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94 Patienten des UKGM haben die Covid-19-Infektion nicht überlebt.

UKGM zieht Bilanz

Gießen: Hessenweit höchste Belastung am Uniklinikum – Frust über Corona-Prämien-Wartezeit

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Corona hat das Gießener Uniklinikum vor große Herausforderungen gestellt. Über 1100 Patienten sind seit Beginn der Pandemie behandelt worden. Für die Beschäftigten ist das eine enorme Belastung - auf ihre versprochenen Prämien warten sie aber weiterhin.

  • Hinter dem Uniklinikum Gießen/Marburg (UGKM) liegt eines der turbulentesten Jahre seiner Geschichte.
  • Hunderte Corona-Patienten behandelte das Gießener Krankenhaus stationär, mehr als 300 Infektionen gab es beim Personal.
  • Keine Klinik in Hessen hatte und hat mehr zu schultern – dennoch warten die Angestellten auf ihren Bonus.

Gießen – Es ist ein Donnerstag, als am Gießener Uniklinikum neue Zeiten anbrechen. Am 5. März 2020, also heute vor einem Jahr, ist der erste mit Covid-19 infizierte Patient am UKGM aufgenommen worden. Die Klinikleitung hat den Jahrestag zum Anlass genommen, eine umfassende Zwischenbilanz zu ziehen. Demnach sind bis jetzt über 1100 positive Befunde erhoben worden. 746 Menschen mussten wegen der Schwere der Erkrankung stationär aufgenommen werden, davon 280 in den speziellen Intensivbereichen.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie vor rund drei Monaten seien bis zu 120 Covid-19-Patienten gleichzeitig stationär behandelt worden, was wegen der oft langen intensivstationären Behandlungszeiten mehr als 6000 Behandlungstage auf den Intensivstationen bedeutete. »Dies stellt die höchste Belastung aller Kliniken in Hessen dar und liegt auch weit über dem Durchschnitt aller deutschen Universitätskliniken«, heißt es in einem Schreiben der Klinik. 94 Patienten hätten den Kampf gegen Corona verloren.

Uniklinikum in Gießen: „Gewaltige Belastung“ seit Beginn der Corona-Pandemie

»Diese Zahlen vermitteln einen Eindruck der gewaltigen Belastung, welche die Mitarbeiter des UKGM Gießen seit Beginn der Corona-Pandemie zu schultern hatten und haben«, betont Prof. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM. Die Pflegekräfte und Ärzte hätten 24 Stunden am Tag um das Überleben der Patienten gekämpft, und das nicht nur wegen der umfangreichen Schutzmaßnahmen unter belastenden Bedingungen. Vielfach sei auch der Einsatz einer »künstlichen Lunge« (ECMO) notwendig gewesen, da die Beatmung durch die eigene Lunge zum Überleben nicht mehr ausgereicht habe.

»Den Ärzten und Pflegern der internistischen und operativen Intensivstationen, die schwerpunktmäßig diese Patienten versorgt haben, mit all den hiermit verbundenen körperlichen und seelischen Belastungen, möchte ich meinen tiefen Dank aussprechen«, betont Prof. Seeger und bedankt sich auch bei den Mitarbeitern aller anderen Abteilungen.

Das UKGM ist also hessenweit am stärksten durch Corona belastet. Umso unverständlicher ist es für viele, dass die hier arbeitenden Pfleger nicht den von der Bundesregierung ausgelobten Bonus erhalten. Die Uniklinik fiel durch fragwürdig gesetzte Parameter durch das Raster.

Gießen: 300 Mitarbeiter am UKGM an Covid-19 erkrankt

Das heimische Unternehmen Pascoe Naturmedizin entschloss sich daher, 100 000 Euro an die UKGM-Pflegekräfte zu spenden. Die Klinikleitung selbst kündigte an, eine Aufwandserstattung des Landes an die Mitarbeiter aus Pflege und pflegenahen Bereichen weitergeben zu wollen. Pro Vollzeitstelle wären das rund 500 Euro. Geflossen ist das Geld aber noch nicht - was bei den Mitarbeitern für Unmut sorgt. »Viele sind der Meinung, dass es Zeit wird«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Marcel Iwanyk. In manchen Abteilungen würde sich Ärger ausbreiten. Gerade die direkt betroffenen Berufsgruppen würden langsam die Contenance verlieren.

Die hohe Belastung des Personals kommt auch darin zum Ausdruck, dass trotz aller Schutzmaßnahmen bislang mehr als 300 UKGM-Mitarbeiter selbst an Covid-19 erkrankt sind, wie das Klinikum mitteilt. Wegen Kontakten mit Infizierten seien insgesamt mehr als 700 Beschäftigte in Quarantäne geschickt worden, was wiederum eine zusätzliche Belastung für die verbliebenen Kollegen bedeutet hätte. Umso wichtiger sei die im Haus eingerichtete Impfstation. 3450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten seither zumindest die Erstimpfung erhalten.

Gießen: Trotz sinkender Corona-Zahlen am Uniklinikum keine Entwarnung

Auch wenn die Zahlen derzeit deutlich abklingen, will Prof. Seeger keine Entwarnung geben. »Gegenwärtig versorgen wir noch 26 schwersterkrankte Covid-19-Patienten auf unseren speziellen Intensivstationen, davon sieben Patienten mit ECMO-Behandlung.« Ein Patient sei einer erfolgreichen Lungentransplantation unterzogen worden, drei weitere, noch sehr junge Patienten, würden derzeit für eine mögliche Lungentransplantation vorbereitet.

Somit ist auch ein Jahr nach dem ersten Patienten ein Ende der Pandemie noch lange nicht in Sicht.

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