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In dieser Bar an der Rodheimer Straße sollen im November 2018 an mehreren Tagen sieben Männer schwer misshandelt worden sein.

Bahoz-Prozess

Bahoz-Prozess in Gießen: Private Chatverläufe geben Einblicke

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Im aufsehenerregenden Prozess um Gewaltprozesse in der Weststadt wurden nun private Chatverläufe verlesen. Sie geben spannende Einblicke. 

Gießen - Fast zwei Monate lang hatte sich der 35 Jahre alte Biebertaler auf der Anklagebank unter Kontrolle. Klar, wenn manche Zeugen im Prozess um die Gewaltexzesse in der Weststadt-Bar aussagten, konnte er sich ein stilles Lächeln nicht verkneifen. Aber als Richter Jost Holtzmann und dessen Kollege Jochen Kleineberg in wechselnden Rollen private Chatverläufe des gebürtigen Kurden und dessen Lebensgefährtin vorlasen, fuhr er aus seiner Haut. "Wie können Sie das vorlesen", schimpfte er wild gestikulierend, "das ist privat." Ist es in diesem Zusammenhang vielleicht nicht. Denn die Chatverläufe könnten Auskunft darüber geben, wie es dazu kommen konnte, dass unter der Regie des 35-Jährigen im November 2018 sieben Männer gefoltert worden sein sollen.

Seit Mitte Mai läuft der Prozess gegen die sechs Angeklagten aus der mittlerweile aufgelösten rockerähnlichen Gruppe Bahoz. Sie sollen in einer Bar an der Rodheimer Straße an mehreren Tagen sieben Männer - einige aus den eigenen Reihen - mit Bambusstangen, einer Rohrzange, einem Hammer, Schlägen und Tritten misshandelt haben. Einem Opfer soll ins Bein geschossen worden sein. Der Grund: Der Kopf der Gruppe habe einen Mordkomplott gegen sich gewittert. An den vorangegangenen Prozesstagen fielen vor allem die Männer im Zeugenstand mit auffälligen Wissenslücken auf. Gestern standen die Aussagen zweier Frauen im Mittelpunkt; und die schilderten klar, wie sich der Hauptangeklagte innerhalb weniger Monate wegen seines Kokainkonsums verändert habe.

Eine 30 Jahre alte Alsfelderin beschreibt den Kopf der Gruppe als "ehrlichen Menschen", "der gegen Drogenkonsum war". Deshalb habe sie es nicht wahrhaben wollen, als andere ihr von dessen Kokainkonsum erzählten. 2015 habe sie ihn kennengelernt. Danach habe sich eine Freundschaft entwickelt, die bis heute Bestand habe. "Er war früher ein eher stiller Typ", erzählte sie, "aber wenn er etwas sagte, war es sinnvoll". Im Laufe des vergangenen Jahres sei er redselig geworden. Auch habe er morgens auf ihre Nachrichten geantwortet. "Er hat sonst bis in den Nachmittag hinein geschlafen."

Bahoz-Prozess in Gießen: Beziehung zu verheiratetem Familienvater

Eines Abends habe er ihr eine Nachricht geschrieben. Es könne sein, dass er bei ihr untertauchen müsse. "Sie wollen mich wegmachen", habe er ihr mitgeteilt. Durch Nachfragen von Richter Holtzmann konnte dieser Chat auf den 12. November datiert werden; die erste Gewaltorgie hatte sich am 6., die zweite am 16. November in der Bar abgespielt. Weil sie ihren Freund als ernsten Typen kennengelernt habe, habe sie dessen Aussage nicht als Geschwätz abgetan. "Er ist kein Mensch, der sowas einfach so in die Welt setzt. Dazu ist er zu sehr Manns genug."

Erschüttert sei sie, wie wenig einige alte Freunde zu ihrem "großen Bruder" stehen würden. "Zu den Jungs", erzählte sie, "hatte er immer ein familiäres Verhältnis". Als er Mitte November festgenommen wurde, hätten einige "kalt" über ihn gesprochen und ihn als "Irren" hingestellt. "Ich halte es bis heute nicht für möglich, dass die Eskalation von ihm ausgegangen ist", sagte die 30 Jahre alte Frau. "So kenne ich ihn gar nicht."

Bahoz-Prozess in Gießen: Kokain und Schlafmangel

Auch die Lebensgefährtin des Biebertalers zeichnete das Bild eines Mannes, der "für seine Brüder wortwörtlich in den Tod gegangen wäre". Kennengelernt habe sie ihn 2013, erzählt die 31-Jährige. Zwei Jahre später seien sie ein Paar geworden - obwohl sie gewusst habe, dass der 35-Jährige ein verheirateter Familienvater ist. Verändert habe er sich, nachdem sie im Frühjahr 2018 eine Woche lang getrennt gewesen seien. Er habe damals angefangen, zu koksen und den Konsum bis in den Herbst hinein "extrem" gesteigert. Geschlafen habe er damals kaum.

Auch deshalb, weil der 35-Jährige und seine Partnerin glaubten, beobachtet zu werden. In dieser Zeit habe auch der Respekt einiger "Jungs" gegenüber dem "großen Bruder" abgenommen. Seine Lebensgefährtin schilderte eine Szene, in der ein Mitglied der Gruppe im Beisein des Biebertalers mit einem Messer spielte - wohl wissend, dass dieser "allergisch" auf Messer reagiere. Konfrontiert mit dem Vorwurf, dass es eine Verschwörung gebe, hätten die Gruppenmitglieder immer andere verdächtigt. "Das brachte ihn durcheinander", erzählte sie.

Am ersten Tattag, an dem drei Männer unter anderem mit Bambusstangen verprügelt worden sein sollen, sei er spätnachts in die Wohnung seiner Lebensgefährtin gekommen. Mit einer Thunfischpizza. "Er war so fertig", erzählte sie, "und dann hat er sich endlich mal zum Schlafen hingelegt".

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