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Hebammenverbände klagen an

Kreißsäle in Gießen überfüllt: Hebammen schlagen Alarm

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Im Vogelsberg gibt es schon lange keinen Kreißsaal mehr. Seit einigen Wochen wird auch in Marburg-Wehrda nicht mehr entbunden, jetzt schließt auch die Entbindungsstation in Ehringshausen. Viele der Frauen werden ihre Kinder künftig in Gießen auf die Welt bringen. Dabei sind die heimischen Hebammen jetzt schon überlastet.

15.30 Uhr im vierten Stock des Katholischen Krankenhauses: Die Hebammen haben sich zur Teamsitzung getroffen. Es gibt Kaffee und Kuchen, die Frauen lachen viel, eine hat sogar den eigenen Nachwuchs dabei. Die Chemie unter den Geburtshelferinnen stimmt offenbar. Und die Frauen lieben ihren Beruf, daran lassen sie keinen Zweifel. Doch als die Sprache auf die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit kommt, wird es plötzlich still im Raum. Anette Erkal ist die erste, die das Wort ergreift: "Die Situation ist schlimm."

Hebammenverbände klagen schon lange über eine hohe Arbeitsbelastung und Personalmangel in ihrer Branche. Zwei aktuelle Analysen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages untermauern das. Demnach muss sich fast die Hälfte aller Hebammen um drei Gebärende gleichzeitig kümmern.

Hebammen in Gießen: In Hessen reihenweise Entbindungsstationen geschlossen

Auch in Gießen kommt das vor, bestätigt das Geburtshilfeteam aus dem St.-Josefs-Krankenhaus. "Wir versuchen zwar, dass jede Hebamme nur zwei Frauen betreut, aber immer klappt das nicht", sagt Ina Lange, die genauso wie die anderen Frauen als selbstständige Beleghebamme in der Klinik arbeitet. Allerdings sei das ein verhältnismäßig kleines Problem. Denn während sich in vielen Kliniken Hebammen zurückziehen und somit einige Stellen unbesetzt sind, ist das Team des St.-Josefs-Krankenhauses ordentlich aufgestockt worden. "Wir sind inzwischen gut aufgestellt", betont Anette Erkal. "Früher waren wir immer sechs oder sieben Frauen, aktuell sind wir 12."

Trotzdem sehen die Hebammen Probleme auf sich zukommen. Denn in Hessen werden reihenweise Entbindungsstationen geschlossen. Im Juli hat das Diakonie-Krankenhaus im Marburger Stadtteil Wehrda seinen Kreißsaal dichtgemacht, zuletzt schloss das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ehringshausen die Station. Laut Anette Erkal sind das jährlich etwa 1000 Frauen, die künftig andernorts entbunden werden müssen. Zum Beispiel in Gießen. "Wir merken jetzt schon einen Zuwachs", sagt die langjährige Geburtshelferin. Ihre Kollegin Melanie Marker stimmt ihr zu. "Es gibt immer weniger Geburtskliniken, auf die sich die Schwangeren verteilen. Wir stoßen hier an unsere Grenzen. Wir müssen unbedingt räumlich wachsen."

Hebammen in Gießen: "Das ist für viele eine Katastrophe"

Denn schon heute komme es vor, dass man Frauen in den Wehen abweisen und in andere Kliniken schicken müsse. "Das ist für viele eine Katastrophe", sagt Simone Benner und fügt an, dass dies alle Geburtshäuser betreffe. Kürzlich erst hätten zwei Frauen vor der Tür gestanden, die aus einer anderen Klinik weggeschickt worden seien.

Auch die Gießener Uniklinik macht sich wegen der vielen Schließungen Gedanken. "Wir rechnen mit einer deutlichen Zunahme geburtshilflicher Patientinnen und einem Anstieg der Geburten", sagt Pressesprecher Frank Steibli. Strukturen, Prozesse und Abläufe sollen daher personell, organisatorisch und räumlich angepasst werden. Die gute medizinische und pflegerische Versorgung Schwangerer sei aber weiterhin gegeben, betont Steibli. "Dieser Trend stellt allerdings eine große Herausforderung dar, auch für ein Haus der Maximalversorgung."

Hebammen in Gießen: Viel Bürokratie, wenig Freizeit, geringer Verdienst

Der Mehraufwand in den Kreißsälen hat aber auch folgenschwere Auswirkungen auf Frauen, die ihre Geburt schon hinter sich haben. Oder deren Entbindung noch bevorsteht. Denn schon jetzt haben es Frauen in Gießen schwer, eine Hebamme für die Betreuung während und nach der Schwangerschaft zu finden. "Wir müssen werdenden Müttern häufig absagen. Schweren Herzens", sagt Miriam Hollerith. Einige Frauen würden zudem keine Hebamme für das Wochenbett finden. Gerade für solche, die das erste Mal ein Kind bekämen, sei das ein Riesenproblem. Verschärfend kommt hinzu, dass die Beleghebammen des St.-Josefs-Krankenhauses während der Rufbereitschaft keine Hausbesuche mehr machen, sondern den Bereitschaftsdienst meist vollständig auf der Geburtstation verbringen. Das entschärft die Situation im Kreißsaal, verschlimmert aber gleichzeitig den Mangel bei der Wochenbettbetreuung.

Einmal auf die Probleme ihres Berufsstands angesprochen, sprudelt es aus den Hebammen nur so heraus: Hoher bürokratischer Aufwand, wenig und schlecht planbare Freizeit, geringer Verdienst. "Vor allem die vielen Nebenschauplätze sind belastend", sagt Simone Benner. Sie meint das Putzen, die Materialbestellung, die Terminkoordination. "Dadurch fehlt Zeit, die wir eigentlich für die Frauen brauchen."

Und trotzdem: Wenn man die Hebammen fragt, ob sie ihren Beruf gerne machen, fangen alle an zu strahlen. "Es ist so besonders und ehrenhaft, bei der Geburt dabei zu sein", sagt Miriam Hollerith. "Wenn das Kind herauskommt und den Müttern vor Glück alles entgleitet, ist das ein tief emotionaler und berührender Moment." Dafür nehmen die Geburtshelferinnen auch Widrigkeiten in Kauf. Denn sie werden belohnt. Oder, wie Ina Lange es sagt: "Bei jeder Geburt nehmen wir ein paar der Glückshormone mit nach Hause."

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