Karstadt bleibt ein Teil von Gießen. Doch das Aus der Lebensmittelabteilung wirft Fragen auf.
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Karstadt bleibt ein Teil von Gießen. Doch das Aus der Lebensmittelabteilung wirft Fragen auf.

Karstadt-Lebensmittelabteilung

Karstadt Gießen: Bezeichnung „Warenhaus“ wackelt nach Veränderung

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Die Lebensmittelabteilung bei Karstadt in Gießen schließt. Das wirft Fragen auf: Hätte man den Niedergang vermeiden können? Und darf sich Karstadt künftig noch Warenhaus nennen?

  • Im Karstadt am Selterstor in Gießen endet eine Ära.
  • Die Lebensmittelabteilung des Kaufhauses schließt endgültig.
  • Gerüchte um einen Nachfolger in den Karstadt-Räumen gibt es bereits.

Gießen – Die Stadt mag fremd sein. Sobald man indes irgendein Warenhaus betritt, kennt man sich aus. Nahe dem Eingang Drogerie und Schreibwaren. Oben Kleidung, Elektro, Sport. Und im Untergeschoss: Lebensmittel. So war das jahrzehntelang in deutschen Fußgängerzonen.

Eine Ära endet an diesem Samstag (17.10.2020) bei Karstadt Gießen am Selterstor. Die Lebensmittelabteilung schließt für immer ihre Pforten. Im Rückblick wird klar: Der Spagat zwischen Grundversorger und Feinkost-Anbieter wurde immer schwieriger.

»Ich finde es gut, dass Karstadt diese Abteilung betreibt, obwohl sie nicht viel abwirft.« Mit diesen Worten würdigte der damalige Oberbürgermeister Manfred Mutz den wichtigsten Lebensmittelanbieter in der Fußgängerzone nach dem letzten großen Umbau im Jahr 1998. 5,6 Millionen D-Mark hatte der Konzern in seine Vorzeige-Filiale im Seltersweg investiert. 88 Mitarbeiter auf 56 Stellen - 18 Arbeitsplätze mehr als zuvor - waren damals auf den 1600 Quadratmetern tätig.

Karstadt in Gießen: Weinberater und Edel-Imbiss

Stolz zählten die Hausherren auf, was sie von schnöden Supermärkten unterschied: Weinberater, Edel-Imbiss, Frischetheken unter anderem mit Ware aus der eigenen Bäckerei, ein »öffentlicher Fernsprecher«. Dazu kam ein ungewöhnlich breites Angebot an Delikatessen von der Wachtel bis zum indischen Bier. Unverzichtbar waren zugleich Grundnahrungsmittel wie Tiefkühlpizza oder Mehl. Schließlich kauften Innenstadtbewohner bei Karstadt alltäglichen Bedarf ein.

Eine Goldgrube war eine Lebensmittelabteilung nie, räumt Wilfried Behrens ein, der Karstadt Gießen von 1984 bis 2007 durch goldene Zeiten mit bis zu 850 Beschäftigten führte. Kostendeckend sei der Betrieb aber durchaus gewesen. Die Philosophie, das Untergeschoss als Genuss-Ort mit Niveau zu etablieren, habe beigetragen zum »Gesamterfolg« des Hauses: »Wir haben neue Kunden kennengelernt, die bei uns natürlich nicht nur Lebensmittel gekauft haben.« Hunderte drängten sich zum Beispiel bei »Schlemmerabenden« mit Livemusik, Scampi und Champagner.

Möglich war das, erläutert Behrens, weil Karstadt seine Lebensmittelabteilung selbst betrieb - anders als die Kaufhof-Filiale an der Katharinengasse, deren Mieter schon 1992 aufgab.

Hätte ein anderes Management in den letzten Jahren den Niedergang aufhalten können? Jedenfalls habe »in Innenstädten nur noch Hochwertiges eine Chance«, meint der 78-Jährige. Doch die Voraussetzungen hätten sich geändert mit größerer Supermarkt-Konkurrenz sowie der bundesweiten Krise des Innenstadthandels und der Warenhausketten.

Karstadt in Gießen: Als Einkaufsort weit abgeschlagen

»In einem Hause alles bieten - das kann Karstadt«, hieß einst die Werbung. Die Klischeevorstellung dahinter: Mutti probiert Wintermäntel an, die Kinder bestaunen Goldhamster in der Zooabteilung, Vati hört in Schallplatten hinein und kann dazu gleich den passenden Schrank erwerben. Zum Schluss wird im Keller das Abendessen besorgt.

Heute versorgen sich nur sechs Prozent der Verbraucher regelmäßig in Lebensmittelabteilungen von Warenhäusern, ergab der Handelsreport Lebensmittel des Handelsverbands Deutschland 2018. Damit liegen diese Einkaufsorte weit abgeschlagen hinter Discounter (91) und Supermarkt (88), selbst Tankstellenshops und Kioske verzeichnen mit sieben Prozent mehr Lebensmittel-Kunden.

Nach Stellenstreichungen über Jahre und einer Abkehr von der Feinkost-Ausrichtung gibt die Karstadt Feinkost GmbH den Standort Gießen zum 17. Oktober ganz auf. Seit Wochen schrumpft das Angebot, die Frischetheken sind längst verwaist.

Karstadt in Gießen: Nur noch wenige Mitarbeiter

Dem Vernehmen nach gab es zuletzt etwa 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter einige langjährige, die für sechs Monate in einer Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft aufgefangen werden. Der Konzern Galeria Kaufhof Karstadt nennt auf mehrfache Anfrage keinerlei Zahlen und äußert sich auch nicht zum Gerücht, dass ein Asia-Markt ins Untergeschoss einzieht.

Sollte es dort weiterhin Lebensmittel geben, so bliebe immerhin die Bezeichnung »Warenhaus« erhalten. Die gebührt nämlich genau genommen nur Geschäften mit »Food-Sektor«, weiß das Internetlexikon Wikipedia. Alle anderen sind nämlich »nur« Kaufhäuser.

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