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Inflation schlägt in Gießen zu: „Von Stolz wird man nicht satt“

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Von: Christine Steines

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Teure Lebensmittel: Immer mehr Familien kommen ohne die Tafel kaum über die Runden. © Oliver Schepp

Die Inflation trifft jeden. Aber für diejenigen, die schon immer wenig hatten, ist sie besonders hart. Das Beispiel der Familie Akin* aus Gießen zeigt das.

Gießen - Emine Akins ältester Sohn ist elf Jahre alt. Çan ist gut in der Schule, er geht auf ein »Gymnasium mit sehr hohen Ansprüchen«, sagt sie stolz. Kürzlich hat Çan sich Turnschuhe einer teuren Marke gewünscht. Alle in seiner Klasse tragen solche Schuhe. Emine Akin hat einige Monate dafür gespart, dann hat sie auf eBay ein gebrauchtes Paar für 40 Euro gekauft. Die Eltern seiner Freunde seien Ärztinnen, Lehrer, Anwälte, für sie sei es kein Problem, diese Wünsche zu erfüllen. »Ich möchte, dass meine Kinder dazugehören, sie sollen keine Außenseiter werden«, sagt sie. Durch die Lebensmittel der Tafel spare sie Geld ein, das sie dann für die Kinder übrig habe.

Sie selbst kleidet sich schon seit Jahren im Kaufhaus der Jugendwerkstatt oder in DRK-Secondhandläden ein. Auch für die jüngeren Söhne (einer ist drei, die Zwillinge sind ein Jahr alt) kaufe sie dort oder auf Flohmärkten.

Gießen: Familie muss jeden Cent umdreht - Inflation dürfte Lage verschärfen

Dass es ihren Kindern an nichts fehlt, ist das Wichtigste für sie - vielleicht, weil Emine Akin selbst keine schöne Kindheit hatte. Sie kam mit elf Jahren aus der Türkei nach Deutschland, gemeinsam mit ihrer Schwester wuchs sie beim älteren Bruder auf. Sie konnte nicht lesen und schreiben, lange Zeit fühlte sich das Mädchen allein und verlassen. Aber sie war ehrgeizig. Nachdem eine Lehrerin erkannt hatte, dass sie intelligent und stark ist, ging es vorwärts. Sie machte erst den Haupt- und dann den Realschulabschuss, sie absolvierte eine Ausbildung zur Sozialassistentin und lernte im Schneideratelier des Bruders. Bis zur Geburt des ersten Kindes war sie sogar in einer eigenen kleinen Schneiderwerkstatt selbstständig.

Mit Familie und Job sei sie jedoch überfordert gewesen, sagt sie. Da ihr Mann, der eine ähnliche Biografie hat wie sie, lange Zeit nur Aushilfsjobs bekam, war das Haushaltsbudget immer knapp. Seit der Familienvater eine feste Stelle hat, geht es besser, doch sie müssen nach wie vor jeden Cent umdrehen. Emine Atiks Mann verdiente bisher 1400 Euro netto. Die Familie bekam 400 Euro Sozialleistungen und 913 Euro Kindergeld. Ab August fallen sie aus dem Hartz-IV-Bezug, weil der Ehemann künftig 1700 Euro verdient. Statt der 400 Euro wird es dann einen Kinderzuschlag geben. Wie hoch das Familieneinkommen dann genau sein wird, weiß die 37-Jährige noch nicht.

Die Akins zahlen rund 700 Euro Miete für ihre kleine Drei-Zimmer-Wohnung, 120 Euro für Strom und 70 Euro für Telefon und Internet. Hinzu kommen etwa 600 Euro jährlich für Kfz-Steuer, Versicherung und Benzin.

Mutter aus Gießen: „Gerade Obst und Gemüse können wir uns immer weniger leisten“

Seit Dezember 2021 holt Emine Akin einmal in der Woche eine Kiste mit Lebensmitteln von der Tafel. Sie stand fast ein Jahr auf der Warteliste, bevor es geklappt hat. Die Unterstützung helfe ihr sehr: »Gerade Obst und Gemüse können wir uns immer weniger leisten. Nun kann ich drei bis vier Tage frisch kochen«, freut sie sich. »Und die Kinder sind glücklich, wenn es Erdbeeren oder Himbeeren gibt.« Das Brot friere sie portionsweise ein, sodass es lange halte und sie selten beim Bäcker einkaufen müsse.

Zu Hause gab es zunächst Auseinandersetzungen wegen der Tafel. »Mein Mann wollte das nicht, er ist dazu viel zu stolz«, sagt sie. »Aber von Stolz wird man nicht satt«, fügt sie hinzu. Da letztlich sie es ist, die jeden Tag Mahlzeiten für die Kinder auf den Tisch bringen muss, setzte sie sich durch. Wenn es nur um sie selbst ginge, würde sie auch nicht um Hilfe bitten, versichert die 37-Jährige. »Abhängig vom Staat zu sein ist schon schlimm genug«, findet sie. »Auf Dauer will ich das nicht, es ist unwürdig«, sagt sie. Während sie das erzählt, laufen ihr Tränen über die Wangen. Weil sie an sich und ihrem Mann sieht, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, will sie alles dafür tun, dass ihre Kinder die beste Förderung erhalten, die sie ermöglichen kann. Die kleinen Söhne bekämen noch nicht mit, woher die Kleidung und das Essen kämen. Bei dem elfjährigen Çan sei das anders. Als er verstanden habe, dass seine Mutter die frischen Lebensmittel bei der Tafel beziehe, habe er sich geschämt. Mittlerweile akzeptiert er es und freut sich über die leckeren Extras, die immer mal wieder in der Kiste liegen. In der Schule oder auch in der Nachbarschaft soll jedoch niemand erfahren, dass seine Familie auf Unterstützung angewiesen ist. »Es wäre ihm schrecklich peinlich«, sagt Emine Akin.

Gießen: Zahl der Tafel-Bedürftigen steigt seit Jahren

Tafel-Koordinatorin Anna Conrad lernt häufig Familien wie die Akins kennen. Besonders für Alleinerziehende, für Familien mit geringem Einkommen und für alte Menschen mit kleiner Rente sei es schwer, über die Runden zu kommen. Die Zahl derer, die bedürftig sind, steigt schon seit Jahren, Kriegsfolgen und Inflation werden die Situation weiter verschärfen.

Emine Akin graut nicht nur vor dem Einkauf im Supermarkt, sondern auch vor der Nebenkostenabrechnung und dem Winter. »Wir haben im letzten Jahr schon weniger geheizt. Ich weiß nicht, wie das noch werden soll.« (Christine Steines) *Die Namen der Familie wurden von der Redaktion geändert

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