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Tragetaschen statt Plastik für den Einkauf zu nutzen, kommt am Wochenmarkt gut an. Das Bezahlen mit dem Smartphone ist aber sicherlich noch Zukunftsmusik.

Wochenmarkt

Gießener skeptisch bei digitalem Bezahlen am Markt

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Digitales Bezahlen auf dem Wochenmarkt - funktioniert das? Ein Fachmann hat den Marktbeschickern dies als Ergänzung empfohlen. Aber die Verkäufer sind skeptisch - und die Kunden auch.

Die Hitze kriecht auch in die entlegenen Winkel auf dem Gießener Wochenmarkt. Im Vergleich zu sonst ist hier nicht viel los: Hitzerekordmittwoch. Die Einkäufer, die sich nach draußen getraut haben, schleichen entlang der wenigen Schattenplätze von Stand zu Stand. Alles läuft etwas langsamer ab. Dabei könnte in Zukunft vor allem das Bezahlen ganz schön schnell gehen: digital, also mit dem Smartphone. Doch Marktbeschicker und Kunden sind skeptisch.

Bei der Jahreshauptversammlung der Interessengemeinschaft Gießener Wochenmarktbeschicker (IGW) am Montagabend hatte Marcel Rösel über digitale Bezahlsysteme gesprochen. Der Referent für Digitalisierung des hessischen Handelsverbandes rückte vor allem Paypal in den Mittelpunkt seiner These. Onlinedienste seien für Händler zunehmend interessant, sagte er, weil Bargeld vor allem bei jungen Kunden an Bedeutung verliere, während viele heute das Smartphone zum Zahlen nutzten. Digitale Technik sieht er auf dem Wochenmarkt einstweilen "als Ergänzung". Gut organisiert, bringe sie wenig Mehraufwand - etwa mit einem individuellen QR-Code an jedem Stand.

"Auf keinen Fall Paypal", sagt Michael Weiß und schüttelt mit dem Kopf. Die Kaufabwicklung über das virtuelle Konto, bei dem die Identität des Besitzers durch die E-Mail-Adresse definiert ist, hält der Marktbesucher für viel zu unsicher. "Würde es ein sicheres Bezahlsystem geben, könnte ich mir das durchaus vorstellen", sagt der 48 Jahre alte Gießener. Nur: Er selbst werde weiterhin zum Bargeld greifen. "Ich will nicht überall digitale Spuren hinterlassen."

Skeptisch zeigt sich auch Anna-Lina Appelbaum. Die 25 Jahre alte Frau zahlt lieber mit Bargeld - um die Übersicht über ihre Ausgaben zu behalten. "Digital habe ich das nämlich nicht." Dieser Meinung ist auch eine 79 Jahre alte Frau: "Die Jüngeren mögen das vielleicht machen, aber nicht die Älteren." Sie schmunzelt, bevor sie sagt: "Und wer geht auf den Markt zum Einkaufen? Wir Älteren." Zustimmung hingegen gibt’s von Berko Hunaeus, der am Mittwoch mit seinem Fahrrad über den Wochenmarkt schlendert. Der 23-Jährige zahlt schon heute oft mit dem Smartphone - und würde das auf dem Markt auch tun. "Es geht viel schneller, und ich muss nicht ständig ein Portemonnaie mitschleppen."

Auf der Versammlung am Montagabend zeigten sich die Marktbeschicker skeptisch. Am Mittwoch sieht das auch der Obst- und Gemüseverkäufer Horst Hübner so. "Vor über zehn Jahren hatte ich das bargeldlose Bezahlen an meinem Stand eingeführt", erzählt er. Nur wenige Kunden hätten es genutzt. Langfristig, sagt der 66-Jährige, werde sich das Zahlen per Smartphone jedoch durchsetzen. Weil es für den Verkäufer wirtschaftlicher sei - und ihm mehr Zeit gebe fürs Verkaufsgespräch. "Welche Folgen das aber haben wird, werden wir erst nach der Einführung wissen."

Beschluss zu Plastikmüll

Mit Blick auf die Zukunft, aber konkreten Auswirkungen aufs Hier und Jetzt haben die Marktbeschicker einen Beschluss zu Plastikmüll getroffen. Die Mitglieder wollen auch zukünftig wiederverwendbare Tragetaschen anbieten. Fast 10 000 Stück haben sie seit der Einführung 2017 abgesetzt. Nun will der Vorstand "einen guten Vorschlag erarbeiten", wie weitere Taschen unter die Leute zu bringen sind. Eine zweite Fuhre der hellgrünen Taschen zu ordern wurde im Prinzip beschlossen. Schließlich hätten die Kunden sie "sehr gut angenommen", sagte der scheidende IGW-Vorsitzende Georg Koch. Deshalb einigten sich die Mitglieder auf das seit zwei Jahren erhältliche Modell; es kostet den Kunden 1,50 Euro. Es sei nicht nur belastbar, sondern auch günstig und lasse sich gut reinigen, sagte der neue Vorsitzende Eric Döbele. Alternativen wie Papiertüten seien relativ teuer und nicht sonderlich haltbar, Netze keine bessere Lösung. Die wiederverwendbaren Tragetaschen bereits "vor dem Hype" (Koch) um umweltfreundliche Verpackungen eingeführt zu haben, macht die IGWler stolz. Freilich passen tragbare Statements gegen Plastikwahn nirgends so gut hin wie auf den Wochenmarkt: Der sei "ja schon immer ein Unverpackt-Laden", betonte Koch.

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