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In der Karl-Sack-Straße hat sich der Überfall ereignet.

Polizeibekannte Jugendliche vor Gericht: Von Handschellen und Handcreme

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Vier junge Menschen wollen Gangster spielen. Ihr Plan: Einen Jugendlichen in der Weststadt "abziehen", der wohl mit Hanfprodukten dealt. Doch der Überfall geht schief. Weil die vier Jungs trotz ihres jungen Alters schon oft aufgefallen sind, stehen sie vor dem Jugendschöffengericht am Scheideweg ihres Lebens.

Auch harte Jungs brauchen Streicheleinheiten: Vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Gießen standen jetzt vier junge Erwachsene wegen schwerer räuberischer Erpressung. Zwei von ihnen sitzen in Untersuchungshaft in Wiesbaden, weil sie gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen haben. Vor allem deren Mütter suchen während der fast zehnstündigen Verhandlung immer wieder Körperkontakt zu ihren Jungs: Die eine Mutter streichelt in Verhandlungspausen ihrem muskulösen Sohn den Rücken, küsst ihn auf die Wange. Die andere Mutter streichelt ihrem Jungen die Hände, nachdem der Justizmitarbeiter ihm die Handschellen abgenommen hat. Dann behandelt sie seine beanspruchten Handgelenke mit einer Creme. Das alles unter den Blicken von fast 60 Zuschauern - das Gros Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder der Angeklagten.

Diese zärtlichen Momente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Quartett ein ziemlich "hinterhältiges" Ding drehen wollte, wie Staatsanwältin Jessica Schröder betont. Auch Rechtsanwalt Frank Richtberg nennt den Überfall, bei dem sein Klient federführend war, "unterste Schublade". Ein in Lollar lebender 18-Jähriger verrät Ende Januar seinem Freund, dass ein Kumpel eine Lieferung von Cannabidiol-Liquid sowie Kristalle aus dem Darknet erwarte. Ein ängstlicher Typ sei das, den könne man "abziehen". Ein verharmlosendes Wort für "ausrauben". Der Tippgeber hätte einen Teil der Beute erhalten, wäre der Coup gelungen.

Überfall in Gießener Weststadt

Der Freund des Tippgebers weiht zwei Gießener ein, beide 19 Jahre alt. Weil sie gehört haben, dass der CBD-Kocher nicht nur eine Gaspistole besitzt, sondern auch einen großen Bruder haben soll, packen sie ebenfalls eine Gaswaffe ein. Einen goldenen Revolver. Damit stehen sie am 4. Februar vor der Tür des Dealers. Vorher hatte der junge Kopf des Trios dem Jugendlichen vorgegaukelt, er wolle ihm die CBD-Lieferung für 500 Euro abkaufen - anstatt für 100 bis 200 Euro.

Als der als beeindruckend beschriebene Jugendliche aufmacht, sind sie erstaunt. "Das war nur ein kleiner Junge", sagen zwei der Räuber vor Gericht. Sie drängen ihn ins Zimmer, fuchteln mit der Gaspistole vor seinem Gesicht, geben ihm Ohrfeigen und nach eigenen Angaben zwei Faustschläge und einen Tritt - an die kann sich das Opfer vor Gericht nicht mehr erinnern.

Der Jugendliche übergibt widerwillig das Gros der zehn Liter mit CBD-Liquid und die etwa fünf Kristalle. Plötzlich klingelt sein Handy, er flieht ins Bad, schließt sich ein. Seine Mutter ist am Telefon. "Die wollen mich hier abziehen, ruf die Polizei", habe er gesagt, schildert der junge Jugendliche dem Gericht, während er seine ins Gesicht fallenden Haare immer wieder zur Seite schiebt. Seine Mutter sitzt mit versteinerter Miene und verschränkten Armen neben ihrem Sohn - auch als Richterin Birgit Ruppel ihm eindringlich ins Gewissen redet, den Mist mit dem Drogenkonsum und -verkauf sein zu lassen.

Prozess in Gießen: Appell an Angeklagte und Freunde

Das Trio bekommt Bammel, flüchtet durchs Fenster nach draußen. Nur um festzustellen, dass einer von ihnen seine Tasche in der Wohnung vergessen hat. Also kehren zwei wieder zurück, versuchen es mit Tricks an der Sprechanlage ("Hier ist die Polizei"). Sie öffnen die Zentraltür des Mehrfamilienhauses mit einer Karte. Als sie die Wohnungstür ihres Opfers nicht eintreten können, fliehen sie endgültig. Einen Tag nach der Tat trifft sich das Trio wieder; sie hätten ein schlechtes Gewissen gehabt, kaum geschlafen, kaum gegessen, erzählen sie. Also stellen sie sich in kurzen Abständen der Polizei.

Die meisten von ihnen sind den Ermittlern bekannt. Der eine 19-Jährige hatte vor nicht mal einem Jahr eine Postfiliale in Wieseck überfallen - maskiert und mit einer Schreckschusspistole in der Hand. Ein anderer war vor der dem Club Admiral in eine Schlägerei verwickelt. Der Tippgeber hatte auf einem Schulhof zusammen mit einem Kumpel einen Schüler zusammengeschlagen und auf ihn eingetreten, während er auf dem Boden lag. Hinzukommen zahlreiche Einträge vor allem wegen Hausfriedensbruchs, aber auch wegen Betrugs und Unterschlagung.

Fußfessel angeordnet

Man könnte meinen, dass das Gericht die Geduld verliert - zumindestens mit den beiden älteren Gießenern, die aktuell in U-Haft sitzen. Doch wegen ihrer umfassenden und nichts beschönigenden Geständnisse ("Liebe Richterin, ich habe Scheiße gebaut") bleibt den drei Räubern und dem Tippgeber vorerst der längere Besuch einer Haftanstalt erspart. Richterin Ruppel verurteilt alle vier nach dem Jugendstrafrecht. Der eine Gießener Wiederholungstäter bekommt eine Éinheitsstrafe von zwei Jahren mit Vorbewährung - das heißt, er müsse sich die Bewährung erst verdienen, erklärt ihm sein Verteidiger Alexander Hauer. Er muss ein Jahr lang eine elektronische Fußfessel tragen und alle ihm auferlegten Auflagen erfüllen. Sein gleichaltriger Kumpel aus Gießen bekommt ein Jahr und neun Monate - ebenfalls mit Vorbewährung, Fußfessel und Co. Der Kopf der Gruppe erhält als Ersttäter zwölf Monate auf Bewährung, der Tippgeber muss wegen Beihilfe 90 Arbeitsstunden ableisten.

Sein Plädoyer nutzt Strafverteidiger Richtberg für einen Appell an die Angeklagten - und deren feixenden jungen Freunde und Bekannte. "Das war keine Heldentat, wer so etwas tut, sollte sich schämen", sagt er. "Wenn es so weitergeht, wird beim nächsten Mal der Zellenschlüssel weggeworfen." Ob die Botschaft bei allen gefruchtet hat? Während des Prozesses ruft einer der beiden Gießener einem Kumpel hinter ihm zu: "Ein Bekannter von dir sitzt mit mir."

Nach der Urteilsverkündung jubeln einige Jungs den Angeklagten zu: "Ey geil, Alter, eine Fußfessel!" Was ein junger Zuschauer von der Würde des Gerichts hält, zeigt er in einer Verhandlungspause. Nachdem er sich ein Brausepäckchen in den Mund geschüttet hat, spuckt er auf die breiten Treppen des Amtsgerichts.

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