Im Gießener Land haben zwei private Corona-Testcenter eröffnet. Das sorgt für Spannungen bei den niedergelassenen Hausärzten. (Symbolbild)
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Im Gießener Land haben zwei private Corona-Testcenter eröffnet. Das sorgt für Spannungen bei den niedergelassenen Hausärzten. (Symbolbild)

Medizin

„Zweiklassenmedizin“ in Gießen: Private Corona-Testcenter stoßen bei Ärzten auf Ablehnung

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Innerhalb von einer Woche haben in Gießen zwei private Corona-Testcenter ihre Arbeit aufgenommen. Kritik an den Einrichtungen äußern nun Gießener Hausärzte.

  • Im Landkreis haben innerhalb kurzer Zeit zwei private Corona-Testcenter eröffnet.
  • Die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) warnt vor einem Parallelsystem und doppelter Arbeit.
  • „Zweiklassenmedizin“: Die Kritik an den privaten Corona-Testcentern in Gießen ist immens.

Gießen – Dass innerhalb einer Woche zwei private Corona-Testcenter in Gießen eröffnet haben, sorgt für zwiespältige Reaktionen. Auf der einen Seite verzeichnen die Einrichtungen in Lützellinden und an den Hessenhallen erste Besucher, die sich einem Abstrich unterziehen. Die Stadt und der Landkreis Gießen sprechen davon, dass durch die privaten Anbieter die Lasten auf mehrere Schultern verteilt werden - ohne dabei den Hinweis zu vergessen, dass es für Menschen mit Symptomen bereits Anlaufstellen gibt. Genau dort regt sich nun Kritik: Nach der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen warnen nun Gießener Ärzte vor einem Parallelsystem. »Wir verstehen den Sinn dieser privaten Testcenter nicht«, sagt der Mediziner Witold Rak. Er ist Sprecher des Gesundheits-Netzes Gießener Hausärzte (GNGH).

Kritik an privaten Corona-Testcentern in Gießen: Ansturm ausgeblieben

Am Dienstag hatte eine Tierärztin auf ihrem Hof zwischen Kleinlinden und Linden ein Testcenter eröffnet. Sie arbeitet mit einem Labor in Bremen zusammen. Mit einem Düsseldorfer Labor kooperiert eine Testeinrichtung, die vom Gießener Unternehmen Eluthia geführt wird. Beide Angebote richten sich an Privatzahler; die Kasse übernimmt die Kosten nicht.

Die Tierärztin Silke Helffenstein sagt, der Ansturm sei in den ersten Tagen nach der Eröffnung ausgeblieben. Es gebe aber bereits jetzt Anfragen für die Zeit vor Weihnachten, inwieweit dann Testkapazitäten frei seien. Ähnliches berichtet der Geschäftsführer von Eluthia, Tarrin Khairi-Taraki. Am ersten Tag hätten die Mitarbeiter 19 Abstriche genommen. Anfragen gebe es vor allem mit Blick auf Familienbesuche und von Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Rahmen des Gesundheitsschutzes testen lassen wollen.

Kritik an privaten Corona-Testcentern in Gießen: „Praxen offen, System funktioniert“

Die Kassenärztliche Vereinigung betreibt seit April eine Corona-Testeinrichtung in der Rivers-Sporthalle an der Automeile. Ein Sprecher hatte gegenüber dieser Zeitung betont, angesichts der knappen Ressourcen sehe die KV die privaten Testzentren kritisch. Unterstützung gibt es nun von den in einem Netzwerk zusammengeschlossenen Hausärzten aus Gießen. GNGH-Sprecher Rak betont, dass vor einem Abstrich die Anamnese, also das Erfassen von möglichen Symptomen, entscheidend bei der Frage sei, ob und wann ein Test nötig ist oder nicht. »Die Praxen sind offen, das System funktioniert«, sagt Rak. »Wer Indikatoren für einen Test hat, der bekommt ihn auch.« Inklusive der notwendigen Untersuchung und Beratung.

In dem privaten Testcenter zwischen Linden und Kleinlinden werden neben den PCR-Tests auch Antigen-Schnelltests eingesetzt. Rak betont, in den Praxen kommen diese momentan selten zum Einsatz. Das liege unter anderem an der zum Teil problematischen Empfindlichkeit der Tests: So könne es durchaus vorkommen, dass der Schnelltest ein positives Ergebnis anzeige, aber die Person gesund sei. »Das führt zu Unsicherheiten und Ängsten«, sagt Rak. »Goldstandard bleibt der PCR-Test.« Umgekehrt könne ein unauffälliges Testergebnis bei einer infizierten Person vorkommen. Dies, betont Rak, könne für das eigene Umfeld fatale Folgen haben.

Kritik an privaten Corona-Testcentern in Gießen: „Doppelte Arbeit“

Ist ein Schnelltest positiv, muss zwangsläufig sofort ein PCR-Test folgen, betont der Sprecher. Wenn dieser in einer privaten Einrichtung ebenfalls positiv ausfällt, müssten die Betroffenen nach dem Erhalt der Ergebnisse sowieso zu einem Arzt, um sich krankschreiben zu lassen. Vorher müssten sie außerdem in häusliche Isolation geschickt werden. Ist dies gegeben, wenn in einer privaten Einrichtung getestet wird, fragt Rak. Und er ergänzt: »Das bedeutet dann doppelte Arbeit, und das bei knapper werdenden Ressourcen.«

Gerade die Hausärzte würden mit ihrer ausführlichen Anamnese dafür sorgen, die auswertenden Labore nicht zu überlasten, sagt der Mediziner. Die privaten Testzentren blockierten hingegen diese Kapazitäten mit medizinisch nicht begründeten Tests. »Wir laufen in dieser Frage auf eine Zweiklassenmedizin zu«, betont der GNGH-Sprecher.

Auch in einem offenen Brief an die Landesärztekammer kritisiert das Netzwerk die privaten Einrichtungen - und stellt viele Fragen: Wer kontrolliert diese Testzentren? Und warum dürfen sie werben, wenn für Arztpraxen ein Werbeverbot gilt?

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