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Am Freitag und Samstag waren insgesamt 96 634 Menschen im Seltersweg unterwegs. Mehr als am Stadtfest-Wochenende. Foto: Schepp

Laser im Selterweg

Gießen: Laser zählt Kunden im Seltersweg seit Monaten - Politik und Handel wussten bisher nichts davon

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Das Unternehmen "hystreet.com" zählt seit März im Seltersweg die Passanten mithilfe eines Lasersvorhangs. Obwohl solche Zahlen heiß begehrt sind, haben in Gießen weder Politik noch Handel bis jetzt davon gewusst.

Gießen - Am Samstag waren im Seltersweg 48 666 Menschen unterwegs. Am Freitag waren es 47 968. Damit ist das vergangene Wochenende bisher das frequenzstärkste des Jahres in der Gießener Innenstadt. Der "Black Friday" zog zwischen 16 und 17 Uhr 5367 Personen an, an anderen Freitagen sind zu dieser Zeit durchschnittlich 2400 Personen präsent. Am Samstag - dem ersten des Jahres mit Weihnachtsmarkt und -shopping - lag der Topwert pro Stunde sogar bei 5698 Personen (15 bis 16 Uhr). Im Schnitt tummeln sich samstags zu dieser Zeit 3751 Menschen in diesem Teil der Fußgängerzone.

Gießen: Valide Zahlen vom Dach

Immobilienbesitzer und Händler sind heiß auf solche Zahlen. Sie können damit beispielsweise Immobilienpreise oder Mieten rechtfertigen oder anfechten. Im Seltersweg werden sie zwar schon seit März ermittelt, bloß wusste bislang niemand davon. Weder im Rathaus noch im BID Seltersweg war bekannt, dass in der Einkaufsstraße ein Laserscanner hängt, der Passanten zählt. Die Daten stehen kostenlos und für Jedermann zugänglich im Internet.

Dass solchen Zahlen große Bedeutung zukommt, weiß auch Nico Schröder, Chef des Unternehmens "hystreet.com", das die digitalen Passantenzahlen an 107 Standorten in deutschen Innenstädten erfasst. "Bisher haben Mitarbeiter großer Maklerbüros an bestimmten Stunden im Jahr mit einem Klickzähler in der Hand versucht, die Frequenzen zu erfassen", sagt Schröder. Diese punktuellen Zählungen seien nur wenig aussagekräftig. "Wir wollen Zahlen mit unserem System valider und umfassender machen", erklärt Schroeder, der viele Jahre mit der Vermietung von Handelsimmobilien beschäftigt war.

Gießen: Kein kleines Startup

Anders als "hystreet.com" gerne vermitteln möchte, handelt es sich bei dem Unternehmen beim genaueren Hinsehen aber nicht um ein kleines Startup, sondern um eine Tochter der Aachener Grundvermögen, einem der größten Kapitalanleger. Die Aachener Grund ist eine Fondsgesellschaft, die indirekt mehreren katholischen Bistümern gehört und nach eigenen Angaben 17 Immobilienfonds mit einem Volumen von 6,8 Milliarden Euro verwaltet. Anlageschwerpunkt sind Einzelhandelsimmobilien in 1A-Lage. Der Immobilienbestand umfasste 2018 rund 376 Objekte, darunter nach GAZ-Informationen mit dem Seltersweg 39 auch mindestens ein Objekt in Gießen. "Hystreet.com" will den genauen Standort der Laser nicht nennen, Recherchen dieser Zeitung ergaben aber, dass der Scanner in Gießen an dieser Anschrift angebracht ist.

Gießen: Gesundheitlich unbedenklich

Diese Laser sind kaum zu erkennen. Es sind kleine Kästchen, die an Dächern oder Fassaden hängen. Mit Blick auf Datenschutz und Gesundheitsrisiken sehen die Datensammler keine Probleme. Die Technik sei so "beschränkt", dass es nicht mehr als eine Lichtschranke sei. "Wir haben uns bewusst für den Laser entschieden, auch weil datenschutzrechtliche Bedenken einfach zu entkräften sind", sagt Schroeder. Auch für Augen sei der Laser "unbedenklich".

Schroeders Ziel ist eine Versachlichung der Debatte. "Alle reden über Frequenzen, aber keiner hatte konkrete Zahlen. Insbesondere Einzelhändler klagen oft über zurückgehende Frequenzen, ohne dies belegen zu können. Wir wollten Fakten und innerstädtischen Akteuren helfen, ihre Innenstadt besser zu verstehen", sagt Schroeder.

Bei Markus Pfeffer, dem Geschäftsführer des BID Seltersweg, rennt er offene Türen ein. "Das ist das, was wir schon immer wollten. Daher verwundert es mich, dass niemand auf uns zugekommen ist. Die Zahlen von hystreet liegen allerdings etwas niedriger, als die, die wir kennen", sagt Pfeffer.

Gießen: Zentrale Zahlen aus dem Seltersweg

  • Im Oktober sind in Gießen 637 602 Passanten gezählt worden. Mehr als in Mainz in der Einkaufstraße "Am Brand" (596 662).
  • Zum verkaufsoffenen Sonntag am 13. Oktober waren 32 422 Passanten im Seltersweg. Der Großteil zwischen 13 und 16 Uhr. Zu "Sport in der City" am Sonntag, 31. März, wurden 27 780 Menschen gezählt. Damit liegen beide Sonntage im Bereich der Werte für einen normalen Samstag (25 000 bis 35 000 ). Auffällig: Samstage vor verkaufsoffenen Sonntagen sind stark: Am 12. Oktober kamen 36 460 Passanten.
  • Im November war der Seltersweg stark frequentiert. 641 285 Passanten. Das ist Platz 61 unter 107 Standorten. Auf der Zeil wurden 2 033 486 gezählt (4.).
  • Das Stadtfest lockte an drei Tagen 118 098 Menschen in den Seltersweg.
  • Auch das verraten die Zahlen: Wer es beim Weihnachtsshopping ruhiger haben möchte, geht vor 12 Uhr oder nach 17 Uhr in die Stadt.

Info: So funktioniert es

Das Unternehmen misst 24/7 die Anzahl der Menschen, die eine gedachte Linie im Seltersweg überschreiten. Der an einer Fassade angebrachte Laserscanner erzeugt einen Lichtvorhang zur Frequenzzählung. Damit kann u.a. auch die Laufrichtung bestimmt werden. Passanten, die die Linie innerhalb eines Messintervalls mehrfach überschreiten, werden jeweils neu gezählt. Auch kann der Laser zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden. Die Passantenfrequenz ist für jede Stunde einzeln abrufbar. Zu jedem Messwert werden Wetterdaten angezeigt. Die Daten sind kostenlos auf www.hystreet.com einsehbar

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