Der Prozess am Landgericht Gießen gegen den 49 Jahre alten Mann läuft noch bis Juli. FOTO: KHN
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Der Prozess am Landgericht Gießen gegen den 49 Jahre alten Mann läuft noch bis Juli. FOTO: KHN

Strafprozess

Gießen: Missbrauchsvorwürfe gegen Vater

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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103-mal soll ein 49 Jahre alter Gießener seine Tochter über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben. Im Prozess am Landgericht Gießen bestreitet dieser jedoch die Vorwürfe.

An dieses Schmatzen erinnert sich das Mädchen besonders. Und an das Klickgeräusch, wenn eine Cremedose geöffnet wird. "Ekelig", sagt sie. Die Kamera im Verhörzimmer der Polizei Mittelhessen zoomt auf ihre Hände. Das Mädchen hört gar nicht auf, sie zu kneten. Diese Aussage wird fast sechs Jahre später im Landgericht Gießen abgespielt. Fast regungslos verfolgt ein 49 Jahre alter Mann dieses Video. Es ist der Vater der heute 20-Jährigen. Er sitzt im Gerichtsaal, weil die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, seine im Jahr 2000 geborene Tochter zwischen 2005 und 2013 in 103 Fällen sexuell missbraucht zu haben. Der Angeklagte bestreitet dies vollumfänglich.

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs an Kindern ist ein besonders schwerer. Schon beim Verdacht und erst Recht bei einer Verurteilung sind die privaten und beruflichen Konsequenzen massiv. Gar nicht zu reden von den Folgen für das Opfer, das sein Leben lang mit diesem Trauma irgendwie zurechtkommen muss. Umso wichtiger, dass Richter Jost Holtzmann, Staatsanwältin Daniela Zahrt sowie Nebenklagevertreterin Dagmar Nautscher und Strafverteidiger Philipp Kleiner nicht als Lautsprecher ihrer Zunft bekannt sind, sondern als Juristen mit Fingerspitzengefühl.

Ab März 2005 soll der gelernte Kfz-Mechaniker laut Anklageschrift eine seiner beiden Zwillingstöchter in dem von ihm und seiner Familie bewohnten Haus sexuell missbraucht haben. Wenn sie zum Kuscheln ins elterliche Schlafzimmer gekommen sei, soll er sie auf die Seite gedreht und dann seinen Finger in ihren After geschoben haben. Auch nach der Scheidung im Jahr 2013, sagt Zahrt, soll es so weitergegangen sein: Der Mann habe seine Tochter an "Papa-Wochenenden" in seiner Ein-Zimmer-Wohnung sowie bei Treffen von Autofans in seinem Campingbus mit dem Finger sowie mit seinem Geschlechtsteil auch vaginal missbraucht. Die Zwillingsschwester sei dabei gewesen, habe aber stets geschlafen.

Als der Angeklagte Auskunft über seine Person geben soll, redet er vor allem über seinen beruflichen Werdegang. Einen ebenfalls großen Raum nehmen seine Aussagen über seine Familie ein: Geheiratet aus Liebe, dann die Geburt der Zwillinge. Die Tochter, die ihm später als Nebenklägerin gegenübersitzen wird, leide an einer Entwicklungsstörung, wegen der sie sich beim Lernen und motorisch schwer tue. "Wir haben aber beide gleich behandelt", sagt der Vater. Aber das Mädchen mit der Entwicklungsstörung sei immer anhänglicher gewesen als ihre Schwester. Wenn er nicht gearbeitet habe, sei er mit ihnen Fahrrad gefahren, auf den Spielplatz gegangen oder habe zusammen mit seinen Töchtern an Autos geschraubt.

Dies ist auch eine der positiven Erinnerungen, die die Nebenklägerin an ihren Vater hat. "Er war immer so lieb und hat mir alles gezeigt." Zum Beispiel wie man eine Lichtmaschine aus einem Auto ausbaut. Dann sprudeln Details und Fachbegriffe nur so aus ihr heraus. Sie sagt aber gleich danach Sätze wie "Ich frage mich, warum er das gemacht hat. Ich bin doch nicht sein Spielzeug, sein Sexspielzeug" oder "Am liebsten würde ich ihn auf den Mond schießen. Ohne Rückflugticket."

Als sie gefragt wird, warum sie sich so lange niemandem anvertraut habe, sagt sie: "Ich dachte, das wird schon seine Richtigkeit haben. Aber es ist verboten." Als sie das erkannt habe, habe sie immer versucht, auf dem Rücken liegenzubleiben. Jedoch habe ihr Vater sie dann einfach auf die Seite gedreht, um sie zu missbrauchen. "Ich habe nichts gesagt, weil ich Angst hatte, dass Mama es nicht glaubt und es danach noch schlimmer wird." Irgendwann habe sie sich jedoch ihrer Schwester anvertraut - und anschließend ihrer Mutter, die ihren Ex-Partner bei der Polizei anzeigte.

Vor Gericht erinnert sich der Vater an diesen Tag: Er habe Gartenarbeiten erledigt und wegen einer Frage an der Tür geklingelt. Seine ehemalige Partnerin habe ihn daraufhin mit den Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. "Da hat sich ein Schalter umgelegt, und dann wollte ich nicht mehr", sagt er. Er habe dann versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Als dies scheiterte, habe er sich einem Freund anvertraut, der ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht habe. Dort war er fünf Wochen in Behandlung.

Nach den Vorwürfen, erzählt der Vater, habe sich alles in seinem Leben verändert. Zwar habe er wieder eine Freundin. Aber seine Töchter vermisse er. Die heute 20 Jahre alte Nebenklägerin sagt, immer wieder werde sie an die Ereignisse erinnert. Durch einen Geruch oder ein Geräusch. "Aber ich bin traurig, dass ich keinen Kontakt zum Papa habe." Sie wünscht sich, dass er für das, was er getan habe, bestraft wird. "Aber sein Chef soll es nicht erfahren, damit er seine Arbeit nicht verliert."

Der Prozess wird fortgesetzt.

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