Minas Adis hat in der Johanette-Lein-Gasse in Gießen ein kleines Gastro-Imperium hochgezogen.
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Minas Adis hat in der Johanette-Lein-Gasse in Gießen ein kleines Gastro-Imperium hochgezogen.

Mensch, Gießen

Minas Adis aus Gießen: Er will mehr als Burger und Wein

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Minas Adis hat mit seinen Kollegen die Johannette-Lein-Gasse zum Leben erweckt. Seit der Gründung von Gutburgerlich ging es für den Gießener steil bergauf. Seit einiger Zeit versucht er aber, das Tempo ein wenig zu drosseln. Weil er realisiert hat: Im Leben gibt es mehr als Burger, Wein und Kaffeebohnen.

Kepkal war ein wunderlicher Ort. Ein Geschäft, in dem zwei völlig unterschiedliche Subkulturen aufeinandertrafen. In der Bahnhofstraße 18 gaben sich camouflagefarbene Bundeswehrhosen und tiefsitzende Baggy-Pants ein friedliches Stelldichein. Minas Adis gehörte zur Fraktion, die lieber Sneaker als Stiefel trug.

Als Jugendlicher durchforstete er das Geschäft regelmäßig nach Kleidung seines Lieblingsbasketballteams. Es waren die 90er, die Chicago Bulls um Michael Jordan bildeten das beste Team der Sportgeschichte. »Basketball hat mich viel mehr angesprochen als Fußball. Diese Harmonie, der Bewegungsablauf auf dem kleinen Feld, das Hochsteigen. Basketball hat etwas von tanzen«, sagt der 32-Jährige. Auch der ganze Lifestyle begeisterte den Jugendlichen. Die Kleidung, die Rap-Musik. Außerdem klang »Michael Jordan« so viel cooler als »Uwe Bein« oder »Manfred Binz«.

Heute, 20 Jahre später, gibt es das Kepkal nicht mehr. Trotzdem kommt Adis täglich in die Bahnhofstraße 18. Der Gießener hat die Räume übernommen und betreibt hier die Alkoholhandlung Drossel & Specht. Es ist der dritte Laden, den Adis und seine Geschäftspartner rund um die Johanette-Lein-Gasse gegründet haben.

Für die Gießener Bürger ist der Dreiklang aus Gutburgerlich, Schwätzer & Söhne sowie Drossel & Specht eine gastronomische Bereicherung. Für Adis selbst ist es die Verwirklichung eines Traums.

Adis ist in der Ludwigstraße aufgewachsen. »Mit einer wunderbaren Familie in einer wunderbaren Umgebung und mit wunderbaren Freunden. Ich hatte eine coole Kindheit.« Adis hat aramäische Wurzeln, sein Vater ist aus der Türkei nach Gießen gekommen und baute im Asterweg ein Juweliergeschäft auf. Seine aus dem syrischen Grenzgebiet stammende Mutter hat die Aufgabe der Familienmanagerin übernommen. »Eine klassische Gastarbeiterbiografie«, sagt Adis und lässt keinen Zweifel daran, dass er Stolz ist auf die Leistung seiner Eltern.

Leidenschaft bei Coffee One entfacht

Nach seinem Abschluss an der Friedrich-Feld-Schule war Adis unsicher, wie es weitergehen sollte. Er wusste aber, was er nicht machen wollte: studieren. »Ich war damit fertig, irgendwo herumzusitzen und nur zuzuhören.« Also verdiente er sich zunächst im elterlichen Juweliergeschäft etwas dazu.

Der Sohn merkte aber schnell, dass er nicht in die Fußstapfen des Vaters treten wollte. Als Adis dann eines Tages in seinem Stammcafé gefragt wurde, ob er nicht mitarbeiten wolle, sagte er zu - und legte so den Grundstein seiner gastronomischen Karriere.

