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Der Schnappschuss vom ersten Spatenstich des Unternehmens Pascoe im Europaviertel im Oktober 2016 steht symbolisch für das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts. FOTO: SCHEPP

Rückblick

Für Gießen war es ein Jahrzehnt der Spatenstiche

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Es sind Zahlen, die erinnern an den Wiederaufbau der Stadt Gießen nach dem Krieg. Seit 2010 wuchs Gießen um 13 000 Einwohner. Auch deshalb war es ein "Jahrzehnt der Spatenstiche".

Nie zuvor waren so viele Menschen hier mit Hauptwohnsitz gemeldet. Erneut ist die Zahl derer, die kommen, auch höher als die Zahl derer, die Gießen verlassen." So hieß es im September 2011, als Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz den statistischen Jahresbericht der Stadt Gießen für 2010 vorstellte. Die amtliche Einwohnerzahl Gießens war damals erstmals über 77 000 gestiegen. Es war eine erfreuliche Nachricht in einer für die Stadt krisenhaften Phase. Die im Dezember 2009 ins Amt gekommene SPD-Politikerin hatte für 2010 einen Stadthaushalt mit einem Defizit von 38 Millionen Euro eingebracht, drei Jahre später suchte Gießen unter dem kommunalen Schutzschirm des Landes Hessen Unterschlupf. Zehn Jahre später sind aus den roten 38 Millionen Euro gut sechs Millionen schwarze Euro geworden. Die Entwicklung des Stadthaushalts ist aber nur ein Aspekt des Wachstums, das die Stadtentwicklung seit 2010 geprägt hat. In vielen Bereichen sorgten Einwohnerzuwachs und die gute Konjunktur für Rekorde in der Stadtgeschichte.

  • Einwohnerzahl: Über 77 000 Einwohner zählte das statistische Landesamt 2010 in Gießen, 75 634 die Stadt selbst. Aktuell sind es knapp 88 500. Einen derartigen rasanten Anstieg der Bevölkerung hat es bislang nur im ersten, vom Wiederaufbau geprägten Nachkriegsjahrzehnt gegeben. Zwischen 1950 und 1960 stieg die Einwohnerzahl von knapp 50 000 auf fast 65 000. Der Pkw-Bestand in der Stadt Gießen ist übrigens vergleichsweise gering angestiegen: von knapp 31 000 vor zehn Jahren auf zuleztz 33 000.
  • Beschäftigung: Rund 44 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zählten die Statistiker vor zehn Jahren, aktuell sind es fast 50 000. Die Arbeitslosenquote in der Stadt Gießen sank von elf auf 7,6 Prozent.
  • Wohnungsbau: Der Gießener Wohnungsbestand betrug 2010 rund 41 000, aktuell dürfte sich diese Zahl um die 48 000 bewegen. Das aus dem Jahr 2016 stammende städtische Wohnraumversorgungskonzept bietet nur eine veraltete Zahl aus 2013 an (43 000 Wohnungen); der eigentliche Bauboom mit den neuen Baugebieten in der früheren Bergkaserne, Güterbahnhof, Schlachthof, US-Depot, Ortserweiterung Allendorf und etlichen kleineren Projekten begann da eigentlich erst.
  • Hochschulen: Treiber der Entwicklung sind auch die beiden Gießener Hochschulen. Studierten an der Justus-Liebig-Universität und der Technischen Hochschule Mittelhessen am Standort Gießen vor zehn Jahren noch 31 000 junge Leute, sind es im laufenden Wintersemester etwa 38 000.
  • Stadthaushalt: Der für 2010 eingebracht Stadtetat hatte ein Volumen von nur 182 Millionen Euro (Defizit von 38 Mio.), für 2020 sind knapp 260 Millionen Euro eingeplant (Überschuss bei gut sechs Millionen Euro). Die Gewerbesteuereinnahme hat sich seit 2010 (25,5 Millionen Euro) nahezu verdoppelt; erwartet werden im kommenden Jahr fast 50 Millionen Euro an Einnahme.

Im Jahrzehnt der Spatenstiche bauten nicht nur Private, auch die Stadt leistete sich - trotz Schutzschirm - 2014 die Landesgartenschau mit vielen wichtigen Infrastrukturprojekten. Herausragende private Bauvorhaben waren neben dem Wohnungsbau die Errichtung des Großkinos am Berliner Platz, der Pascoe-Neubau im Europaviertel oder die Gesamtentwicklung des Gewerbe- und Wohngebiets Am Alten Flughafen (US-Depot). Diese Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil Gießen in den Jahren 2015/16 zu einem Hotspot der sogenannten Flüchtlingskrise wurde und die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung in der Rödgener Straße mit bis zu 7000 Bewohnern zeitweise die größte Unterkunft in ganz Deutschland war. Dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft Wohnungen vermarkten lassen, galt im Sommer 2015 noch als unmöglich. Aber auch hier lagen die Vorhersager falsch.

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