Dietmar Knöß an der Theke des "Justus": Wie lange er den Laden noch betreiben wird, ist ungewiss.
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Dietmar Knöß an der Theke des »Justus«: Wie lange er den Laden noch betreiben wird, ist ungewiss.

Kneipe in Gießen

 „Justus“-Wirt Dietmar Knöß: „Selbst mein Vater sagt heute, dass ich alles richtig gemacht habe“

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Dietmar Knöß aus Gießen wusste schon sehr früh, was er will und was er fühlt. Sowohl mit seinem Outing als auch seiner Berufswahl hat er nicht nur beim Vater für Kopfschütteln gesorgt. Der »Justus«-Wirt hat sich von seinem Weg aber niemals abbringen lassen.

  • Schon als Kind zapft Kneipenbesitzer Dietmar Knöß in der Kneipe seiner Tante Bier.
  • Als der Besitzer des „Justus“ in Gießen aufhören will, ergreift Knöß die Gelegenheit und übernimmt den Laden.
  • In einem Jahr läuft der Pachtvertrag jedoch aus.

Gießen – Ein Glas Salpetersäure gefällig? Oder ein Schluck Äther? Auf den Tischen der Restaurantkneipe »Justus« stehen jede Menge Fläschchen, die einst chemische Substanzen beinhalteten. Heute dienen sie jedoch nicht als Trinkgefäße, sondern als Vasen für die Blumen. Getrunken wird im »Justus« ohnehin eher Weizenbier, was an der bayerischen Deko zu erkennen ist.

Mittendrin steht Dietmar Knöß, Wirt der alteingesessenen Kneipe und bis vor einem Jahr auch Verantwortlicher des Bootshauses. So wie Justus von Liebig der Chemie verfallen war, so sehr schlägt das Herz von Knöß für die Gastronomie. »Und das schon seit ich denken kann.«

Knöß ist als eines von drei Kindern in einem 500-Seelen-Dorf im Vogelsberg aufgewachsen. Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete bei der Stadt. »Ich hatte eine tolle Kindheit«, sagt der 57-Jährige. Auch wegen der Kneipe seiner Tante. Knöß erinnert sich noch genau, wie er als Zehnjähriger hinterm Tresen stand und für ein paar Pfennig Trinkgeld Bier ausgab. »Mein Onkel hatte mir einen Schemel gebaut, damit ich an die Zapfanlage komme.« Für den Jungen war damals schon klar, dass er sein Geld später in der Gastronomie verdienen wollte. Zumal ihn seine Großmutter, die regelmäßig für Hochzeiten Essen zubereitete, für das Kochen begeistert hatte. »Ich wollte daher unbedingt Koch werden. Mein Vater hatte allerdings etwas dagegen«, sagt Knöß. Davon ließ sich der Junge aber nicht abhalten.

„Justus“ in Gießen: Coming-Out von Dietmar Knöß bedeutete für seinen Vater eine mittelschwere Katastrophe

Mit 15, seine Eltern wähnten den Sohn in der Schule, fuhr Knöß mit dem Bus nach Alsfeld und bewarb sich im Restaurant des Kaufhauses Kerber um eine Lehrstelle. »Die nötige Unterschrift hatte mir meine Großmutter gegeben.« Er bekam die Stelle und legte den Lehrvertrag seinem Vater vor. Wie der reagierte? Knöß zuckt mit den Schultern: »Es war mein Leben.«

Diese Episode belegt eindrucksvoll, wie Knöß tickt. Er geht selbstbewusst mit seinen Wünschen und Gefühlen um und lässt sich nicht lähmen durch die Meinung anderer. Ähnlich verlief es bei seinem Coming-out.

Während seine Freunde langsam die Vorzüge des anderen Geschlechts erkannten, wusste Knöß schon längst, dass er auf Jungs stand. »Dass ich schwul bin, war mir schon als Zwölfjähriger klar.« Zwei Jahre später teilte er das auch seinen Eltern mit - was besonders für den Vater eine mittelschwere Katastrophe bedeutete. »Er war ein Alphatier. Und Kirchenvorstand. In unserem kleinen Dorf gab es so etwas nicht.« Aber Knöß machte das rückständige Umfeld nicht zu seinem Problem. Sollten sich doch die anderen ändern, er würde es ganz sicher nicht tun. Eine Einstellung, die sich ausgezahlt hat. »Selbst mein Vater sagt heute, dass ich alles richtig gemacht habe«, sagt Knöß. Der Gastwirt denkt kurz nach. Dann sagt er: »Ich habe ein schönes Leben. Mit dem richtigen Umfeld. Und vor allem den richtigen Partner.«

