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Vom Stadtkind zum Naturfreak: Dieser Messermacher kennt in Gießen Gott und die Welt

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Von: Christine Steines

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Thomas Nohl führt als Messermacher in GIeßen die Tradition in seiner Familie fort. In der Stadt kennt er alles und jeden – am liebsten ist er aber ganz weit draußen.

Gießen – Er ist in der Löwengasse aufgewachsen. Geschäft und Werkstatt liegen mitten in der Stadt. Thomas Nohl kennt in Gießen Gott und die Welt, das findet er großartig. Der 51-Jährige genießt die Nähe des familiären Umfeldes. Das ist die eine Seite. Dann gibt es da noch ein ganz anderes Leben. Nohl fühlt sich in der Natur zu Hause, tief im Wald, in den Bergen oder an einem See. Er ist Outdoorfreak durch und durch, aber kein einsamer Wolf.

Der Opa stand oft in seinem blauen Kittel an der Ladentür. Er hielt gerne einen Schwatz mit Kollegen und Kunden. Der Chef des Besteckhauses Reinig hatte einen guten Draht zu den braven Leuten in der Nachbarschaft, er traf aber in der Nachkriegszeit auch bei den verruchten Typen und halbseidenen Damen des »Shanghai an der Lahn« immer den richtigen Ton. Alfred Betz war beliebt und wurde respektiert. Einen blauen Kittel trägt Thomas Nohl nicht. Aber im Enkel steckt viel vom Opa, keine Frage. Er kann gut »mit den Leuten«, er ist Jäger und Angler so wie er, und die Leidenschaft für ebenso solide wie kunstvoll geschmiedete Messer hat auch viel mit dem Großvater zu tun. »Ich habe mir viel bei ihm abgeschaut«, sagt Nohl.

Gießen: Thomas Nohl wächst im Familienbetrieb auf

Aber nicht nur beim Opa. Thomas und seine Schwester Steffi sind quasi im Familienbetrieb aufgewachsen, wie bei vielen mittelständischen Unternehmen drehte sich im Alltag immer alles ums Geschäft. Das war Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil wenig Zeit für das Familienleben blieb. Segen, weil die Eltern immer präsent waren und die Kinder von klein auf viel über das Handwerk von Mutter und Vater lernten. Bärbel Nohl ist Goldschmiedin und in ihrem Job ebenso versiert wie kreativ. Werner Nohl ist nicht nur technischer Zeichner und Bauschlosser, sondern auch Messerschmiedemeister.

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Hobby und Beruf sind perfekt verbunden: Thomas Nohl in seiner Werkstatt. © Oliver Schepp

Während sich Steffi nach der Schule für ein Studium der Sonderpädagogik entschied, trat Thomas in die Fußstapfen von Großvater und Vater. »Es interessierte mich, aber es war auch der bequemste Weg«, gibt Thomas Nohl zu. Er hätte sich auch eine andere Laufbahn vorstellen können. Die Bundeswehr oder auch die Polizei hätten ihn gereizt. Dass er schließlich den elterlichen Betrieb vorzog, hat damit zu tun, dass er sich dort zu einem echten Meister seines Faches entwickeln und gleichzeitig seinen Leidenschaften nachgehen konnte.

Nohl ist ein bäriger Typ, der Kampf- und Kraftsportarten liebt. Kickboxen, Karate, Ringen und die philippinische Kampfkunst Eskrima gehören dazu. »Das ist meine Welt, dafür konnte ich nie etwas mit Bällen anfangen«, sagt er und lacht.

Gießen: Wochenende im Garten an der Lahn für Thomas Nohl ein Stück Freiheit

Zudem ist er Angler und Jäger, was ein weiterer wichtiger Mosaikstein ist, wenn man verstehen will, wie er tickt. Schon immer war es für das »Stadtkind« das Größte, hinauszukommen in die Natur. Wenn die Eltern früher samstags den Laden schlossen und die Familie das Wochenende auf dem Gartengrundstück an der Lahn verbrachte, war das für den Jungen ein ersehntes Stück Freiheit. Bis heute kann er sich kaum etwas Schöneres vorstellen, als in der Natur zu sein, gerne auch mit ein bisschen rustikaler Lagerfeuerromantik, mit seiner Frau Ramona und ein paar Freunden an seiner Seite. Gepflegte Parkanlagen sind nicht sein Ding, stattdessen liebt er ursprüngliche Wälder, Berge und Seen.

Die Wildnis fasziniert das Ehepaar, das schon viele Länder bereist hat. Dabei hat der Messerexperte immer verstanden, seine Handwerkskunst mit seinem Geschäftssinn zu verbinden, Hobby und Beruf ergänzen einander. Ob bei abenteuerlichen Outdoorreisen, beim Survivaltraining, beim Jagen oder Angeln: Richtig gute Messer sind dabei unerlässlich. Nohl kann hervorragende Qualität selbst herstellen bzw. Top-Ware präsentieren, er weiß genau, welche Messer zu welchem Zweck nötig sind und was genau man damit macht. Seine Kunden merken sofort, dass sie es mit einem Experten zu tun haben, der seine Produkte nicht nur in der Theorie kennt.

