Nach einem Schlaganfall körperlich beeinträchtigt, darf eine Seniorin beim WSV Hellas nicht mehr zum Ruder greifen - jedenfalls nicht auf dem Wasser. (Archivfoto: Friedrich)
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Nach einem Schlaganfall körperlich beeinträchtigt, darf eine Seniorin beim WSV Hellas nicht mehr zum Ruder greifen - jedenfalls nicht auf dem Wasser. (Archivfoto: Friedrich)

Wassersportverein Hellas schließt Frau vom aktiven Rudern aus - Diskriminierungsvorwurf wird laut

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Der Wassersportverein Hellas schließt eine 64-Jährige mit Behinderung aus vom aktiven Rudern. Sie ins Boot zu lassen, sei aus Sicherheitsgründen "nicht zu verantworten". Eine Freundin der Seniorin sieht darin "Diskriminierung".

Die 64-Jährige hatte sich auf das erste Rudertraining nach der langen Winterpause gefreut. Doch sie durfte nicht ins Boot einsteigen. Wegen "Sicherheitsbedenken" sei das aktive Sporttreiben auf dem Wasser nicht mehr möglich, erfuhr die Frau, die nach einem Schlaganfall körperlich eingeschränkt ist. "Das ist Diskriminierung Behinderter", meint die Pohlheimerin Monika Laufenberg. "Mir tut es auch leid", entgegnet Michael Berkowski, Vorsitzender Verwaltung des Wassersportvereins Hellas. "Aber wir können nicht länger verantworten, dass die Frau mitrudert."

"Respekt-, würde-, taktlos und feige" findet Monika Laufenberg den Vorgang, den sie als Begleiterin miterlebt und nun in einem Brief an die Presse und den Verein geschildert hat. Unvermittelt und überraschend sei ihre Ruderkameradin ausgeschlossen worden. Diese gehöre dem Verein seit etwa fünf Jahren an und hatte vor ihrem Schlaganfall zwei Jahre gerudert. Nach ihrer teilweisen Genesung sei sie - geistig völlig fit - ins Training zurückgekehrt. Im Boot auf der Lahn habe sie fortan auf Bitte des Vereins sicherheitshalber eine Schwimmweste getragen.

Der Sport sei für sie "sehr wertvoll" und ein Teil der Rekonvaleszenz, das Aus entsprechend schmerzlich. "Wenn das Leben plötzlich ein anderes ist, hält man sich an Bewährtem fest. Natürlich ist man auf Hilfsangebote angewiesen." Und die habe es gegeben, betont die Pohlheimerin. "Ja, beim Ein- und Aussteigen brauchte sie die Hilfe der Mitruderer. Das war eine wacklige Geschichte. Einmal ist ein Missgeschick passiert. Beim Rudern gab es mal Schlagfehler, und sie ermüdete schneller als die anderen." Freundlich und tolerant seien die Kameradinnen und Kameraden mit der Seniorin umgegangen. "Ohne jegliche Fremd- und Selbstgefährdung" habe sie so weiterhin am Vereinsleben teilnehmen können.

Kameraden helfen - und zweifeln

Nur der Vorstand habe anscheinend "den Blick fürs Wesentliche besonders im Breitensport verloren", bemängelt Laufenberg. Dessen Kern sei der "soziale Kitt" und die Integration. Die Teilnahme des Vereins am "Run’n’Roll for help" zugunsten gehandicapter Menschen wirke vor diesem Hintergrund "geradezu grotesk, scheinheilig". Dass ihr gesagt wurde, sie dürfe den Kraftraum nutzen, sei für die 64-Jährige kein Trost. Beide Frauen seien aus dem Verein ausgetreten.

Gerade auch die Mitruderer, schildert Berkowski im GAZ-Gespräch, seien - nicht offiziell, eher beim geselligen Beisammensein - immer wieder auf Vorstandsmitglieder zugekommen mit Aussagen wie: "Könnt ihr das Risiko noch eingehen? Wenn sie ins Wasser fällt, können wir sie nicht ohne Weiteres hinausziehen." Die Frau habe sich nicht sicher halten können und sei einmal beim Einsteigen "kopfüber ins Boot gestürzt".

Der Verein habe erwogen, ein amtsärztliches Zeugnis zu verlangen, das ausdrücklich diesen Sport erlaubt - analog zum Fall eines Jugendlichen, der einmal im Kraftraum einen epileptischen Anfall erlitt. Er legte die Bescheinigung vor und darf weiterrudern, weil eine Medikamentenumstellung der Grund für den Anfall war. Zum aktuellen Fall sagt Berkowski: "Wir haben viel telefoniert und bei Verbänden nachgefragt." Im Sinne der Sicherheit sei keine andere Entscheidung möglich.

Grundsätzlich beziehe der WSV Hellas auch ältere oder Ruderer mit Handicap möglichst mit ein, unterstreicht der Vorsitzende. Wenn sie hinten im Boot sitzen, müssten sie nicht unbedingt den Schlagtakt halten können. "Man hilft, wo man kann." Doch Rudern sei ein Sport, der grundsätzlich funktionierende Ganzkörpermotorik verlange und besondere Gefahren berge. Die meisten Sportler bemerkten selbst, wenn sie diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Der Verein habe keine für Reha-Fälle ausgebildeten Trainer oder spezielle Angebote.

In einem Punkt kommt Berkowski den Kritikerinnen entgegen: Der Vorstand hätte der Seniorin ihren Ausschluss auf feinfühligere Weise mitteilen können. "Wir werden ein Gespräch anbieten." Grundsätzlich sei sie dialogbereit, erklärt Monika Laufenberg.

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