Andreas Schlüter-Baur hält nichts von Stillstand. Er wagt auch in der Pandemie neue Wege.
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Andreas Schlüter-Baur hält nichts von Stillstand. Er wagt auch in der Pandemie neue Wege.

Portrait

Modehaus Schlüter in Gießen: Ein „Menschenspezialist“ als Chef des Traditionsgeschäfts

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Schon als kleinem Jungen war ihm klar, dass er einmal das Familienunternehmen leiten würde. Das Modehaus Schlüter hat in Gießen eine lange Tradition, die Andreas Schlüter-Baur gerne fort führt.

Gießen – Sein Vater hat sechs Tage in der Woche zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Und am Ende jeden Tages war die entscheidende Frage: Stimmen die Umsätze? Die Umsätze sind auch für den jetzigen Inhaber wichtig, aber dennoch stellt Andreas Schlüter-Baur auch andere Fragen. Zum Beispiel nach dem Glück und der Freude seiner Mitarbeiter. »Nur was blüht, kann Früchte tragen«, sagt er.

Seine Überzeugung: Je freudiger und motivierter die Mitarbeiterinnen im Job sind, desto größer ist der Erfolg. Es haben also alle etwas davon. Das Modehaus Schlüter hat sich in den 126 Jahren seines Bestehens schon oft verändert, denn Mode und das Verhältnis dazu spiegelt immer auch den Zeitgeist. Gleich geblieben ist aber ein wertschätzender Umgang miteinander, der jetzige Chef ist da gerne der Tradition seines Vaters gefolgt.

Modehaus Schlüter in Gießen: Der Chef ist ein „effizienter Arbeiter“

Schlüter-Baur ist ein ruhiger Typ, der sich seiner Heimatstadt verbunden fühlt - und natürlich die Strukturen der Innenstadt aufmerksam beobachtet. Er ist aber keiner, der sich gerne in den Gremien des Handels oder der Stadt engagiert. »Das passt nicht zu mir«, sagt er. Er sieht sich als Leader seines Unternehmens, als einen, der vorneweg geht und auch neue Wege wagt, aber er ist keiner, der sich in einer Gruppe gut aufgehoben fühlt. Ob Sport- oder Musikvereine, Kirchengemeinden oder früher Elternversammlungen: Die Geduld für lange, kreisende Diskussionen hat er nicht. Was nicht heißen soll, dass er solche Runden nicht schätzt oder deren Werte nicht teilen kann. Aber als »effizienter Arbeiter« fühlt er sich dort unwohl.

Bevor der Eindruck eines »lonely wolf« entsteht: Der 55-Jährige hat einen großen Freundeskreis und ist ein leidenschaftlicher Gastgeber: Gemeinsam mit seiner Frau Maja für gute Freunde in seiner Outdoorküche zu grillen und sich mit ihnen auszutauschen, ist eine seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen - in Nicht-Coronazeiten, versteht sich. Nur »vereinstauglich« ist er eben nicht.

Schlüter: In Annerod aufgewachsen, in Frankfurt und Mainz gelernt, in Gießen gelandet

Schlüter-Baur ist in Annerod aufgewachsen, behütet und umsorgt, wie er sagt. Er hat die Liebigschule besucht, später das Wirtschaftsabitur auf der Friedrich-Feld-Schule gemacht. Sein Berufswunsch war schon früh klar: Er wollte in die Fußstapfen seiner Eltern treten und das Geschäft im Seltersweg übernehmen. Vor der Ausbildung und späteren Leitungsfunktionen in P&C-Häusern in Frankfurt und Mainz kam die Bundeswehr - der junge Soldat aus Hessen hatte eine wunderbare Zeit als Navigator bei der Marine. Eine Zeit, an die sich Schlüter-Baur noch heute gerne erinnert. Nicht zuletzt deshalb, weil der begeisterte Segler das Meer liebt. Was gibt es Schöneres als einen Törn auf der Ostsee mit guten Freunden? Nicht viel, doch Reisen im Wohnmobil mit seiner Frau gehören auf jeden Fall dazu.

Apropos Wohnmobil: Es kann durchaus vorkommen, dass dieses zum rollenden Homeoffice wird. Schon lange hat der Firmenchef die Trennung zwischen Privat- und Geschäftsleben aufgegeben. »Wir führen ein Leben, in dem eines zum anderen gehört«, sagt er. Die Abgrenzung eines Lebensbereichs mit dem Titel »Freizeit« käme ihnen eigenartig vor. »Es ist gut so, wie es ist«, sagt er. Da das Ehepaar diese Entscheidung gemeinschaftlich getroffen hat, gibt es keine Konflikte.