Das hat dazu geführt, dass er einen großen Kundenstamm hat, der von weither anreist, um von einem ausgewiesenen Fachmann beraten zu werden. Dass in der Werkstatt die Jäger, Angler und Abenteurer auch gerne ordentlich fachsimpeln, versteht sich von selbst. »Na klar, das gehört dazu«, sagt Nohl und grinst. Auch er hat sichtlich Freude daran, sich über die Vorzüge der hochwertigen Messer auszutauschen.

Gießen: Thomas Nohl lernt bei den besten Messermachern der Welt

Nohl hat seine Kenntnisse über Messer zunächst im elterlichen Geschäft erworben, aber die »hohe Schule« folgte anschließend in den USA bei den besten Messermachern der Welt. Er hat bei Randall gearbeitet, der als berühmtester Vertreter seiner Zunft gilt. Nohl verkauft als einziger in Deutschland dessen Messer. Dass der 51-Jährige selbst nach vielen Jahren noch fasziniert, ist von dem edlen Material und der präzisen Verarbeitung, ist unverkennbar. Er hat aber auch Freude daran, Outdoor-Neulingen bei der richtigen Ausstattung behilflich zu sein. »Viele beschäftigen sich mit der Wassersäule der Regenkleidung - dabei kann es überlebenswichtig sein, ein gescheites Messer dabei zu haben«, erklärt er. Ein normales »Kneippchen« reicht da jedenfalls ebenso wenig wie beim anspruchsvollen Kochen.

Seit einigen Jahren ist Nohl nicht nur Jagdpächter in seinem Wohnort Annerod, sondern auch Jagdaufseher, was oft mit mehr Arbeit und Aufwand verbunden ist, als ihm lieb ist. Die Jagd an sich liebt er, sie ist für ihn praktizierter Naturschutz. Den Wildbestand in einer vom Menschen gestalteten Umwelt zu regulieren, sei unumgänglich, Dass der Überpopulation von Reh- und Rotwild und erst recht von Wildschweinen durch kontrollierten Abschuss entgegengewirkt werde, ist aus seiner Sicht unumgänglich. Mit der Lust am Töten, wie Gegner immer behaupten, habe dies nicht zu tun, »Das ist Unsinn«, sagt er.

Nohl freut sich darüber, dass eine neue Generation von Jägern heranwachse, die mit Enthusiasmus zu Werke gehe. »Die haben auch erkannt, dass Wildfleisch ein nachhaltiges Nahrungsmittel ist und die Tiere ein gutes Leben hatten.« Auch seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder haben den Jagdschein erworben und sind in ihrer Freizeit ebenso gerne in der Natur unterwegs wie er. Der Familienzusammenhalt spielt im Hause Nohl eine große Rolle, die Generationen sind beruflich und privat eng verbunden.

Gießen: Messermacher Nohl sorgt nur mit Tatoos für Ärger bei den Eltern

Dass Thomas die Leidenschaften seines Vaters Werner nie geteilt hat, ändert daran nichts. Werner Nohl war viele Jahre in der Stadtpolitik tätig und engagierte sich in der CDU. »Ich bewundere das sehr, weil es eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist, aber es passt nicht zu mir«, sagt Nohl junior. Ähnlich sieht es mit der Fassenacht aus. Natürlich, räumt er ein, hätten sich die Eltern gewünscht, dass er ebenso viel Gefallen am närrischen Treiben finden würde wie sie. Doch das war nie seine Welt - und das haben die Eltern immer akzeptiert. Dass der Sohn seinen eigenen Weg ging, erfüllte sie auch mit Stolz.

Nur mit einem kann sich Nohl senior nicht anfreunden: Die vor einigen Jahren »erworbenen« Tätowierungen des Sohnes findet er »unmöglich«, berichtet Thomas Nohl. Aber das war es dann auch schon mit der elterlichen Kritik, der weltbeste Sohn bleibt er trotzdem. Thomas und Ramona Nohl ihrerseits mussten akzeptieren, dass ihr Nachwuchs kein Interesse am Geschäft hat, das neuerdings im Teufelslustgärtchen zu finden ist. Dennoch sind die Kinder in gewissem Sinne in Papas Fußstapfen getreten. Robert ist bei der Deutsch-französischen-Brigade, einer binationalen Infanterietruppe. Und Alena hat sich für die Kriminalpolizei entschieden. Die beiden leben Papas Träume, der Einfluss ist unverkennbar.

Überflüssig zu erwähnen, dass nicht nur die Eltern, sondern auch Werner und Bärbel Nohl stolz »wie Bolle« auf die beiden sind. Und Uropa Alfred, der mit dem blauen Kittel, wäre es ganz sicher auch gewesen. (Christine Steines)

Ein Werkzeugunternehmer aus Gießen hat sein weltweit bekanntes Geschäft verkauft.

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