Hinten das frühere LLG und heutige Hugo-von-Ritgen-Haus an der Südanlage, vorne einer der beiden modernen Würfelbauten, die die THM im Innenhof des Grundstücks errichtet hat. FOTO: SCHEPP
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Hinten das frühere LLG und heutige Hugo-von-Ritgen-Haus an der Südanlage, vorne einer der beiden modernen Würfelbauten, die die THM im Innenhof des Grundstücks errichtet hat. FOTO: SCHEPP

Innenstadt-Bebauung

Gießen: Moderner Neubau neben historischem Altbau sorgt für Disput

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Die Bürgerinitiative Historische Mitte Gießen sieht sich als Wächterin des baulich-historischen Erbes der Stadt. Mit ihrer Architekturkritik, aktuell an der Bebauung der THM hinter der Südanlage, stößt die Initiative nicht immer auf Zustimmung. Die Hochschule spricht von "Dogmatismus".

Das Nebeneinanderstellen von alten Gebäuden und moderner Architektur hat ihren Reiz. Der birgt aber stets das Risiko der Ablehnung. Gerade in einer Stadt wie Gießen, die ihr historisches Anlitz im Krieg und der Nachkriegszeit weitgehend eingebüßt hat. Volkes Stimme schlägt sich oft eher auf die Seite der historischen Gebäude und der rekonstruktiven Konzepte. Diese Erfahrung hat jetzt auch die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) mit ihrer Bebauung der Freiflächen auf dem Eckgrundstück Bismarckstraße/Südanlage gemacht.

In eigener Sache hatte der wachsende Fachbereich Bauwesen in den letzten Jahren zwei neue Gebäude für vier Millionen Euro geplant und errichten lassen. Auf rund 800 Quadratmetern entstanden hinter dem Hugo-von-Ritgen-Haus, in dem früher das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium untergebracht war, für die neue Modellbauwerkstatt und ein Studentenateliers des Fachbereichs zwei würfelförmige dreigeschossige Neubauten. Die Kuben grenzen an die frühere Schule sowie die Hausmeister- und Direktorengebäude, die um 1880 entstanden sind. Flankiert wurde das Vorhaben durch einen Bebauungsplan der Stadt, auf dessen Grundlage auch die Baugenehmigungen erteilt wurden.

Mit der Fertigstellung kommt nun von der Bürgerinitiative Historische Mitte Gießen (HMG) Kritik, die für die Verhältnisse der BI ungewohnt scharf ausfällt. In einem Schreiben, das auch der Presse zugeleitet wurde und von den beiden Vorsitzenden Jan-Patrick Wißmar und Peter Eschke unterschrieben ist, ist von einer "architektonischen Fehlleistung", von "Störkörpern", einer "ungenügenden" Fassadengestaltung und von einer "Quartiersverunstaltung" die Rede. Die Neubauten ließen erkennen, dass es dem Planer "kein Anliegen war, ein harmonisches Gebäudegesamtbild auf dem Grundstück zu erzeugen". Eine "positive Beeinflussung des Stadtbildes" sei offensichtlich kein Anliegen des Bebauungskonzepts gewesen. Besonders die vor die Fassaden montierten Aluminiumhohlprofile und die "nackten, kaum gegliederten Sichtbetonfassaden" stoßen neben der Kubatur auf die Kritik der BI. Die stellt sogar in Frage, ob die Planung mit den Denkmalbehörden abgestimmt wurde. Gießener Bürger, die sich an die HMG gewendet hätten, seien über die Optik jedenfalls "fassungslos und wütend", erklären Wißmar und Eschke.

Die THM äußerte sich auf Anfrage angesichts der ihrer Meinung nach unsachlichen Vorwürfe eher grundsätzlich zum Planungsansatz des Fachbereichs Bauwesen: "Als THM begrüßen wir Meinungsäußerungen zu den Neubauten in der Bismarckstraße, weisen aber herabwürdigende Vorwürfe und in vermeintlichen Fragen transportierte Unterstellungen entschieden zurück und werden deshalb auch nicht auf sie eingehen".

THM: Abgestimmt mit Denkmalschutz

Die THM schätze den öffentlichen Diskurs auch über ihre Baumaßnahmen, sie würde aber eine "weniger dogmatische und tendenziöse Auseinandersetzung bevorzugen", erklärte Vizepräsident Prof. Dirk Metzger zur Kritik der Bürgerinitiative.

Das Bauen im historischen Kontext stelle stets eine "große Herausforderung" in der Architektur dar. Hier sei mit viel Verantwortung ein Standpunkt zu bestimmen, grundsätzlich seien unterschiedliche konzeptionelle Ansätze möglich und auch gerechtfertigt. Wie das Entwerfen und Bauen selbst habe die Diskussion hierüber sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit eine lange Tradition.

Bei dem Projekt hinter der Südanlage habe sich der Fachbereich "klar gegen einen restituierenden Ansatz und für ein Konzept, das eindeutig und erkennbar Alt und Neu gegenüberstellt", entschieden. Die Bebauung sei auch das Ergebnis einer "intensiven Abstimmung mit der Stadtplanung und dem Denkmalschutz", erklärte Metzger.

Der THM-Vize lehrt und forscht selbst am Fachbereich Bauwesen und hat vor seiner Tätigkeit als Hochschullehrer freiberuflich für mehrere Architekturbüros im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet.

Es gibt übrigens auch Gießener, die finden den Kontrast zwischen Alt und Neu gut. "Ich finden die neuen Gebäude ganz toll", meinte eine Frau, als sich die GAZ am Dienstag selbst ein Bild von der Bebauung hinter der Südanlage machte.

Vorbildlich

Der Schulkomplex des früheren Landgraf-Ludwigs-Gymansiums an der Ecke Südanlage/Bsmarcjkstraße enstand Ende der 1870er Jahre undwurde von den Architekten Seuling/Schmandt entworfen. Es beshet aus dem Schulgebäude sowie zwei Wohnhäusern für den Direktor und den Hausmeister. Mit seiner für öffentliche Gebäude damals "typischen Klassizismusvariante" wurde das Schulgebäude laut der Gießener Denkmaltopographie wohl zum Vorbild für das Universitätshauptgebäude und das Landgericht.

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