1950 eröffnete das Kaufhaus Kerber im Gießener Seltersweg. Die Rundfassade wird 1976 wieder verschwinden.
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1950 eröffnete das Kaufhaus Kerber, dessen Rundfassade 1976 verschwinden wird.

Architektur- und Baugeschichte

Gießen in der Nachkriegszeit: »Häuser schießen aus dem Boden«

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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Schade, dass Gießen keine beschauliche Altstadt hat. Was wir heute bedauern, sahen Fachleute nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Chance, um die Innenstadt großzügiger zu gestalten. Der Wiederaufbau sollte mehr Platz für Autos bringen, Luftqualität und Brandschutz verbessern.

Nein, natürlich freut sich keiner darüber, dass die Innenstadt zu 90 Prozent in Trümmern liegt. Aber irgendwann hätten sowieso Bagger einiges von dem erledigt, was die Weltkriegsbomben angerichtet haben. Mit dieser Botschaft wendet sich Bürgermeister Karl Bayerlein am 18. Januar 1946 an die Leser der jungen Gießener Freien Presse. Fünf Jahre später wird der Wiederaufbau des Zentrums weitgehend abgeschlossen sein. Dass wenige Jahrzehnte später die meisten Gießener den Verlust von Fachwerkbauten und Kopfsteinpflaster betrauern werden, kann sich kaum jemand vorstellen.

Selbst »Verherrlicher der Altstadtromantik« würden sich kaum »eine Wiederherstellung der engen, krummen Straßenzüge mit winkligen kleinen Grundstücken und all den gesundheitsschädlichen Auswirkungen« wünschen, glaubt Bayerlein. Die Sanierung der Innenstadt sei »ein alter Wunsch der Stadtverwaltung, der unter Vorkriegsverhältnissen in absehbarer Zeit kaum hätte verwirklicht werden können«. Nun gelte es, »den Erfordernissen des heutigen und künftigen Verkehrs« zu entsprechen.

Auch den Bewohnern sollen breitere Straßen und neue Plätze zugutekommen. Die Luft werde frischer und der Brandschutz besser. Wie schnell sich Feuer in dicht bebauten Vierteln ausbreitet, haben die Zeitzeugen in den Bombennächten der letzten Kriegsmonate bitter erfahren.

Der Gießener Marktplatz mit Rathaus (rechts) und Kriegerdenkmal vor der Zerstörung durch Weltkriegsbomben 1944

Gießen in der Nachkriegszeit: Wettbewerb zur Gestaltung der Innenstadt

Die Rolle Gießens als Einkaufs- und Wirtschaftsstandort möglichst schnell wiederherstellen, das Zentrum aus einem Guss planen, zugleich den dringend nötigen Wohnraum schaffen: Diese Ziele sind dann doch nicht so schnell zu erreichen wie erhofft. Es fehlt an Baumaterial, Geld und rechtlichen Grundlagen, schildert der damalige Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake im 1997 erschienenen Buch »800 Jahre Gießener Geschichte«. 1948 stellen Marshallplan und Währungsreform die Weichen Richtung Aufschwung. Am 25. Oktober jenes Schicksalsjahres tritt das Hessische Aufbaugesetz in Kraft.

Da stehen die Gießener in den Startlöchern. Sie haben die Zeit genutzt - nicht nur zum Räumen der Trümmer, sondern für einen Wettbewerb zur Gestaltung der Innenstadt. Die Entwürfe renommierter Architekten werden intensiv diskutiert. Verwirklicht wird schließlich ein Kompromiss, den Stadtbaurat Wilhelm Gravert erarbeitet. Zudem hat die Verwaltung den kniffligen Neuzuschnitt der Grundstücke juristisch vorbereitet, bei dem es die Belange der Eigentümer zu berücksichtigen gilt.

»Ruinen fallen, und Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden«, berichtet die GFP im Frühjahr 1950 über den Abriss städtischer Gebäudereste durch die Berufsfeuerwehr. Vor allem in der heutigen Fußgängerzone wächst in atemberaubender Geschwindigkeit Neues empor. Fast täglich berichtet die Zeitung über Wiedereröffnungen von Geschäften. Ein Meilenstein ist das Kaufhaus Kerber am Kreuzplatz, das nach nur einjähriger Bauzeit im Oktober 1950 den Betrieb aufnimmt.

Nach dem Krieg: Die Gießener Innenstadt liegt in Trümmern.

„Wirtschaftswunder“ ermöglicht Wachstum in Gießen: 8000 Wohnungen in zehn Jahren gebaut

Manchem Eigentümer fehlt allerdings das Geld für den großen Wurf, erläutert Brake. Als Provisorien entstehen einstöckige Ladengebäude, wie sie in der Gießener Innenstadt noch jahrzehntelang zu sehen sind, vereinzelt - etwa im Neuenweg - bis heute.

Ab 1951 rückt der Wohnungsbau in den Fokus. Das »Wirtschaftswunder« ermöglicht ein ungeahntes Wachstum. Vor allem in zahlreichen Neubaugebieten entstehen zwischen 1950 und 1960 sage und schreibe 8260 Wohnungen, so Brake. Das bedeutet nahezu eine Verdopplung in nur zehn Jahren.

Das sind Leistungen, die aus Sicht vieler moderner Zeitgenossen getrübt sind. Sie wünschen sich eine Altstadt zurück, wie sie den Charme etwa von Marburg oder Wetzlar ausmacht. Doch dass Gießen als vergleichsweise »hässlich« gilt, ist nicht unbedingt den Architekten der Fünfzigerjahre anzulasten. Viele Bausünden - vom Elefantenklo bis zum Abriss des Jugendstil-Volksbads - stammen aus späteren Zeiten und lassen sich nicht mit Notzeiten entschuldigen.

Die ursprüngliche Kerber-Rundfassade (heute TK Maxx) ist ein Beispiel. Sie gälte längst als Nachkriegs-Schmuckstück - wird jedoch beim Umbau 1976 gründlich zerstört. Bedauern ist nirgends öffentlich zu hören. Die begradigte Form, verschalt mit weinroten Aluminiumplatten, gilt als topmoderner »ansprechender Blickfang«. Auch für Architektur gilt: Die Geschmäcker, sie ändern sich.

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