Sprachunterricht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vor Corona.	ARCHIVFOTO: SCHEPP
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Sprachunterricht für unbegleitete minderjährige Geflüchtete vor Corona. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Gießen

Gießen: Themenwahl im Sprachunterricht für minderjährige Geflüchtete überrascht

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Im Online-Chat mit Kanzlerin Angela Merkel hatte Gießens OB Dietlind Grabe-Bolz Ende Oktober angeboten, minderjährige Geflüchtete aus dem Lager auf Lesbos aufzunehmen. Humanitäre Hilfe sei auch in Corona-Zeiten Pflicht, sagt sie.

Gießen - Ende Oktober hatten 15 Oberbürgermeister und vier weitere kommunale Vertreter eine Online-Verabredung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es ging um den Umgang mit der Flüchtlingskatastrophe auf Lesbos und den Beitrag der Städte, die ein »Sicherer Hafen« für die Flüchtlinge sein wollen. Gießens OB Dietlind Grabe-Bolz hatte mit Hinweis auf die Erfahrungen der Stadt in Sachen Geflüchtete angeboten, unbegleitete minderjährige Ausländer aufzunehmen. »Gießen ist ein Best-Practice-Beispiel«, sagt sie einige Wochen später im Gespräch mit dieser Zeitung. »Als Stadt wissen wir, wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen können, weil wir wissen, was wir leisten können.«

Gießen: Viele Hilfseinrichtungen für junge Geflüchtete

Durch den Standort der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen gebe es »generell eine lange Tradition« bei der Aufnahme von Geflüchteten, sagt Grabe-Bolz. Es gibt ein breites Netzwerk in der Stadt mit professionellen und ehrenamtlichen Strukturen. Da wäre zum Beispiel der Verein »Angekommen«, der sich für Geflüchtete engagiert. Auf der anderen Seite finden sich die Arbeiterwohlfahrt oder die Caritas, die bei der Flüchtlingsbetreuung eine große Rolle spielen.

Die vielen Beteiligten brauche es, betont Grabe-Bolz, »damit wir das schaffen«. Gerda Weigel-Greilich verweist als zuständige Dezernentin auf eine breit aufgestellte Jugendhilfe: »In der Stadt gibt es dazu ein komplettes Wissen, das über Jahrzehnte gesammelt wurde.« Die Caritas organisiert unter anderem ein Betreuungsangebot für unbegleitete minderjährige Ausländer. Außerdem bietet sie Wohngruppen an. Caritasdirektor Ulrich Dorweiler sagt, dass dort Geflüchtete nicht unter sich blieben. »Sie leben mit deutschen jungen Menschen. Da spielt es keine Rolle, ob jemand Flüchtling ist oder nicht.«

Gießens OB Grabe-Bolz beim Online-Gespräch mit Kanzlerin Merkel über die Aufnahme von Geflüchteten aus Lesbos. FOTO: PM

Gießen: Wie viele unbegleitete Minderjährige können aufgenommen werden?

Eines ist klar: Nicht alle Geflüchteten, die zuerst nach Gießen kommen, können bleiben. Sie werden hier jedoch medizinisch untersucht. Geklärt wird auch, wie alt sie sind und ob es in Deutschland bereits Verwandte gibt. Bei der Frage, wie viele aufgenommen werden können, sei eine pauschale Aussage nicht möglich, betont Weigel-Greilich. In der Regel gilt: Nur wer in Gießen oder im Landkreis Verwandte hat oder aus gesundheitlichen Gründen nicht weiterverteilt werden kann, kann bleiben.

Dorweiler erinnert sich an die Situation vor fünf Jahren, als die Erstaufnahme in Gießen aus allen Nähten platzte. Damals sei die Stadt ein Nadelöhr gewesen. Verlassen die jungen Menschen Gießen in der Regel nach 14 Tagen, habe es damals beinahe acht Monate gedauert, bis es weiterging. Auch Grabe-Bolz sagt mit Blick auf die Situation ab 2015: »Das muss verträglich für die Stadt sein. Das war damals eine spannungsvolle Zeit, trotz einer toleranten Zivilgesellschaft, die wir hier haben.« Deshalb könne die Stadt bei der Frage, wie viele Geflüchtete man aufnehmen kann, nur das zusagen, »was wir zusammen tragen können«. Dorweiler sagt, die Caritas stehe wöchentlich mit der Stadt in Kontakt, um die Kapazitätsfrage zu klären. Im August seien etwa fünf unbegleitete minderjährige Ausländer betreut worden; aktuell seien es 34.

Gießen: Lebensnahe Themen im Sprachunterricht helfen Geflüchteten sich einzuleben

Wer in Gießen bleibt, muss eine Perspektive haben, sagt Dorweiler. Das beginnt bei den gemischten Wohngruppen. Ziel müsse es sein, dass die Geflüchteten nicht unter sich blieben. Zentral sei dabei die Frage, wie sie auf das Leben »danach« - also nach der Betreuung - vorbereitet werden können. »Und da sind Sprache und Schule zentral«, betont er. Die Grundvoraussetzungen der Kinder und Jugendlichen seien aber unterschiedlich: Die einen waren auf dem Gymnasium, andere haben mit 15 Jahren noch nie eine Schule von innen gesehen.

Deshalb findet in Gießen bereits in der ersten Woche nach der Ankunft eine Sprachermittlung statt. Die Geflüchteten sollen hier das Nötigste lernen, um zurechtzukommen. Es sind lebenspraktische Themen wie die Begrüßung oder Verkehrsregeln. Anschließend sollen die Kinder und Jugendlichen so schnell wie möglich an die Regelschulen vermittelt werden. Dorweiler betont, die jungen Geflüchteten seien meist sehr ehrgeizig: »Sie wollen etwas aus ihrem Leben machen. Oftmals hat die Familie zusammengelegt, dass es wenigstens einer von ihnen schafft.« Um die 90 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen erreiche später einen qualifizierten Schulabschluss, und viele übten später einen Beruf aus - »aber eben nicht mit 16 Jahren«, betont Dorweiler. Deshalb ende die Betreuung nicht mit der Volljährigkeit. »Nur dann gelingt es, und diese Kultur ist hier in Gießen bemerkenswert.«

Ebenfalls bemerkenswert ist der schulische Erfolg, wenn man bedenkt, dass viele der jungen Flüchtlinge keine Kindheit hatten - oder Traumata erlebt haben. »Da sind Kinder, die gefoltert wurden oder gesehen haben, wie andere Menschen vor ihren Augen weggesprengt wurden, mit dem Hinweis, dass sie die Nächsten sind«, sagt Dorweiler. Grabe-Bolz ergänzt, gerade deshalb müsse humanitäre Hilfe weiterhin erbracht werden - auch in Zeiten der Corona-Pandemie. »Wir wollen nicht wegsehen.«

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