Modehaus Schlüter aus Gießen muss sich neu erfinden

Schlüter-Baur schildert sein Lebensmodell mit heiterer Gelassenheit. Was steckt dahinter? Ein Ereignis, das zehn Jahre zurück liegt und das Leben des Kaufmanns sehr verändert hat. Um das zu verstehen, braucht es etwas Vorgeschichte. Schlüter-Baur hat das Modehaus im Seltersweg 1991 in einer schwierigen Zeit übernommen: Die Miete für das große Geschäft wurde immer höher, Peek&Cloppenburg kam nach Gießen, was zwar ein Gewinn für die Stadt, aber keiner für Schlüter war. In den Folgejahren entschied sich Schlüter-Baur für neue Wege. 2005 erfolgte der Umzug vom Seltersweg in den deutlich kleineren Laden in der Sonnenstraße, parallel dazu eröffnete er Filialen in Wetzlar und Frankenthal und führte deutschlandweit mehrere Betty-Barclay-Filialen. Mittlerweile hatte auch der Online-Handel Fahrt aufgenommen und schmälerte die Umsätze. Kurz zusammengefasst: Es waren geschäftlich turbulente Zeiten.

Schlüter-Baur wünschte sich insgeheim eine Verschnaufpause und wurde tatsächlich kurz darauf durch eine Verletzung zu einem Krankenhausaufenthalt gezwungen. »Es gibt keine Zufälle«, sagt er. In dieser Zeit begann er sich neue Lebensfragen zu stellen. Heute hat er viele davon für sich beantwortet. Er hat sich zum Glückscoach und »Menschenspezialisten« ausbilden lassen. Das Prinzip der »Umdenkakademie« klingt zunächst irritierend, doch letztlich haben neue Impulse und eine andere Perspektive auf das Leben ihn zu den Werten geführt, die ohnehin in ihm schlummerten - seine christliche Grundhaltung zum Beispiel.

Andreas Schlüter-Baur: „Will ein Segen sein für andere“

»Was haben andere Menschen davon, dass es mich gibt?«, fragt er sich. Seine Antwort darauf ist: »Ich will ein Segen sein für andere«. Ebenso schlicht wie klar. Das gilt für seine Familie, seine Frau Maja und die beiden erwachsenen Söhne Felix und Moritz, es gilt aber auch für seine Freunde und Mitarbeiter. Viel Glück und viel Gutes in unserem Leben sei bereits vorhanden, ohne dass wir es entdeckten, der »Menschenspezialist« könne dabei helfen, es wahr zunehmen.

Hinsichtlich der Mitarbeiter könne dies Motivation und Ermutigung bedeuten. Zur Veranschaulichung wählt er noch einmal einen Vergleich aus der Natur: Ein Samenkorn in der Erde allein reicht nicht, aber wenn gewässert wird und das entstehende Pflänzchen Licht bekommt, kann es wachsen.

Schlüter-Baur begreift das Leben als einen sich ständig wandelnden Prozess, die Probleme, die sich scheinbar stellten, verlören das Bedrohliche, wenn man sie gelassen annehme und als Herausforderung begreife. »Es wird sich alles finden«, ist er sicher.

Modehaus Schlüter eröffnet größeres Geschäft im Neuenweg

Zum Wandel des Lebens gehöre es auch, wenn der Kreis der Weggefährten sich verändere. Etwas ganz anderes sei der Verlust von Menschen, die einem sehr nahe stünden. Schlüter-Baur hat das soeben erlebt. Innerhalb sehr kurzer Zeit sind im vergangenen Jahr sein jüngerer Bruder und ein enger Freund gestorben. In beiden Fällen konnte er den Familien helfen, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu ordnen. Was bleibt, ist jedoch die schmerzliche Erkenntnis, dass ihm etwas fehlt im Leben: Ein Mensch, mit dem man die ersten Erfahrungen seines Lebens teilt, ein Vertrauter, mit dem es keinen innigen Austausch mehr geben wird.

Schlüter-Baur lässt seine Trauer zu und schaut gleichzeitig nach vorne. Wieder einmal wagt er neue Wege. Die Geschäfte liefen 2020 gut, Ende Januar 2021 wird das Modehaus Schlüter im Neuenweg ein deutlich größeres Geschäft eröffnen. Ob es gelingen wird? Mitten in der Pandemie? Wäre Abwarten nicht besser? Da ist sie wieder, diese Gelassenheit. Der Kaufmann hat mit spitzem Stift gerechnet und die Idee für gut befunden, der Leader geht mutig voran, der Glückscoach steuert die Zutaten bei: Vorfreude und Zuversicht. Wie war das noch? Nur was blüht, kann Früchte tragen.

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