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Seit 1984 betreibt Wolfgang Müller schon den Plattenladen "Oldie". Im Frühjahr wird er sein Geschäft schließen. Foto: chh

Second-Hand-Schallplatten

"Ich wäre fast gestorben": Plattenladen in Gießen muss schließen

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Im Laden von Wolfgang Müller in einem Hinterhof der Ludwigstraße finden sich Tausende Second-Hand-Schallplatten, auch echte Kostbarkeiten. Doch bald ist Schluss, Müller wird das "Oldie" schließen.

Gießen - Chaos im Hinterhof: Ein Album von Paul Mc Cartney handelt davon, und nicht nur weil die Liverpooler Legende Teil von Wolfgang Müllers Lieblingsband The Beatles ist, passt der Spruch sehr gut zu seinem Laden in der Ludwigstraße. Hier, versteckt im Hinterhof der Hausnummer 42, betreibt der Gießener seinen Second-Hand-Plattenladen "Oldie zeitlos Musik". Leicht ist es nicht, sich in dem Chaos aus teils bis zur Decke gestapelten Kartons zurechtzufinden. Das weiß auch Müller. "Manch einer, der den Laden betritt, macht auf den Absatz wieder kehrt", sagt der 70-Jährige mit einem Lächeln. Bei anderen hingegen fangen die Augen an zu leuchten, wenn sie diesen Fundus mit auf Vinyl gepresster Nostalgie entdecken. Abgesehen davon, betont Müller, steckt hinter dem scheinbaren Chaos sehr wohl ein System. "Alles ist alphabetisch und nach Genre sortiert." Eine Platte von The Doors? Kein Problem, nach nicht einmal einer Minute hat der Gießener sie aus den Stapeln gefischt. "Weird Scenes Inside the Gold Mine" heißt das Album. Darauf findet sich auch der Klassiker "This is the End". Wie passend. Denn der Oldie-Plattenladen wird für immer schließen.

Analoge Tonträger sind ein Relikt der Vergangenheit. Etwas für Puristen, nichts für die breite Masse. Kein Wunder: Alexa und Co. haben mehr Musik im Angebot, als ein Mensch im ganzen Leben hören könnte. "Es kommt schon mal vor, dass ich hier mehrere Stunden, manchmal sogar Tage ohne Kunden herumstehe", sagt Müller. Trotzdem liegt es nicht an der kränkelnden Branche, dass der Gießener seinen Laden schließt. Sondern an den Problemen, die ihm die eigene Gesundheit macht.

Gießen: Schwere Blutvergiftung mit traurigen Auswirkungen

Müller hat vor einiger Zeit eine schwere Blutvergiftung erlitten. Mehrere Monate lag er im Krankenhaus. "Ich wäre fast gestorben", sagt der Gießener. Schlussendlich hat er die Sepsis überwunden. Die Folgen machen ihn aber noch immer schwer zu schaffen. Das tägliche Schleppen der Schallplattenkisten bringt ihn an seine Grenzen. Die Krankheit hat zudem dazu geführt, dass Müller die Schreibfähigkeit in seiner rechten Hand verloren hat. "Die Preise kann ich noch mit der linken Hand auf die Platten schreiben. Für alles andere reicht es aber nicht." Müller wird sein Geschäft daher im Frühjahr schließen. Das dann noch verbliebene Sortiment verkauft er einem großen Händler. Das Aus des Plattenladens ist nicht weniger als das Ende einer Ära.

Als das "Oldie" öffnete, standen Bands wie Alphaville und Wham! an der Chartspitze. Müller kam als Anglistik-Student nach Gießen. Während des Studiums reiste er oft nach London und lernte dort die Second-Hand-Plattenläden kennen. "Ich war begeistert, so etwas gab es in Deutschland nicht." Als er nach dem Studium keinen Job fand, war die Entscheidung schnell gefallen. 1984 eröffnete er seinen Laden. Es war der erste in ganz Hessen.

Plattenladen "Oldie": Mit den Beach Boys fing es an

Früher lief das Geschäft bestens, heute ist es nur noch etwas für Liebhaber. Für Menschen, die das Knistern der Nadel lieben und die Gestaltung der Cover schätzen. Zum Beispiel das wegen der Darstellung eines nackten Mädchens umstrittene Album "Virgin Killer" von den Scorpions, das kunstvolle Artwork auf "Paranoid" von Black Sabbath oder aber "Sticky Fingers" von den Stones, dessen Reißverschluss-Cover Andy Warhol gestaltet hat.

Müller fällt es schwer, seinen Laden aufzugeben. Schließlich war er immer mehr Leidenschaft als Broterwerb. "Mir tut es gut, hier durch die Gänge zu schlendern", sagt er und fügt mit einem Seufzer an: "Um ehrlich zu sein, fühle ich mich hier wohler als zu Hause." Er liebe es, mit seinen Kunden über Musik zu reden, weshalb er auch nie - trotz vieler anderslautender Ratschläge - sein Glück im Onlinehandel gesucht habe. "Der Kundenkontakt war mir zu wichtig."

Den wird er künftig nicht mehr haben. Auf seine Musik muss er aber nicht verzichten. Müller hat sich zu Hause eine ausgewählte Sammlung angelegt. Dazu gehört auch "All Summer long" von den Beach Boys. Es war sein allererstes Album. Vielleicht wird er es nach seinem letzten Geschäftstag auf den Plattenspieler legen und in Erinnerungen schwelgen. Womöglich legt er aber auch etwas von The Doors auf. This is the End, my beautiful friend.

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