+
Vor Gericht zeigt Karlheinz Z., wie er den Gießener Kaufmann erschossen hat.

Mord verjährt nicht

Jagd nach einem Doppelmörder in Gießen

  • schließen

Ein Gießener Kaufmann wird 1961 während eines Raubversuchs erschossen. Es folgt eine Flucht durchs ganze Bundesgebiet, auf der noch ein weiterer Mann sein Leben lassen muss.

Gießen - Es ist 3 Uhr in der Nacht, als der Gießener Geschäftsmann Max K. durch ein Poltern aus dem Schlaf gerissen wird. Er will nachsehen, öffnet die Schlafzimmertür - und blickt in den Lauf einer Pistole. "Hände hoch!" Als K. der Forderung nicht schnell genug nachkommt, schießt der Täter. Mit einem Bauchschuss geht der Gießener Geschäftsmann zu Boden und stirbt wenig später. Der Schütze Karlheinz Z. flüchtet aus dem Küchenfenster.

Der tödliche Raubüberfall hat sich im Juli 1961 in der Südanlage abgespielt. Ein halbes Jahr lang hielt er nicht nur die Gießener Polizisten in Atem. Nach den Tätern wurde bundesweit gefahndet. Die Geschichte hat etwas von einem Gangsterfilm aus Hollywood, auch Erinnerungen an Bonnie und Clyde werden wach. Das Gangsterpärchen hat in den vergangenen Jahrzehnten eine romantische Verklärung erlebt, die geradezu grotesk erscheint. Schließlich haben sie bei ihren Raubzügen etliche Menschen getötet. Und auch bei Karlheinz Z. blieb es nicht bei einem Mord.

Gießen: Krimineller kommt über "Zonenlager" nach Gießen

Infolge des Wirtschaftswunders wächst in den 60er Jahren der Wohlstand. Doch nicht alle profitieren. Zum Beispiel Karlheinz Z.. Der 1931 in Berlin geborene Kriminelle kommt über das "Zonenlager" aus dem Osten nach Gießen. Eine Zeit lang wird er in Nieder-Ohmen wohnen. Bevor Z. das erste Mal in Gießen in Erscheinung tritt, hat er schon viele Vorstrafen angesammelt und mehrfach hinter Gittern gesessen. Ein Berufs- und Gewohnheitsverbrecher. Später wird er sagen, die Kriegswirren und seine Abenteuerlust hätten ihn auf die schiefe Bahn gebracht. Und noch etwas dürfte dazu beigetragen haben: Seine Kaltblütigkeit.

Zusammen mit seinem Komplizen Joseph M., der in der kriminellen Szene als "Zigeuner-Jupp" bekannt war, spähte Z. das Haus des Geschäftsmannes schon am Nachmittag aus. Sie hatten es auf Geld abgesehen. Mit Strümpfen über den Kopf und vorgehaltener Pistole schlichen sie durchs Treppenhaus, wie in den Prozessberichten von damals nachzulesen ist. Schlussendlich entschlossen sie sich dann aber doch, im Schutz der Dunkelheit zuzuschlagen. In der Nacht kamen sie zurück und stiegen über das Speisekammerfenster ein. Dann der Schuss. Doch Max K. war nicht alleine im Haus. Auch seine Ehefrau und sein Sohn öffneten die Tür zum Flur. Die Mutter schlug sie vor Entsetzen wieder zu, der Junge legte sich hingegen neben den toten Körper seines Vaters. Die Täter flüchteten.

Keine zwei Wochen später titelte diese Zeitung "Sind sie die Mörder von Max K.?" und veröffentlichte neben Fotos den mutmaßlichen Fluchtwagen, einen Opel-Kapitän, auch zwei Fotos von Karlheinz Z. und Josef M.. Die Polizei war den Tätern schnell auf die Schliche gekommen. Zum einen, weil sie am Nachmittag vor der Tatnacht von zwei Studentinnen beobachtet worden waren, wie sie um das Haus des Geschäftsmannes schlichen. Zum anderen, weil sie offenbar bei dem Versuch, das Fluchtauto zu wechseln, aufgefallen waren. Wenige Tage nach der Tat fiel einer Polizeistreife an einem Waldstück bei Lindenstruth ein Auto auf, an dem sich verdächtige Personen zu schaffen machten. Die Männer flüchteten ins Unterholz, bei einer groß angelegten Fahndung konnte einer jedoch erwischt werden. Ein gewisser Harry K. gestand, mit den Mordverdächtigen unterwegs gewesen zu sein. Sie hätten kurz zuvor eine Bank in Nieder-Ohmen ausgeraubt. Gewissheit hatten die Beamten, als sie in der Nähe den Opel-Kapitän entdeckten. Im Kofferraum: Die Mordwaffe.

