In der ersten Corona-Phase im April verlagerte die "Brücke" (im Bild Sozialpädagogin Gertrud Monninger-Wolff) ihre Frühstücksausgabe auf den Gehweg in der Dammstraße. FOTO: SCHEPP
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In der ersten Corona-Phase im April verlagerte die "Brücke" (im Bild Sozialpädagogin Gertrud Monninger-Wolff) ihre Frühstücksausgabe auf den Gehweg in der Dammstraße. FOTO: SCHEPP

Obdachlose und Corona

Gießen: Kein Notstand bei Obdachlosenhilfe

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Medienberichte über eine lebensbedrohliche Lage für Obdachlosehaben für Aufregung gesorgt. Doch die Träger der Hilfe in Gießen stellen klar: Eine besondere Notlage besteht trotz Corona nicht.

Etwa 200 Menschen leben in Gießen nach Schätzung des Diakonischen Werks auf der Straße und in einer "sehr prekären Lebenssituation". Viele suchen die Hilfseinrichtungen der Obdachlosenhilfe der Diakonie oder der Arbeiterwohlfahrt auf, 18 von ihnen übernachten derzeit im Männerwohnheim im Falkweg.

Einige indes verbringen die Nächte auch im Winter lieber draußen. Wohl ab heute Nacht dürfen sie das eigentlich nicht mehr. Denn dann tritt im Landkreis Gießen und damit auch in der Stadt Gießen eine nächtliche Ausgangssperre ein. Diakonie-Geschäftsführer Holger Claes hofft auf das "Fingerspitzengefühl" der Ordnungspolizei, die die Ausgangssperre überwachen soll.

Die Ausgangssperre ist die aktuellste, aber nur eine von vielen Facetten der Pandemie, mit der auch die Träger der Obdachlosenhilfe seit dem vergangenen März klarkommen müssen. Bis vor wenigen Wochen hatte die Öffentlichkeit davon kaum Notiz gewonnen. Aber seitdem die Mitarbeiter der Diakonie-Einrichtung "Brücke" bei einem Pressegespräch Anfang November Alarm geschlagen hatten und es entsprechende Medienberichte über eine lebensbedrohliche Situation der Obdachlosen in Gießen gab, ist die Aufregung groß. "Ich bin ja froh, dass sich so viele Menschen in Gießen für Obdachlose engagieren, aber es ist auch wichtig, über das Thema sachlich zu informieren und es nicht nur emotional zu betrachten", sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz am Freitag bei einem Pressegespräch, an dem die Vertreter der Arbeiterwohlfahrt und der Diakonie teilnahmen. Sie betreiben das Wohnheim im Falkweg und die Tageseinrichtung "Brücke" in der Dammstraße. Beide Einrichtungen werden nicht von der Stadt finanziert, sondern dem Landkreis als Sozialhilfeträger bzw. dem Landeswohlfahrtsverband. Die Stadt steuert aber freiwillige Leistungen zur Obdachlosenhilfe bei, zum Beispiel für die Streetworker.

Keine Kapazitätsprobleme

"Es gibt in Gießen seit vielen Jahren ein professionelles Hilfsangebot und ein hevorragendes Zusammenspiel zwischen Landkreis, Stadt und den Trägern", sagte AWO-Chef Jens Dapper. Die Einrichtung im Falkweg mit ursprünglich 24 Übernachtungsplätzen sei bislang "nie an die Kapazitätsgrenze gekommen".

Vor dem Hintergrund der Pandemie hat sich die Zahl der Plätze durch die Nutzung zusätzlicher Räume sogar auf 34 erhöht, obwohl sich in den Mehrbettzimmern jetzt nur noch zwei Personen aufhalten dürfen. Laut Heimleiter Christian Garden gibt es Moment 18 "Übernachter", darunter einen positiv getesteten Mann und zwei Verdachtsfälle, die allesamt natürlich unter Quarantäne stehen. Bei Neuankömmlingen würden Corona-Schnelltests durchgeführt, auch Masken seien in ausreichender Zahl vorhanden. Eingeschränkt worden seien die Kontakte untereinander in dem Heim. Im Falkweg gilt übrigens kein Alkoholverbot. "Sozialverträgliches Trinken" auf den Zimmern sei erlaubt, erklärte Garden. Angesichts des in der Ausgangssperre geltenden Verbots, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist das womöglich ein Ventil.

Einen Befreiungsschlag konnten die Diakonie-Vertreter für die unter Raumnot leidende "Brücke" vermelden. Die Stadtmission stellt der Tageseinrichtung, in der die Männer unter anderem beraten und medizinisch betreut werden, ihre großen Jugendräume in der Löberstraße zur Verfügung. Diese Lösung ergab sich erst in dieser Woche. "Ich bin heilfroh. dass das geklappt hat", sagte Bereichsleiter Andreas Schmidt.

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