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Welpeneinmaleins: Heranrufübung mit Hilfestellung von Silvia Meister (l.).

Erziehungskurse

Gießen: Hochbetrieb in den Hundeschulen – Skepsis wegen Haustierkauf-Boom

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Der Hundeboom der Coronazeit führt zu einem Run auf Hundeschulen. Die Nachfrage nach Welpen- und Erziehungskursen ist groß. Die Trainer in Gießen sehen das mit gemischten Gefühlen.

Gießen – Hiiiier! Auf diese Einladung reagiert der junge Hund sofort: In rasendem Tempo fliegt er in die ausgebreiteten Arme seiner Besitzerin. Die Übung ist ein fester Bestandteil in den Welpenkursen der »Hundemeisterei«. Sie ist die Basis dafür, dass auch der erwachsene Hund bei jedem »Hier!« sofort in Richtung Mensch marschiert.

Drei Welpengruppen bietet Silvia Meister auf ihrem Gelände im Wißmarer Weg derzeit. Doch die Nachfrage ist viel größer als die Kapazitäten der Trainerin. »Ich könnte auch doppelt oder dreimal so viele aufmachen«. Da sie nur drei bis sechs Hunde gleichzeitig in einer Gruppe haben möchte, bleibt die Zahl überschaubar. Doch der Trend zum Hund ist eindeutig: Immer mehr Menschen schaffen sich einen Hund an, Auch in den Erziehungs- und Beschäftigungskursen ist die Nachfrage groß. »Ich muss täglich Leuten absagen«, sagt Meister.

Gießen: Hundetrainer blicken skeptisch auf Haustier-Boom

Alle Hundeschulen der Stadt erleben einen Run auf die Angebote für Zwei- und Vierbeiner. Das liegt an der gestiegenen Zahl der Hunde, aber auch daran, dass die Hundevereine während Corona eingeschränkt oder gar nicht arbeiten dürfen; das Angebot ist folglich deutlich reduziert. Dass das Geschäft brummt, ist für die gewerblichen Hundeschulen nach dem Lockdown zwar ein Segen. Doch die Trainer sehen auch die Kehrseite des Booms: Was wird sein, wenn die Menschen in ihr »altes« Leben zurückkehren und nicht mehr so viel Zeit für das Tier haben? Und was ist, wenn der Hund nicht so funktioniert, wie sie sich das vorgestellt haben?

Viele werden sich nicht die Mühe machen und mit dem Hund arbeiten, befürchten sie. Entweder, er wird ein trauriges Dasein fristen oder ins Tierheim abgeschoben. Noch ist davon nichts zu spüren, sagt Astrid Paparone, die erste Vorsitzende Tierschutzvereins, doch auch sie teilt diese Befürchtung. Sie bestätigt die Beobachtung der Hundetrainer. Die Nachfrage nach Hunden ist riesig. »Wenn wir junge Hunde haben, könnten wir die mehrfach vermitteln«. Seriöse Züchter, die dem VdH (Verband für das Deutsche Hundewesen) angeschlossen sind, haben aktuell fast immer Wartelisten.

Gießener Hundetrainerin ist entsetzt über Mondpreise für Hunde

Die Kurse von Angelika Stahl, die im Gleiberger Weg die Hundeschule Gießen betreibt, sind gut besucht. Bisher musste sie jedoch noch niemanden wegschicken, sie konnte allen einen Platz anbieten. Von dem Run auf Hunde »egal, welcher Rasse, Größe und Farbe« kann aber auch sie ein Lied singen. Sie ist oft fassungslos, welche Mondpreise auf E-Bay oder anderen Plattformen für Hunde gefordert und bezahlt werden. 3000 oder 4000 Euro für einen Hund seien keine Seltenheit, meist habe das Tier irgendwelche Fantasiepapiere oder nicht einmal das. Oft werde den Käufern versichert, dass beide Elterntiere gesund seien - doch einen Nachweis darüber gebe es nicht.

Doch leider gebe es auch immer mehr Tierschutzorganisationen, die nicht fair und korrekt vermittelten. Stahl warnt zum Beispiel vor Tierübergaben an der Autobahnraststätte. Dort würden mittlerweile nicht nur Welpen von unseriösen Händlern aus Osteuropa an den Mann und die Frau gebracht, sondern auch Tiere aus dem Tierschutz. Den Interessenten würden dann häufig andere Tiere mitgebracht als zuvor vereinbart worden sei, zudem sei auch hier der Gesundheitsstatus zuweilen fragwürdig. Sowohl Angelika Stahl als auch Silvia Meister engagieren sich im Tierschutz und vermitteln Hunde, doch beiden ist es wichtig, dass der Lebensalltag des Menschen und die rassetypischen Eigenschaften des Hundes zusammen passen. Genau diese Abwägung finde zurzeit jedoch nur noch selten statt. »Wir sehen leider häufig Ahnungslose, die nicht wissen, was auf sie zukommt«, sagt Meister. »Da der Hundemarkt leer gefegt ist, nehmen viele, was sie kriegen können«, hat auch Stahl beobachtet. Das muss nicht nach hinten losgehen, tut es aber oft. Die Expertinnen raten daher dazu, geduldig zu bleiben und sich umfassend vor Ort zu informieren.

Gießen: Hundeanschaffung sollte kein „Schnellschuss“ sein

»Ein Hund begleitet einen Menschen viele Jahre, deshalb ist ein Schnellschuss keine gute Idee«, sagt auch Gunter Mattes, der Inhaber des »Bellness Place« im Gleiberger Weg. Mattes bietet vorwiegend Beschäftigungskurse mit und für den Hund, aber er wird auch bei problematischem Hundeverhalten zu Rate gezogen. Frisch gebackene Hundebesitzer gingen oft zu blauäugig an ihre neue Aufgabe heran und deuteten die Signale des Vierbeiners falsch. Insbesondere Hunde mit einer schwierigen Vorgeschichte zeigten unerwünschtes Verhalten nicht sofort, sondern erst nach der Eingewöhnungsphase. Wenn man dies richtig einordnen könne, seien die Chancen auf ein Happy End groß.

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