Gießen: Fahndungserfolg nach Flucht durchs Bundesgebiet

Es folgte eine abenteuerliche Flucht. Mit Überschriften wie "Max K.s Mörder ließen Pkw in Kaiserslautern" oder "Die Mörder wurden im Saarland gesehen" hielt diese Zeitung die Öffentlichkeit auf dem Laufenden. Später kam ans Licht, dass die beiden Tatverdächtigen zusammen mit der Lebensgefährtin von Z. in einem "Zigeunerlager" im Saarland Schutz gesucht hatten. Nach einem Streit trennten sich aber ihre Wege. Dann, am 31. Juli, der erste große Fahndungserfolg. "Ein Mörder in Frankreich gefasst". Joseph M. wurde von der französischen Kriminalpolizei in Metz festgenommen und kurz darauf nach Gießen überstellt. Karlheinz Z. war da noch auf freiem Fuß - und von einem einfachen zu einem Doppelmörder geworden.

Zusammen mit seiner Freundin fuhr der Gesuchte kreuz und quer durch die Bundesrepublik. Wurde ihnen das Pflaster zu heiß, stahl das Gangsterpärchen einen neuen Wagen. In nahezu jeder Stadt wechselten sie die Kennzeichen. Am 12. Juli sah Z. auf einem Campingplatz sein eigenes Bild im Fernsehen. Der Wirt erkannte den Gesuchten und wollte ihn einsperren, doch K. konnte im letzten Augenblick entkommen. Nach weiteren Irrfahrten landete das flüchtige Paar im westfälischen Neuss.

Es ist der 5. August 1961. Ein Samstag. Polizeihauptwachtmeister Friedhelm Noeldechen und ein Kollege fahren mit ihrem Geländewagen Streife in einem Landschaftsschutzgebiet im Süden der Stadt, das der Polizei als Schlupfwinkel "lichtscheuen Gesindels" bekannt ist. Die Beamten entdecken dort einen im Taunus gestohlenen Wagen, in dem Z. und seine Freundin schlafen. Noeldechens Kollege tritt an das Fahrzeug und verlangt die Papiere. Daraufhin zückt Z. eine Pistole und feuert los. Den Kollegen verfehlt er, Noeldechen jedoch nicht. Eine Kugel trifft ihn in die Hüfte, eine zweite in den Kopf. Der Polizeihauptwachtmeister fällt leblos zu Boden. 24 Stunden später geht der Todesschütze den Beamten ins Netz, in einem "Zigeuner-Schlupfwinkel" bei Kaiserslautern wird er festgenommen und nach Gießen überstellt.

Gießen: Aussagen der Angeklagten sorgen für Entsetzen

Vor dem Gießener Schwurgericht sorgen die Aussagen der Angeklagten für Entsetzen. Kaltblütig und ohne Reue schildern sie ihren Lebenswandel. Auf die Frage des Richters, warum Z. sich nie um ein anständiges Leben bemüht habe, antwortete er kühl und sachlich: "Ich wollte nicht." Später entgegnete er auf die Frage, warum es auch nach lukrativer Straftaten kriminell geblieben sei: "Ich hatte das Interesse verloren, ein Mitglied der normalen menschlichen Gesellschaft zu sein." Z. räumte die Taten ein, vor Gericht rekonstruierte er sogar, wie er die Pistole gehalten hatte, bevor er den Gießener Geschäftsmann erschoss. Sein Komplize M. hingegen bestritt bis zum Ende, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Ohne Erfolg: Z. wurde wegen "Mordes, versuchten Mordes und vollendeten Mordes" zu zweimal lebenslänglich und zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. M. musste wegen "erwiesener Mittäterschaft" lebenslänglich ins Zuchthaus.

Was aus den beiden Männern wurde, ist ungewiss. Die Archive von Polizei und Staatsanwaltschaft geben dazu nichts her. Auf einer Internetseite, die an im Dienst getötete Polizisten erinnert, ist jedoch nachzulesen, dass Z. seine Haftstrafe überlebt haben soll.

Für den getöteten Polizisten wurde am Tatort ein Gedenkstein aufgestellt. Er soll am Tattag nur im Einsatz gewesen sein, um einen anderen Polizisten zu vertreten. Der Kollege war gerade Vater geworden. Später trat der Sohn in seine Fußstapfen. Er wurde Polizist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare