Lena Sophie Weibel und Nils Pörschke haben ihr Unternehmen "Talking Tables" in eine Geisterküche verwandelt.
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Lena Sophie Weibel und Nils Pörschke haben ihr Unternehmen »Talking Tables« in eine Geisterküche verwandelt.

Gastroszene

Gießen: Edler Caterer startet neu mit Lieferdienst für jedermann 

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Nachfrage nach Essenslieferungen steigt. Neben der klassischen Pizza werden in Gießen auch hochwertige Speisen nach Hause geliefert – so jetzt auch vom Caterer „Talking tables“.

  • In Gießens Gastronomie-Szene ist aktuell vieles in Bewegung.
  • Restaurants setzen verstärkt aufs Liefern, manche existieren nur noch als „Ghostkitchen“.
  • Auch der Caterer „Talking tables“ strukturiert nun um und bietet sein Essen für jedermann an.

Gießen - Nicht selten ist der Restaurantbesuch ein Glanzlicht im ansonsten schnöden Alltag. Man zieht sich etwas Schickes an, trinkt eine Flasche Wein und lässt sich von Menschen mit kulinarischer Expertise ein schmackhaftes Mal zubereiten. Prego! Die Wahrheit ist aber: Im Alltag tut es oft auch eine Pizza aus dem Pappkarton. Es verwundert daher nicht, dass die Ausgaben für Lieferdienste in Deutschland seit Jahren steigen. 2020 vermutlich stärker als je zuvor. Denn in Zeiten einer globalen Pandemie ist der Lieferdienst nicht nur bequem, sondern auch sicher. Das Gießener Unternehmen »Talking tables« hat diesen Trend erkannt. Lena Sophie Weibel und Nils Pörschke haben ihr Konzeptcatering umgestellt und bieten nun einen täglichen Lieferdienst an. Mit ihrem Service »daily« folgen sie dem globalen Trend der Ghostkitchen, also Geisterküchen. Der Grund für die Umstrukturierung ist der Pandemie geschuldet, sagt Weibel: »Andernfalls wäre uns unsere gesamte Existenz um die Ohren geflogen.«

Gießen: Lieferdienst von „Talking tables“ soll kein Ersatz für Pizza-Dienst sein

Ghostkitchen sind Küchen, die nur für den Lieferdienst oder zum Abholen kochen. Es gibt keinen Gastraum, Kunden können nicht vor Ort essen. In Gießen gibt es das in Form von Pizzadiensten schon länger. Ghostkitchen zeichnen sich jedoch oft auch durch eine gehobenere Küche aus.

»Wir wollen kein Ersatz für einen Pizzadienst sein, sondern gesunde und trendbewusste Speisen bereitstellen«, sagt auch Weibel. Dafür hätte das Unternehmen den »Megatrend« Bowls aufgegriffen, zudem biete man klassische deutsche Brote und Currys an. »Damit beliefern wir weiterhin Firmen, zum Beispiel für Meetings, aber auch Privatleute.« Gerade Menschen im Homeoffice würden davon profitieren.

Gießen: Geisterküchen feiern beachtliche Erfolge

Der Ausbruch der Corona-Pandemie und der damit einhergehende Lockdown hat die Gießener Gastroszene durcheinandergewirbelt. Einige Lokale schlossen sich zusammen und boten unter dem Motto »Gießen teilt aus« einen Bring- und Abholservice an. Diese Notlösung funktionierte bei einigen besser als gedacht. Es gibt angesehene Gießener Gastronomen, die durch den Lieferdienst mehr Umsatz machten als in Zeiten vor Corona.

Das »Zukunftsinstitut«, das seit über 20 Jahren in Deutschland Trendforschung betreibt, bezeichnet die mit Geisterküchen operierenden Lieferdienste als »Netflix und Spotify der Gastro-Branche«. Corona könne dazu beitragen, dass sich die Machtverhältnisse zwischen Lieferanten und Restaurants weiter verschieben.

„Ghostkitchen“ in Gießen: Völlig neue Arbeitsstrukturen

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga sieht diesen Gastro-Zweig auf dem Vormarsch. »Derzeit ist sehr viel Bewegung im Markt. Branchenkenner rechnen dem Liefersegment neben Take-away und to go die größten Wachstumschancen für die nächsten zwei bis drei Jahre zu«, sagt Pressesprecher Leopold Schramek. Durch Lieferdienste könnten Gastronomen nicht nur neue Zielgruppen gewinnen, sondern auch auslastungsschwächere Zeiten im Restaurant ausgleichen.

Weibel und Pörschke haben »Talking Tables« 2016 als Konzeptcatering gegründet, das Veranstaltungen wie Hochzeiten und Weihnachtsfeiern mit Essen versorgt. Doch seit März ist dieses Geschäftsfeld quasi nicht mehr existent. In der Zeit des Lockdowns reifte bei den Verantwortlichen die Erkenntnis, dass sich der Markt für einen Caterer grundlegend verändern könnte. Also sattelte das Team um.

Gießen: „Talking tables“ beliefert seit Mitte August auch Privat-Menschen

Seit Mitte August beliefert das Unternehmen auch Privatmenschen. »Vorher haben wir für einen speziellen Tag 500 Essen zubereitet. Jetzt sind es jeden Tag einzelne Portionen«, sagt Weibel. Die Arbeitsstruktur in der Küche in der Frankfurter Straße, wo das Essen auch abgeholt werden kann, sei daher eine völlig andere. Die erste kleine Zwischenbilanz falle aber positiv aus. Weibel glaubt, den Grund für den Erfolg zu kennen: »Uns kommt unsere Start-up-Energie zugute: Wir sind in unserer Strukturen noch nicht festgefahren und offen für Neues.«

Man merkt Weibel an, dass die Veränderungen sie nicht lähmen, sondern eher beflügeln. »Natürlich war Corona ein herber Schlag für uns. Wie für viele andere auch«, sagt die Gießenerin. »Man darf aber nicht zu lange in der Vergangenheit kleben. Man muss sich vielmehr neu erfinden.« Heißt: Wenn der Gast nicht mehr ins Restaurant geht, muss das Restaurant zum Gast kommen. Gegessen wird schließlich immer.

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