Adis muss lächeln, wenn er an die Episode denkt. »Ja, sie klingt vielleicht ein wenig kitschig«, räumt der 32-Jährige ein. Aber als er das erste Mal im Coffee One einem Kunden einen Kaffee serviert habe und dafür mit einem aufrichtigen Lächeln belohnt worden sei, habe das etwas in ihm ausgelöst. »Ich habe gemerkt, dass man in der Gastronomie mit einer einfachen Geste Freude auslösen kann.«

Adis fing an, sich tiefer mit der Gastronomie zu beschäftigen. Und fand in seinem Arbeitskollegen Dominic Büttner einen Gleichgesinnten. Die beiden steckten die Köpfe zusammen und schmiedeten Pläne. Sie entschlossen sich, in Gießen einen Burgerladen zu eröffnen, wie es sie zu jener Zeit nur in ausgewählten Großstädten zu finden gab. »Uns hat die lockere und entspannte Atmosphäre gefallen. Außerdem kann man bei Burgern mit relativ wenigen Zutaten ein richtig gutes Produkt kreieren«, sagt Adis. Eine Location hatten die beiden auch schon ins Auge gefasst. Die Johanette-Lein-Gasse hatte Charme und war von der Lage her bezahlbar. Als dann das Geschäft an der Ecke zur Bahnhofstraße frei wurde, mussten Adis und Büttner nicht lange überlegen. Im Januar 2013 unterzeichneten sie den Mietvertrag.

Während Adis von den Anfängen des Burgerladens spricht, betritt Maurice Zach-Zach den Laden. Die beiden flachsen kurz, dann lädt der Metzgermeister den Burger-Gastronom zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die beiden sind nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner. Und das bereits seit sieben Jahren.

Qualität und Regionalität standen bei Adis und Büttner von Anfang an im Vordergrund. Also riefen sie bei den Zach-Zach-Brüdern an. »Wir durften dann bei ihnen in der Metzgerei herumtüfteln und über Burger philosophieren.« Die Brötchen-Frage gingen Adis und Büttner auf dem gleichen Wege an. In der Backstube der Lambertz-Bäckerei durften sie sich ausprobieren. Bis heute sind die beiden Handwerksbetriebe die Hauptlieferanten für das Gutburgerlich.

Diese Vorgehensweise zeigt, wie Adis Gastronomie versteht. Er setzt auf qualitativ hochwertige Produkte aus der Region, und er geht die Sache mit Leidenschaft an. So war es auch bei der Eröffnung des Cafés Schwätzer & Söhne im Jahr 2015, für das Adis mit Philipp Kübler einen weiteren Partner ins Boot holte. Und auch das Drossel & Specht, das seit einem Jahr im ehemaligen Kepkal zu Hause ist, wird durch diese Philosophie geprägt. »Wir wollen mit Qualität überzeugen. Außerdem sollen sich die Menschen bei uns wohlfühlen.«

Giancarlo Biscardi, der Inhaber der Gianoli-Trattoria aus der Plockstraße, hat einmal gesagt: »Gastro ist eine Droge. Und ich bin ein Junkie.« Adis muss bei diesem Zitat schmunzeln. »Giancarlo hat recht. Man kann sich in der Gastronomie verlieren.« Adis räumt ein, dass er durch den Erfolg seiner Betriebe andere Lebensbereiche vernachlässigt habe. Seine langjährige Freundin zum Beispiel, die Familie, seine Kumpels. Und den Basketball.

Das Herz schlägt für Hip-Hop

Was Adis als Jugendlicher nachts um 3 Uhr im Fernsehen sah, versuchte er tagsüber selbst, unterm Korb zu zeigen. Als Kind spielte er erst beim MTV und dann beim VfB, heute ist er für die Gießen Pointers unterwegs und hat mit seinem Team im Vorjahr die Meisterschaft gewonnen. »Ich habe diese Bereiche meines Lebens lange vernachlässigt, weil ich von morgens bis spät abends in den Läden stand«, sagt Adis. Mit der Zeit sei in ihm aber die Erkenntnis gereift, dass es im Leben mehr gebe als Burger, Wein und Kaffeebohnen. Adis ist ein vielseitig interessierer Mensch, der gerne lacht. Er kann leidenschaftlich für Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und die Ehe für alle diskutieren. Seine Freundin hat ihm zudem gezeigt, dass Kunst mehr ist als Graffiti und Street-Art.

Auch musikalisch blickt Adis inzwischen über den Tellerrand und kann qualitativ gut gemachter Musik aus mehreren Genres etwas abgewinnen. Und trotzdem: Wenn aus den Boxen Hip-Hop-Beats erklingen, schlägt Adis Herz am lautesten. »Ich liebe diese Kultur noch genauso wie vor 20 Jahren.«

Der Junge aus dem Kepkal ist erwachsen geworden. Seine Leidenschaft von damals hat er sich jedoch bewahrt. Und, wie man im Hip-Hop-Jargon sagen würde: In Sachen Beef macht dem Gießener so schnell niemand etwas vor.

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