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Bettina Selmer in ihrem Geschäft "Tingal". Ende Mai beginnt der Räumungsverkauf.

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"Tingal" in der Gießener Innenstadt schließt - Nachfolge der Räume geregelt

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Bettina Selmer ist das Gesicht von "Tingal" in Gießen. Nun beendet die Geschäftsfrau dieses Kapitel. Eine Nachfolge für die Räume steht. 

Die einen haben die Altersgrenze erreicht und genug, anderen ist der tägliche Kampf um Kunden und Umsatz zu stressig geworden. Und meistens werden die schlechten Rahmenbedingungen für den stationären Einzelhandel und die Konkurrenz durchs Online-Versandgeschäft und die "grüne Wiese" mit ihren kostenlosen Parkplätzen beklagt. So etwas hört man oft, wenn wieder einmal ein inhabergeführtes Fachgeschäft in der Gießener Innenstadt schließt und die Gründe erörtert werden. Von Bettina Selmer hört man solche Sätze nicht. "Ich schließe aus Jux und Dollerei, nicht aus wirtschaftlichen Gründen", sagt die Betreiberin des "Tingal", einem Geschäft für Wohn- und Modeaccessoires. Sie lacht. Aber dann wird sie doch ernst und fügt den bemerkenswerten Grund für ihren Entschluss hinzu: "Ich bin sehr konsumfeindlich geworden."

Bettina Selmer hat lange gerungen mit der Entscheidung, ihr Geschäft, das sie seit fast einem Vierteljahrhundert im Marktquartier betreibt, zu schließen. "Es bereitet mir unendlich Freude, hier tätig zu sein. Ein Arbeitsplatz mitten in der Stadt, mit vielen sozialen Kontakten, das ist ein Privileg", sagt Selmer. Einerseits. Aber andererseits hätten sich in den letzten Jahren ihre Werte zunehmend verändert, erklärt die Geschäftsfrau und zeigt auf die Tür, die in die hinteren Räume des Ladens führt. Dort, wo sich der Verpackungsmüll anhäuft, wenn die neue Ware angekommen ist. "Jedes kleinste Einzelteil wird heutzutage zwei- und dreifach verpackt", sagt Selmer. Und irgendwann werde auch der schönste Einrichtungsgegenstand selbst zu mehr oder weniger wiederverwertbarem Abfall. Deshalb will die gelernte Zahnärztin jetzt nach fast 25 Jahren aus dem Einzelhandel aussteigen und danach erst einmal eine Pause einlegen. "Ich werde ein Sabbatjahr machen und danach eine neue Herausforderung im sozialen Bereich suchen".

Nach "Tingal" in Gießen: "Holländischer Stil" folgt

Am 31. Mai soll der Räumungsverkauf beginnen, zum 1. August wird das "Tingal" seine Pforten schließen. Ein bisschen Bammel hat sie vor den Monaten, die vor ihr liegen. "Der Räumungsverkauf wird mein größtes Projekt", sagt Selmer.

Zur Abwicklung des Ladens gehört auch die Regelung ihrer Nachfolge. Übernommen und komplett umgebaut wird das Ladengeschäft von der Betreiberin der schräg gegenüberliegenden Boutique I-Wear. Geplant sei ein Geschäft für Wohnaccessoires im "holländischen Stil", erklärt Selmer. Integriert werde ein kleines Café. Ihre Nachfolgerin werde damit ein drittes Geschäft nach den bestehenden im Gießener Marktquartier und in Marburg eröffnen. "Der Innenstadt geht also kein weiteres inhabergeführtes Geschäft verloren", betont Selmer.

Damit ihre Kunden die im "Tingal" angebotenen Marken weiterhin in Gießen kaufen können, will Selmer ihre "guten Lieferanten" an andere Geschäfte vermitteln. Seit acht Jahren befindet sich der 90 Quadratmeter große Laden in der Marktstraße 27, im vergangenen Jahr hatte Selmer ihr Sortiment noch einmal um Damenmode, Schuhe und Bettwäsche erweitert. Dass der Umgang der Menschen mit der Umwelt die Geschäftsfrau umtreibt, wurde im vergangenen Sommer deutlich, als sich das "Tingal" angesichts der mit Plastikflaschen vermüllten Ozeane der bundesweiten Initiative "Refill" anschloss und im Marktquartier ein Dutzend Mitstreiter warb. Seitdem können Innenstadtbesucher in den Geschäften mitgebrachte Mehrwegflaschen mit Leitungswasser befüllen. Schon damals sagte Selmer der GAZ: "Ich bin schon immer eine kleine Öko-Tante gewesen." Nun hat sie eine noch weitreichendere Konsequenz aus dieser Haltung gezogen.

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