+
Ob zu Fuß, mit Bus, Fahrrad oder Pkw: Im Rahmen der Verkehrsentwicklungsplanung kommt das gesamte Verkehrssystem auf den Prüfstand. FOTO: SCHEPP

Mobilität

Gießen: Mängelmelder für Stadtverkehr - Alles auf dem Prüfstand

  • schließen

Drei Unternehmen aus Dortmund und Berlin sollen den Gießener Stadtverkehr der Zukunft planen. Alles kommt auf den Prüfstand.

Gießen - Wer sich auf der Internetseite der Dortmunder Planersocietät umschaut, bekommt einen Eindruck davon, in welcher Breite sich Deutschlands Städte auf den Weg in die Zukunft des Verkehrs gemacht haben. Stuttgart lässt die autofreie Innenstadt untersuchen, für Hamburg, Düsseldorf, Dortmund, Paderborn, Leverkusen oder Fulda wurden oder werden Verkehrsentwicklungspläne (VEP) oder Mobilitätskonzepte entwickelt. In der langen Referenzliste des Büros taucht neuerdings auch die Stadt Gießen auf. Mit einem neuen VEP wolle Gießen seine Mobilität "zukunftsorientiert und nachhaltig gestalten". Von einer "Wende" hin zum klimafreundlichen und stadtverträglichen Verkehr ist auf der Homepage der Planersocietät die Rede.

Stadtsprecherin Claudia Boje bestätigt den vor Weihnachten erfolgten Vergabebeschluss des Magistrats. Für knapp 300 000 Euro sei der Auftrag an die Planersocietät in Zusammenarbeit mit den Büros GGR - Stadtentwicklung und Mobilität aus Berlin und IKU Die Dialoggestalter ebenfalls aus Dortmund gegangen. Die Büros seien erfahren und hätten bereits viele Verkehrspläne erstellt, "besonders auch mit Bürgerbeteiligung".

Gießen: Verkehrsmodell auch für "relevantes Umland"

Die Stadt betont, dass es nicht so sein wird, dass es in drei Jahren einen fertigen Plan gibt und man zwischendurch von dem nichts hört und sieht. Vielmehr sollen die Bürger an Zwischenschritten beteiligt werden. Nach einem internen Klärungsprozess soll mit einer Bestandsanalyse und einem "Mängelkataster" gestartet werden. Dabei komme der Stadtverkehr in seinem gegenwärtigen Zustand komplett auf den Prüfstand. Ob Fußgänger-, Radverkehr oder Nahverkehr, fließender und ruhender Verkehr, Wirtschafts- und Güterverkehr, Verkehrs- und Mobilitätsmanagement, ob Verkehrssicherheit, Umwelt, städtebauliche Situation oder Verkehrsnachfrage: Alle Verkehrsbereiche würden auf Defizite abgeklopft. Unter www.giessen-direkt.de werde in einigen Monaten eine Möglichkeit für die Bürger geschaffen, beispielsweise Problemstellen zu melden. Bürgermeister und Verkehrsdezernent Peter Neidel spricht von einer "dialogorientierten Vorgehensweise".

Parallel werde ein neues Verkehrsmodell für Gießen und das "relevante Umland" aufgebaut. Es werde die Grundlage für die konkreten Maßnahmen beim Umbau des Stadtverkehrs bilden und dauerhaft fortentwickelt. Gegen Ende des Jahres soll ein Leitbild für die Verkehrs- und Mobilitätsentwicklung in Gießen vorliegen. Mit Prognoseszenarien und Planfällen würden die Auswirkungen aufgezeigt. In diesem Zusammenhang kündigt der Magistrat Öffentlichkeitsveranstaltungen und einen Zwischenbericht an.

Gießen: 2021 und 2022 werden Maßnahmen entwickelt

In den Jahren 2021 und 2022 geht es dann an die Entwicklung von Maßnahmenpaketen und Einzelmaßnahmen, die ebenfalls öffentlich diskutiert werden sollen. Das gesamte Verfahren könnte Ende 2022 zum Abschluss gebracht werden. Natürlich könnten auch bis dahin bestimmte verkehrliche Maßnahmen schon umgesetzt werden.

Bürgermeister Neidel sieht im VEP die künftige Leitlinie der Verkehrspolitik "für einen klimafreundlichen, stadtverträglichen Verkehr". Ein Plan von dieser Tragweite müsse zwischen Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft abgestimmt werden.

Ob auf dem Weg zum Stadtverkehr der Zukunft freilich auch politisch an einem Strang gezogen wird, bleibt abzuwarten. Innerhalb des Magistrats war der Aspekt Klimaschutz offenbar nicht geklärt. Nach GAZ-Informationen wurde der Auftrag erst in der besagten Magistratssitzung vor Weihnachten auf Antrag der Oberbürgermeisterin um den Klimabeschluss des Stadtparlaments vom September ergänzt. Der Beschluss, wonach Gießen bis 2035 klimaneutral sein soll, müsse bei der Erstellung des VEP "zuvorderst" berücksichtigt werden, habe es schließlich im Beschluss zur Auftragsvergabe geheißen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare