Der Prozess am Landgericht Gießen wird fortgesetzt.
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Der Prozess am Landgericht Gießen wird fortgesetzt. 

Strafprozess

Gießen: Missbrauchsvorwürfe gegen Vater in 103 Fällen - nun sagt die Mutter aus

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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103-mal soll ein 49-jähriger Gießener seine Tochter missbraucht haben. Im Prozess am Landgericht Gießen sagt nun die seine Ex-Frau aus. 

Es war ein schöner Abend vor sechs Jahren. Zuerst aßen die Mutter, ihre Zwillingstöchter und der Lebensgefährte in einem äthiopischen Restaurant in Gießen zu Abend. "Auf der Heimfahrt haben wir gesungen", erinnert sich die heute 52 Jahre alte Frau. Nachdem die Kinder zu Hause ins Bett gegangen seien, sei eine Tochter nochmal runtergekommen. "Mama, ich muss mit dir reden", habe sie gesagt. "Sei nicht sauer." Dann habe sie erzählt, dass ihr Vater sich an ihr vergangen haben soll - viele Male.

103-mal soll ein 49 Jahre alter Gießener seine im Jahr 2000 geborene Tochter zwischen 2005 und 2013 im Haus der Familie, später in seiner Ein-Zimmer-Wohnung und in seinem Campingbus sexuell missbraucht haben. Am Dienstag hatte der gelernte KfZ-Mechaniker am ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht Gießen die Vorwürfe bestritten. Seine Tochter hatte hingegen geschildert, wann und wie ihr Vater gegen ihren Willen in sie eingedrungen sein soll. Weil die heute 20 Jahre alte Frau unter einer Entwicklungsstörung leidet, kann sie nur für eine bestimmte Zeit im Gericht befragt werden.

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Am zweiten Verhandlungstag saß die mittlerweile geschiedene Ehefrau des Angeklagten im Zeugenstand. Sie habe ihn im Ulenspiegel kennengelernt, erzählte sie, und kurze Zeit später seien sie 1995 ein Paar geworden. 1998 die Hochzeit, 1999 die Flitterwochen in den USA und 2000 die Geburt der Zwillinge. Viele Jahre, erzählte die Berufsschullehrerin, sei die Beziehung gut gewesen. Aber im Jahr 2008 sei ihr klar geworden, dass ihr Ehemann kein Partner auf Augenhöhe sei, sondern "wie ein Bruder oder ein drittes Kind". Nachdem ein Streit vor dem 13. Geburtstag der Zwillingstöchter eskaliert sei, habe sie sich von ihm getrennt. "Das war tränenreich, weil wir wie beste Freunde waren", sagte sie. Sie sei froh gewesen über diese Beziehung. "Ein Vater, mit dem ich mich nicht streiten muss." Umso größer sei der Schock gewesen, als sich ihre Tochter 2014 nach dem Restaurantbesuch ihr offenbart hatte.

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Bemerkt habe sie zwischen 2005 und 2013 nichts, erzählte die 52 Jahre alte Frau. "Aber heute bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas entdecken wollte." Sie erinnerte sich an eine Situation im Jahr 2010. Ihr sei aufgefallen, dass ihre Töchter immer nackt zum Nägelschneiden ins Schlafzimmer der Eltern gelaufen seien, wo ihr Vater gewartet habe. Einmal habe sie ihren Ex-Partner deshalb gefragt, ob er sich an seinen Töchtern "aufgeile". Er habe verärgert reagiert und gefragt, ob er sich rechtfertigen müsse, wenn er mit den Töchtern kuscheln würde.

Als ihre Tochter sich offenbart habe, sei ihr erster Gedanke gewesen: "Sie hat sich eingenässt." Als das Mädchen jedoch geschildert habe, wie sich ihr Vater an ihr vergangen haben soll, habe die Mutter sie umarmt und gesagt: "Das darf er nicht. Das wird nie wieder passieren." Und: "Ich passe auf dich auf."

Der Prozess wird fortgesetzt.

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