Woolrec-Gutachter

Uni Gießen: Mitarbeiterin sollte schweigen

  • schließen

Eine Geburtstagsfeier auf Uni-Kosten, mutmaßlich falsch abgerechnete Fördermittel: Prof. Stefan Gäth muss sich nicht nur als Gutachter im Woolrec-Prozess vor Gericht verantworten.

Immer wieder versicherte der Gutachter der Aufsichtsbehörde, die Herstellung von "Woolit" sei harmlos. Seit Dienstag muss sich Prof. Stefan Gäth deshalb im Woolrec-Prozess vor dem Gießener Landgericht verantworten. Auf den Abfallexperten der Justus-Liebig-Universität kommen freilich noch mehr Verfahren zu. Denn der Professor für Ressourcenmanagement soll auch auf Uni-Kosten seinen Geburtstag gefeiert, Zuschussgelder falsch abgerechnet und versucht haben, seine Mitarbeiter zum Schweigen zu verpflichten. Das bestätigen Sprecher der Staatsanwaltschaft, des Amtsgerichts und der Universität auf GAZ-Anfrage.

Auch Steuerverfahren anhängig

Betrug und Subventionsbetrug in insgesamt 16 Fällen listet eine Anklage gegen Gäth und zwei Mitangeklagte auf, die bereits im März 2016 erhoben wurde. Wegen einer Herzkrankheit eines der Männer habe sich das Verfahren verzögert, erläutert Amtsgerichts-Sprecher Jürgen Seichter. Voraussichtlich im Frühsommer könne der Prozess beginnen.

Im Einzelnen geht es um sechs mutmaßlich falsche Abrechnungen zu Lasten der Universität. So soll Gäth für rund 15 000 Euro seinen Geburtstag auf dem Hambacher Schloss privat gefeiert haben – und dies dem von ihm selbst geleiteten JLU-Zentrum in Rechnung gestellt haben. Ebenso falsch abgerechnet habe er Kosten für wissenschaftliche Untersuchungen, so die Anklage. In zehn Vorwürfen geht es um Subventionsbetrug. Fördermittel des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie sowie einer Bundesanstalt – laut Seichter eine Gesamtsumme im unteren sechsstelligen Bereich – soll der 58-Jährige anders ausgegeben haben als behauptet. Schließlich sei gegen den Wettenberger ein Steuerverfahren anhängig, so der Gerichtssprecher.

Zudem wird dem Hochschullehrer die versuchte Nötigung einer Doktorandin vorgeworfen. Sie sollte im Jahr 2012 eine eidesstattliche Versicherung unterzeichnen, sie werde keinerlei Informationen aus der Arbeit der Professur an die Öffentlichkeit weitergeben. Wenn sie die Unterschrift verweigere, werde er die Doktorarbeit nicht länger betreuen, soll die Drohung gelautet haben. Das erläutert Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Diese Anschuldigung war zunächst Teil der Woolrec-Anklage, wurde nun aber davon abgetrennt und soll dieser Tage ans Amtsgericht gehen. Wann darüber verhandelt wird, steht noch nicht fest.

Uni fordert Schadenersatz

An der JLU ist Gäth nach längerer Krankmeldung seit 20. November 2017 wieder vollständig im Dienst, erläutert Sprecherin Lisa Dittrich. Für eine abschließende Bewertung und eine Entscheidung über eventuelle disziplinarrechtliche Konsequenzen müsse die Hochschule den Ausgang des Betrugsverfahrens am Amtsgericht abwarten. Die Universität habe aber ein Disziplinarverfahren gegen den Wissenschaftler eingeleitet. "Einige im Rahmen unserer Ermittlungen deutlich gewordene Sachverhalte stehen aus unserer Sicht bereits fest." Dabei gehe es beispielsweise um nicht erbrachte, aber in Rechnung gestellte Dienstleistungen. Vor diesem Hintergrund habe die JLU eine entsprechende Schadensersatzklage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Auch dort steht ein Verhandlungsbeginn noch nicht fest.

Weiter könne sich die Universität zu den laufenden Verfahren nicht äußern, so Dittrich. Auf Anfrage wollte auch Georg Strittmatter, einer der zwei Verteidiger des Gutachters beim Landgerichts-Prozess, keine Stellungnahme abgeben. Gäth selbst war für die GAZ nicht zu erreichen.

Hintergrund

Der Woolrec-Prozess

Gut fünf Jahre nach der Stilllegung der Mineralfaserfirma Woolrec in Braunfels müssen sich der frühere Firmeninhaber Edwin Fritsch und der Gutachter Prof. Stefan Gäth am Gießener Landgericht verantworten. Ihnen wird unter anderem unerlaubter Umgang mit Abfällen vorgeworfen. Woolrec hatte gefährliche künstliche Fasern verarbeitet und sich dabei nicht an Auflagen gehalten, so die Anklage. Dadurch hätten sie die Umwelt und Anwohner gefährdet. Der Gutachter soll das Produkt für in Ordnung befunden haben. Das Landgericht rechnet mit einem langwierigen Verfahren. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare