Einsatz an der Corona-Front: Bundeswehr-Soldaten helfen im Gesundheitsamt.
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Einsatz an der Corona-Front: Bundeswehr-Soldaten helfen im Gesundheitsamt.

Corona-Chronik für Oktober

Gießen: Im Oktober rollt die zweite Corona-Welle durch den Landkreis

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Spätestens seit Oktober ist klar: Die zweite Corona-Welle rollt auch durch Gießen. Die Bundeswehr muss helfen. Und ein neuer Lockdown wird kommen. Teil acht der Gießener Corona-Chronik.

Donnerstag, 1. Oktober: Es sind Folgen der Corona-Pandemie, auf die man nicht sofort kommt. Weil viele Menschen im Homeoffice arbeiten, ändert sich ihr Dresscode. »Wir merken, dass viele Menschen gar nicht mehr oder nur einmal die Woche ins Büro gehen«, sagt Tilo Heuser vom Herrenausstatter Bratfisch. Auch die Textil- und Gebäudereiniger sowie Caterer, die normalerweise Betriebe mit Essen beliefern, haben heftige Umsatzeinbußen.

Montag, 5. Oktober: Fast wie früher: Über zehn Seiten Lokalsport-Berichterstattung vom Wochenende in der GAZ. Überall rollt der Ball - noch.

Dienstag, 6. Oktober: Riesenaufregung um eine Geburtstagsfeier in einem Gießener Restaurant, die bereits Ende September stattfand. Unter den Gästen, die vorwiegend zur Belegschaft eines Unternehmens aus dem Raum Marburg gehören, grassiert das Virus, rund 30 Infektionen werden festgestellt. Die Feiernden hatten um Mitternacht lauthals eine Geburtstagsständchen gesungen und den Jubilar danach einzeln umarmt. Eine verunglückte Pressemeldung des Landkreises zu dem Vorfall sorgt für zusätzliche Diskussionen. Das Geschehen zeigt jedenfalls: Hygienekonzepte werden bei Partys und Feiern schnell zur Makulatur.

Samstag, 10. Oktober: Die Corona-Chronik für den September endet mit einem Zitat der Bundeskanzlerin: »Wenn die Fallzahlen sich so weiterentwickeln wie zuletzt, wird es bis Weihnachten 19200 Neuinfektionen am Tag geben.« Angela Merkel irrt sich.

Freitag, 16. Oktober: Die Entwicklung der Infektionszahlen rückt in den Blickpunkt, aber nicht die in Gießen, sondern in den sogenannten »Teilräumen«. Der Norden des Landkreises rutscht mit einer Inzidenz von fast 65 in den roten Bereich. Lollars Bürgermeister Bernd Wieczorek weist Gerüchte zurück, eine türkische Hochzeit haben die Infektionen in die Höhe schnellen lassen: »Das ist völliger Quatsch, die Fälle lassen sich nicht auf eine bestimmte Veranstaltung zurückführen.«

Die Überschreitung der Sieben-Tage-Inzidenz von 35 hat für die Gastronomie Folgen: Ab sofort gilt ab 23 Uhr eine Sperrstunde, die vor allem in Gießen das Nachtleben lahmlegt. Nachdem einige Tage später ein Gießener Kneipenbetreiber die Anordnung vor Gericht zu Fall bringt, hebt der Kreis die Sperrstunde wieder auf. Viel haben die Wirte davon nichts, denn das Alkohol-Ausschankverbot ab 23 Uhr bleibt in Kraft. Ferner wird verfügt: Mit Ende der Herbstferien gilt in den Schulen vorerst eine Maskenpflicht.

Samstag, 17. Oktober : Jetzt haben es auch die Gießener schwarz auf weiß: In der ersten Monatshälfte hat sich in der Stadt die zweite Welle aufgebaut. Gab es am 1. des Monats nur 18 aktive Fälle, sind es am 15. weit über 40. Am Ende des Monats werden es fast 200 Fälle sein.

Dienstag, 20. Oktober: Eine Grundregel zum Verständnis der Lungenseuche lautet: Wir schauen immer zwei Wochen zurück. Insofern wirken die Ankündigungen Mitte Oktober, dass es einen Weihnachtsmarkt und am 1. November ein kleines Suppenfest auf dem Lindenplatz als Probelauf geben soll, wie Geistermeldungen. Die Infektionen, die auch diesen Veranstaltungen den Garaus machen werden, sind schon passiert. Wie bei den Lottozahlen der Hinweis »ohne Gewähr« wird auch jetzt vom Gießen-Marketing nachgeschoben: Alles hängt von der Entwicklung der Infektionszahlen ab.

Hoffnung macht an diesem Tag die Kinderseite der GAZ, auf der - auch für die Großen verständlich - erklärt wird, wie ein Impfstoff versteht. Wäre da nicht die Fußnote: »Insgesamt acht bis 17 Jahre kann es dauern. Beim Coronavirus soll es schneller gehen.«

Donnerstag, 22. Oktober: Ein neuer und ein alter Corona-Trend. Die Hamsterei geht wieder los. JLU-Psychologin Christina Stahlecker beschreibt das Phänomen: »Als soziales Dilemma bezeichnen wir Situationen, in denen das individuelle Interesse dem Allgemeininteresse entgegensteht. In diesem Fall heißt das: Wenn ich mir einen Vorrat anlege, ist das für mich gut und beruhigend. Ich weiß aber, dass ich anderen etwas wegkaufe.« Wegen Corona gefragt ist in diesem Herbst und Winter die Grippe-Impfung; die Arztpraxen registrieren einen regelrechten »Ansturm«.

Samstag, 24. Oktober: JLU-Lungenforscherin Prof. Susanne Herold nimmt im Interview die Debatte voraus, die keine zwei Wochen später heftig entbrennen werden wird: »Jeder Einzelne ist im täglichen Leben gefragt, das kann man mit Gesetzen und Verordnungen gar nicht schaffen. Wir müssen überlegen, wo wir es verhindern können, mit vielen Menschen zusammenzukommen, wo Übertragungen stattfinden, und uns und andere durch entsprechendes Verhalten schützen. Das wird signifikant dazu beitragen, die Ausbreitung zu verlangsamen.«

Dienstag, 27. Oktober: Die Inzidenz im Landkreis liegt bei fast 120, in Pohlheim bei über 300. »Das ist eine noch höhere Inzidenz als im Berchtesgadener Land, als dort der Lockdown beschlossen wurde«, sagt Bürgermeister Udo Schöffmann. Für die Fußgängerzone in Gießen zeichnet sich eine Maskenpflicht ab.

Mittwoch, 28. Oktober: Das Corona-Testcenter an der Rivers-Halle ist am Anschlag. Fast 400 Tests wurden dort zu Wochenbeginn an einem Tag durchgeführt. Trotzdem bildet sich vor der Drive-through-Station eine lange Pkw-Warteschlange, in der zeitweise 60 bis 70 Wagen stehen. »Unsere Ressourcen sind auf jeden Fall bald erschöpft«, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, die das Center betreibt.

Donnerstag, 29. Oktober: Es geht Schlag auf Schlag, nachdem die Bundes- und Landesregierungen einen zweiten Lockdown beschlossen haben. Gaststätten, Kinos, Theater und Fitnessstudios müssen ab dem 2. November schließen, vorerst für vier Wochen. »Wir haben 40 000 Euro ausgegeben. Für Schirme und Seitenverkleidungen, damit Gäste draußen sitzen können. Das ist jetzt alles für die Katz«, ärgert sich Gastronom Giancarlo Biscardi. Mit den Kinos werden die Falschen getroffen, ist Edgar Langer vom Licher »Traumstern« überzeugt: »Ich habe hier kistenweise Adressen. Da war nie irgendetwas«.

In Gießen ziehen Ordnungsamt und Stadtmarketing die Reißleine und sagen den Weihnachtsmarkt ab, obwohl der Teil-Lockdown dies nicht verlangt. Ein Markttreiben wäre aus Sicht von Bürgermeister Peter Neidel aber ein »falsches Signal« gewesen. Auch die Eisbahn am Kirchenplatz kommt nicht, eine Weihnachtsbeleuchtung soll es geben.

Samstag, 31. Oktober: Der Monat endet mit Bildern, die sinnbildlich für die Entwicklung der Pandemie stehen: Im Kreisgesundheitsamt sitzen 18 Infanteristen des Jägerbataillons 1 aus Schwarzenborn und helfen bei der Nachverfolgung von Infektionen. In den alten Hollywood-Western kommt zum Schluss die Kavallerie, und alles wird gut. Aber dieser Film hier, der ist noch lange nicht zu Ende. Sozialminister Kai Klose ruft die Warnstufe 2 für Mittelhessen aus.

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