Dietmar Knöß über das „Justus“ in Gießen: „Ich wollte schon immer eine Kneipe haben“

Nach seiner Ausbildung bei Kerber zog es Knöß in südlichere Gefilde. Sechs Jahre lang war er »auf Saison«, erst am Bodensee, dann in Österreich und der Schweiz. Als 27-Jähriger kehrte er dann nach Gießen zurück - und lernte zwei Tage später Andreas kennen. »Wir haben uns auf der Straße gesehen und angesprochen. Drei Tage später bin ich bei ihm eingezogen«, sagt Knöß. Er muss bei diesem Gedanken lächeln. »Verrückt.«

Seinem heutigen Ehemann hat Knöß viel zu verdanken. Ohne ihn hätte er die dunkelste Stunde seines Lebens wohl nicht so gut durchgestanden. »Im September 2009 wurde bei mit ein Tumor an der Ohrspeicheldrüse diagnostiziert. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.« Die anfängliche Sorge vor einem bösartigen Krebs habe sich aber zum Glück nicht bewahrheitet. »Ich habe alles gut durchgestanden. Vor allem dank des Zusammenhalts mit meinem Ehemann und dem Rückhalt meiner Familie.« Aber auch beruflich hat Knöß seinem Ehemann viel zu verdanken.

Die Familie von Andreas Fuhr betrieb in Kleinlinden eine Metzgerei - und der künftige Schwiegersohn war ein willkommener Mitarbeiter. »Wir haben dann das Catering aufgebaut, was von Anfang an sehr gut funktionierte«, sagt Knöß. Trotzdem habe er größere Pläne gehabt - und bei seinen Fahrten entlang der Frankfurter Straße stets ein Auge auf das »Justus« geworfen. »Ich wollte schon immer eine Kneipe haben.« Und da Knöß niemand ist, der mit seinen Wünschen lange hadert, rief er einfach beim Besitzer an. Es war der richtige Zeitpunkt: »Der vorherige Pächter wollte aufhören. Also haben wir den Laden übernommen.« Das war im Juli 2008. Keine zwei Jahre später dann die Expansion.

„Justus“ in Gießen: Das Bootshaus gab Dietmar Knöß nach einiger Zeit wieder auf

Das Bootshaus, eine der am schönsten gelegenen Gastronomien der Stadt, hatte Ende 2009 große Probleme. Der Laden war zu, der Betreiber hatte Insolvenz angemeldet. Knöß übernahm das Ruder als Pächter und führte das Bootshaus in ruhiges Fahrwasser. Eine tolle Zeit, wie der Gießener betont. »Ich habe morgens am Wasser gesessen, in der Sonne meinen Kaffee getrunken und E-Mails beantwortet. Dafür gibt es wohl kaum einen besseren Platz. Manchmal war es wie im Urlaub.« Die eigentliche Arbeit aber nicht. Im Gegenteil. Mit der Metzgerei, dem »Justus« und dem Bootshaus stießen Knöß und sein Ehemann langsam an die Belastungsgrenze. »Wenn ich abends nach Hause kam, hat er schon geschlafen, weil er morgens früh auf den Märkten Wurst verkaufen musste.« Für eine Beziehung ist das nicht förderlich. Und so zog Knöß Ende 2019 die Reißleine und gab das Bootshaus in neue Hände. Spätestens seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie weiß er, dass es die richtige Entscheidung war.

Für viele Gastronomen war der Lockdown existenzbedrohend. Für Knöß natürlich auch. »Umso froher war ich, dass ich durch die Aufgabe des Bootshauses 60 Leute weniger auf der Gehaltsliste hatte.« Gleichzeitig zeigte die Krise dem Gießener einen Alltag auf, wie er ohne vollen Terminkalender aussehen könnte. Abends früh zu Hause, gemeinsames Kochen und Essen mit dem Ehemann. »Durch den Lockdown haben wir gelernt, unsere Zeit noch mehr zu genießen.«

Vielleicht kommt in absehbarer Zeit noch mehr Freizeit dazu. Knöß’ Pachtvertrag mit dem »Justus« läuft in einem Jahr aus. Durchaus möglich, dass sich der 57-Jährige zurückzieht und die gewonnene Zeit für Reisen nutzt, den Freundeskreis, Hund Caio und natürlich seinen Ehemann Andreas. »Ich bin ein selbstbewusster Mensch und wusste immer, was ich wollte. Rückblickend bereue ich nichts. Ich würde alles wieder so tun«, sagt er. Die Chancen stehen also gut, dass Knöß auch mit seiner nächsten Entscheidung gut leben wird. Egal, wie sie ausfallen mag. (Christoph Hoffmann)

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