Der Chef des Gießener Kinos Kinopolis beklagt das "undifferenzierte Vorgehen" der Bundesregierung.
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Der Chef des Gießener Kinos Kinopolis beklagt das »undifferenzierte Vorgehen« der Bundesregierung.

Corona-Krise

Gießen: »Lockdown light« trifft Betreiber von Kinos, Restaurants und Fitnessstudios schwer

  • Christoph Hoffmann
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Ab Montag steht vieles in Gießen erneut still. Der „Lockdown light“ ist beschlossene Sache. Wie reagieren die Gießener? Eine Umfrage.

  • Corona-Krise: Der „Lockdown light“ legt erneut große Teile Gießens lahm.
  • Was sagen die Betreiber von Kinos, Gaststätten und Fitnessstudios? Eine Stichprobe.

Gießen - Am Mittwoch haben sich die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen steigender Corona-Zahlen auf massive Einschränkungen verständigt. Am Montag sollen sie für vier Wochen in Kraft treten. In Gießen fürchten einige Geschäftsleute um ihre Existenz.

Der »Lockdown light« trifft vor allem die Gastronomen in Gießen. Ab Montag müssen sämtliche Restaurants und Kneipen geschlossen bleiben, lediglich Lieferung und Abholung sind möglich. Besonders bitter: Einige Gießener Wirte haben gerade viel Geld investiert, um sich für den Winter zu rüsten. Dazugehört Giancarlo Biscardi, der Betreiber des Gianoli. »Wir haben rund 40 000 Euro ausgegeben. Für Schirme und Seitenverkleidungen, damit Gäste bei schlechterem Wetter draußen sitzen können. Eine neue Lüftungsanlage haben wir auch, und auch die Trennwände haben Geld gekostet. Das ist jetzt für die Katz.« Biscardi will die Maßnahmen aber nicht verteufeln. Im Gegenteil: »Bei den steigenden Infektionszahlen kann ich das nachvollziehen.« Zumal in den letzten Tagen ohnehin kaum Gäste gekommen seien. Mitunter hätten sich in dem Lokal in der Plockstraße in Gießen mehr Mitarbeiter als Kunden aufgehalten. »Es ist gut, wenn die Leute ihre Kontakte herunterfahren. Aber für uns rechnet sich der Betrieb dann irgendwann nicht mehr.« Biscardi wird das Lokal bereits heute schließen und nur Abholungen und Lieferungen anbieten. »Wir gehen mit gutem Beispiel voran.«

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Liebe Gianolis, here we go again ... Und auch wenn wir uns mit Lüftungsanlage und Zelt gut gerüstet sehen für diesen Winter, nehmen wir die aktuelle Lage und unsere Verantwortung ernst. Daher werden wir im Gianoli schon gleich ab morgen (Donnerstag, 29. Oktober) keine Gäste mehr empfangen. Unser Lieferdienst und Abholservice läuft aber natürlich weiter und wir bauen auf eure Treue wie im März/April (viele von euch haben uns das in den letzten Wochen ja auch schon versichert). Zudem werden wir unsere beliebten Online-Winetastings wieder starten. Bleibt uns gewogen! Ihr hört von uns! • • —> www.gianoli.de <— • • #gianolidelivery #giessen #supportyourlieblingsitaliener #gießen #gianoligiessen #restaurant #trattoria #takeaway #delivery #liefershop #cucinaitaliana🇮🇹

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Corona-„Lockdown light“ auch in Gießen: Kritik von Kinobetreiber Theile

Kinobetreiber können ihre Dienstleistung nicht zu den Menschen nach Hause bringen. Umso besorgter ist Gregory Theile, Geschäftsführender Gesellschafter des Kinopolis. »Die Komplettschließung aller Kinos hat für die Branche dramatische wirtschaftliche Konsequenzen.« Nachdem die Branche für das Gesamtjahr bereits ein Minus von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verkraften habe, komme nun ein weiterer Monat mit einem hundertprozentigen Umsatzausfall dazu. »Selbst wenn die Kinos nach vier Wochen wieder öffnen dürfen, ist davon auszugehen, dass im Dezember - traditionell der besucherstärkste und damit wichtigste Monat - keine neuen Filme zur Verfügung stehen, weil die Verleiher in der Regel vier bis sechs Wochen benötigen, um einen Film zu bewerben«, erklärt Theile. Aufgrund der Unsicherheit der weiteren Entwicklung werde jedoch kein Filmverleih das Risiko eingehen, eine Marketingkampagne zu starten.

Auch wenn kein Zweifel daran bestehe, dass die Infektionsdynamik unterbrochen werden müsse, sei das »undifferenzierte Vorgehen der Regierung« nur schwer nachvollziehbar. Kinos verfügten über umfassende Hygienekonzepte und könnten eine lückenlose Kontaktnachverfolgung gewährleisten, sagt Theile. »Folgerichtig gibt es bislang in ganz Deutschland keinen einzigen Fall, der auf eine Infektion im Kino zurückzuführen ist. Kinos sind sichere Orte und daher wäre eine Regelung, die die Risikosituation der betroffenen Branchen besser berücksichtigt, der sinnvollere Weg gewesen.« Entscheidend werde nun sein, inwieweit die versprochenen wirtschaftlichen Hilfen bei den betroffenen Unternehmen ankommen werden. »Bislang sind unsere Kinos - vor allem die hessischen - praktisch leer ausgegangen.«

Corona-„Lockdown light“ auch in Gießen: Ungewissheit bereitet Sorgen

Auch Fitnessstudios müssen ab Montag geschlossen bleiben. »Ich hatte bis zuletzt die Hoffnung, dass wir verschont bleiben. Zumal alle die Hygienevorschriften akzeptiert und Masken getragen haben«, sagt Sebastian Szymanski vom WOF im Schiffenberger Weg. Natürlich akzeptiere er die Maßnahmen, gleichzeitig hätte er sich etwas mehr Augenmaß gewünscht. »Hier tun Menschen etwas für die Gesundheit. Außerdem können sie soziale Kontakte pflegen, was in dieser Jahreszeit schwieriger wird«, sagt Szymanski und betont, dass in seinem Studio keine Infektion bekannt geworden sei. Ihm bereitet vor allem die Ungewissheit Sorge. Wann geht es weiter? Kommt nach Weihnachten der nächste Lockdown? »Natürlich habe ich Existenzsorgen. Keiner weiß, wie es weitergeht.«

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz kann die Sorgen verstehen. »Gerade für Gastronomen, Kulturschaffende und alle anderen, die zuletzt so verantwortlich gehandelt haben, ist dieser ›Lockdown light‹ besonders bitter.« Grabe-Bolz wünscht sich daher, dass sich die ins Spiel gebrachte Erstattung von 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 durchsetzen wird. Gleichzeitig setzt die OB Hoffnungen in die Maßnahmen. »Es ist gut, dass diese Kleinstaaterei aufhört und eine klare Linie verfolgt wird. In der Hoffnung, dass wir danach wieder zu einem Stück Normalität zurückkehren können.«

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