-Joch und Ethnologin Manuela Rochholl bei einem Besuch im Museumsdepot.

Das Oberhessische Museum hat in seinem Bestand auch Objekte aus aller Welt: vom Totempfahl aus Amerika über Tanzschmuck aus Neu-Guinea bis zum Rückenpanzer einer Schildkröte mit Wappen aus der Südsee. Nicht immer lässt sich eindeutig definieren, woher die Dinge stammen oder wie sie ins Museum gelangt sind. Handschriftliche Einträge auf Karteikarten werfen oft mehr Fragen als Antworten auf. Zudem wird der Umgang mit ethnografischen Objekten aus kolonialen Kontexten generell in den Museen landauf, landab diskutiert.

Das Oberhessische Museum, allen voran Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch, hat in der jüngeren Vergangenheit viel getan, um zu klären, wie mit solchen Objekten verfahren werden soll. Die Ausstellung "Wieso, weshalb, warum?" vom vergangenen Winter stellte bereits die entsprechenden "Fragen an die ethnografische Sammlung". Nun bietet ein Forschungsprojekt zu "Provenienzen von ethnografischen Objekten aus kolonialen Kontexten" der Arbeit eine neue Grundlage.

Finanziert wird das Forschungsprojekt in Kooperation des Museums in Gießen und der Uni in Marburg mit rund 120.000 Euro durch eine Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste.

Ziel des einjährigen Forschungsprojektes, mit dem im Museum die Ethnologin Manuela Rochholl beauftragt wurde, ist es, die Geschichte von 60 ausgewählten Objekten aus Ostafrika (insbesondere Tansania) und Kamerun zu rekonstruieren - darunter Metallpfeifen aus Kamerun, eine mit Lederhaut bespannte Kokosnuss, Schalen aus Holz, ein Hocker oder ein Eisenstreifen, der als eine Art Zahlungsmittel verwendet wurde.

Zum anderen soll auch Hinweisen nachgegangen werden, wonach die Gießener und die ethnografische Sammlung der Marburger Philipps-Universität in Verbindung stehen. Zum Bestand der Gießener ethnografischen Sammlung, die 1910 gegründet wurde und maßgeblich auf die globale Sammlungstätigkeit des Gießener Fabrikanten Wilhelm Gail (1854 bis 1925) und seines Sohnes Georg zurückzuführen ist, gehören Objekte, die während der deutschen Kolonialherrschaftszeit gesammelt wurden. Die Marburger Sammlung, in den 1920er Jahren gegründet, hat Teilsammlungen aus anderen Sammlungen übernommen. Welche Sammler und Forscher waren an der Entstehung beider Sammlungen beteiligt? Wurde ein Objekt geraubt, getauscht oder legal gekauft? Hat die Herkunftsgesellschaft ein Anrecht darauf, dass ein Objekt zurückgegeben oder, etwa aus religiösen Gründen, nicht mehr ausgestellt werden darf? Und in wieweit spiegelt das Stück überhaupt den Alltag eines Volkes wider?

"Sammlungsrecherche betreiben wir in allen Bereichen", betont Projektleiterin Weick-Joch. "Doch mit der ethnografischen Sammlung ist das nocheinmal etwas Besonderes". Was das bedeutet, macht Rochholl an einem Beispiel deutlich: Ein Schild aus Tansania gehört zum Sammlungsbestand. Der Vermerk "1891" und "geraubt" steht auf der Inventarliste, man kann hier ein konkretes Ereignis zuordnen. Das ist aber die Ausnahme. Denn bei vielen Objekten fehlen nahezu alle Informationen. "Was wir machen, ist Grundlagenforschung", sagt Rochholl. Sie sichtet Datenbanken, sondiert Inventarkästen, macht Fotovergleiche und nimmt Kontakt mit anderen Forschern und auch Vertretern aus Tansania und Kamerun auf. Gerade Letzteres ist nicht einfach, denn "das Konzept Museum ist ein europäisches Konzept". Ziel ist es, einen vielseitigen Forschungsprozess zu gestalten. Es gibt zwar schon Netzwerke, etwa auch die neue Kontaktstelle für Sammlungen aus kolonialen Kontexten der Kulturstiftung der Länder, aber oft wirft eine Antwort eine Vielzahl von immer neuen Fragen auf.

Umso verständlicher ist es, dass das Oberhessische Museum erst einmal das Augenmerk auf 60 Objekte richtet, zu denen bereits rudimentäre Informationen vorliegen. Und auch er Austausch mit Marburg ist wichtig. Hier werden Objekte in Lehrveranstaltungen untersucht. "Das ist das Sammeln von Erfahrungen, auf die das Museum aufbauen kann", betont Rochholl. Das Forschungsprojekt stellt damit eine Grundlage nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Neukonzeption des Oberhessischen Museums dar. Damit die Objekte aus aller Welt künftig im Museum auch in Sinnzusammenhängen ausgestellt werden können.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Ethnologin Manuela Rochholl ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Oberhessischen Museum mit dem Forschungsprojekt "Provenienzen von ethnografischen Objekten aus kolonialen Kontexten" betraut. Die 30-Jährige aus Nordhessen hat in Mainz und Köln Ethnologie studiert und ihren Master in Marburg gemacht. Für ihre Masterarbeit hatte sie sich bereits mit der ethnografischen Sammlung befasst, da allerdings den Schwerpunkt auf die Inventarkarten gelegt. Nach dem Abitur war sie ein Jahr in Südafrika, dort wurde ihr Interesse für Süd- und Ostafrika geweckt, das auch im aktuellen Forschungsprojekt ein Schwerpunkt ist.

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