Astrid Paparone und Claudia Maid hoffen, dass die Vierbeiner, die aus einem Animal-Hoarding-Fall stammen, das Tierheim bald verlassen können.
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Astrid Paparone und Claudia Maid hoffen, dass die Vierbeiner, die aus einem Animal-Hoarding-Fall stammen, das Tierheim bald verlassen können.

Tierwohl

Immer öfter schlechte Tierhaltung – „Mit Blaulicht“ ins Tierheim Gießen

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Das Veterinäramt des Landkreises Gießen sieht sich immer öfter gezwungen, bei schlechter Tierhaltung einzugreifen. Die geschundenen Tiere kommen quasi „mit Blaulicht“ ins Tierheim in Gießen.

Gießen – Unterernährt, das Fell voller Kot, die Augen verklebt und entzündet. Als die Mitarbeiter des Tierschutzvereins die Kaninchen aus den viel zu engen Boxen holten, waren sie entsetzt. »Wie kommt es zu einer solchen Verwahrlosung?«, fragen sie sich immer wieder, wenn sie Tiere aus schlechter Haltung aufnehmen. Die Kaninchen, so stellte sich bald heraus, waren nicht nur ungepflegt, sondern todkrank. Sie waren nicht geimpft und litten an der hoch ansteckenden Viruserkrankung RHD, die innerhalb kurzer Zeit zum Tod führt. 15 der Tiere starben trotz größter Bemühungen, fünf haben sich erholt und warten jetzt auf eine Vermittlung.

Astrid Paparone, die Vorsitzende des Tierschutzvereins, ist frustriert: »Viel Tierelend resultiert aus Unwissenheit, nicht aus böser Absicht, aber es macht einen fassungslos«. Wenn die Menschen sich besser informierten, wäre viel gewonnen, sagt sie. Ein Tier zu sich zu nehmen, bedeute Verantwortung - egal, ob es sich dabei um einen Hund, eine Katze, ein Kaninchen oder einen Vogel handele. Dieses Bewusstsein schwinde jedoch mehr und mehr. Die Gründe dafür seien vielfältig, einer davon liege in der digitalen Verfügbarkeit: Auf E-Bay und anderen Portalen würden Tiere gehandelt wie Waren. Sie würden ausgesucht, bestellt und bei Nichtgefallen oder Überdruss auf der Straße oder im besseren Fall im Tierheim entsorgt. »Da kann nur Aufklärung helfen, das betrifft sowohl die Haltung von Haus- als auch von Nutztieren«, meint die Vorsitzende des Tierschutzvereins.

Landkreis Gießen: Animal-Hoarding-Fälle wird zum Problem

Die Anzahl der Anzeigen wegen Verstöße gegen das Tierschutzgesetz sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: 2014 verzeichnete die Veterinärbehörde des Landkreises 294 Fälle, im Jahr 2020 waren es 447. In der ersten Hälfte des Jahres 2021 waren es bereits 291 Fälle.

Bei den Anzeigen geht es immer wieder auch um Fälle von Animal Hoarding, doch wird diese Zahl nicht gesondert erfasst. Von Animal Hoarding spricht man, wenn Menschen ungewöhnlich viele Tiere besitzen und die Kontrolle über die Haltung verlieren. Die Motive sind unterschiedlich; oft sind falsch verstandenene Tierliebe, Überforderung oder psychische Instabilität der Halter die Ursache, manchmal ist es eine Kombination aus allen Komponenten. Wenn psychische Probleme zu den Ursachen gehören, kann das Veterinäramt den sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises hinzuziehen. Die Kooperation, das bestätigt dessen Leiter Marco Auernigg, sei eng und sehr gut. Doch die Zahl der Animal-Hoarding-Fälle, in denen die Unterstützung seines Teams erforderlich sei, sei zum Glück gering. Längst nicht immer sei es ein Fall für Psychologen, wenn Menschen mehr Tiere hielten als allgemein üblich - eine vorschnelle Pathologisierung sei unangebracht.

Tierwohl in Gießen: Hohe Kosten für Tierschützer

Grundsätzlich, das macht auch der neue hauptamtliche Dezernent Christian Zuckermann deutlich, nehme der Tierschutz in den zuständigen Behörden einen hohen Stellenwert ein, gleichzeitig müsse neben dem Tierwohl aber immer auch das Menschenwohl im Blickpunkt bleiben. Behutsames und weitsichtiges Vorgehen sei gefragt.

Ausbaden müssen die nicht argerechte Tierhaltung die Tiere - und der Tierschutzverein, denn der bleibt häufig auf den hohen Kosten für Versorung und medizinische Behandlung sitzen. Gerade wenn es um »Langzeitgäste« geht, die mühevoll aufgepäppel werden müssen, sind die Aufwendungen hoch.

Auch die Belastung für die Mitarbeiter sei enorm, schildert Paparone. Im Fall der Kaninchen hat das Personal, eingepackt in Schutzkleidung, sich alle paar Stunden intensiv um die Tiere gekümmert, doch eines nach dem anderen ist gestorben. »Das ist bitter, vor allem weil es unnötig war. Hätte man sie rechtzeitig geimpft und anständig ernährt, wäre das nicht passiert«, betont Paparone.

Tierwohl in Gießen: Kontakt zu Experten

Wenn man ein Haus- oder Nutzteri hält, sollte man sich mit dessen Bedürfnissen auskennen. Der Tierschutzverein (www.tsv-giessen.de) hat Experten in den eigenen Reihen und viele Infos auf seiner Homepage, er verweist aber auch auf Fachleute, die wichtige Tipps geben können. Im Falle der Kaninchen ist das: die Seite kaninchen.de. (Von Christine Steines)

Auch ehrenamtlicher Helfer gibt es im Tierheim Gießen. So zum Beispiel Volker Wollenhaupt, der Hunde wieder „gesellschaftsfähig“ macht, bevor sie ein neues Zuhause bekommen.

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