Dow Aviv bei seiner Ansprache zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. 
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Dow Aviv bei seiner Ansprache zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. 

Wahl in Thüringen

Jüdische Gemeinde Gießen nach Thüringen-Wahl entsetzt

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv, engagiert sich in der FDP. Doch die Wahl von Thomas Kemmerich als Ministerpräsident Thüringens bezeichnet er als "sehr schlimm".

Gießen - Dow Aviv konnte die Nachricht am Mittwochnachmittag kaum glauben, die er aus dem Autoradio hörte. In Thüringen hat sich ein FDP-Politiker mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. "Ich bin im Moment ziemlich schockiert und entsetzt", sagte Aviv in einer ersten Reaktion.

Als einer von zwei Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gießen und aktiver FDP-Anhänger ist der Zahnarzt von der Entwicklung im Nachbarland Thüringen besonders betroffen. Denn die AfD im Landtag von Erfurt wird von Björn Höcke geführt, der die in Deutschland praktizierte Erinnerungspolitik bezüglich des Nationalsozialismus wiederholt scharf kritisiert und in Frage gestellt hat. So sprach Höcke von "Schuldkult", forderte eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" und bezeichnete das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande".

Gießen: Dow Aviv hofft, dass Kemmerich-Wahl keine "geplante Geschichte" war

Auch und vor allem vor diesem Hintergrund stellte Aviv gegenüber der GAZ fest: "Es ist sehr schlimm, dass es so weit gekommen ist." Er könne nur hoffen, dass die Wahl des Thüringer FDP-Fraktionschefs Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD-Abgeordneten "keine geplante Geschichte war". Er wolle sich in den nächsten Tagen auch in Parteikreisen schlau machen, was die Hintergründe sind. "Ich bin in der FDP aktiv, aber kein Parteimitglied", erläuterte Aviv sein Verhältnis zu den Freidemokraten.

Im Gießener Stadtparlament lässt die FDP bislang keinen Zweifel daran, wie sie zur AfD steht. Fraktionschef Klaus Dieter Greilich ist einer ihrer härtesten Kritiker. Im Zusammenhang mit der Debatte um einen verbesserten Schutz der Gießener Synagoge im Burggraben bezichtigte Greilich die AfD mit Blick auf den Anschlag von Halle im November der "geistigen Brandstiftung". Die AfD werde von "Demagogen und Volksverhetzern" angeführt, sagte Greilich.

Gießen: FDP in der Stadt als harte Kritiker der AfD

Anfang vergangener Woche hatte im jüdischen Gemeindezentrum eine Veranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz stattgefunden. Dabei bekannten sich Repräsentanten des öffentlichen Lebens wie Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU), Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Landrätin Anita Schneider (beide SPD) ausdrücklich zu der hierzulande praktizierten Erinnerungspolitik.

Eine Reaktion zu den Ereignissen in Thüringen kommt auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. "Der Vorgang in Thüringen ist besonders schockierend, da die freidemokratische Partei die politische Heimat des früheren Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis war", erklärte Vorsitzender Josef Schuster.

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