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Am Wieseckufer

Gießen: Was es mit den pinken Skulpturen an der Wieseck auf sich hat

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Ist Gießen eine "Graue Stadt"? Mitnichten. Die Stadt zeigt sich aktuell an mehreren Stellen entlang der Wieseck sogar "pretty in pink". Zu verdanken ist das Studenten der THM..

"Schön sieht das aus", ruft eine Passantin erfreut, als sie von der Brücke an der Ecke Bismarckstraße/Löberstraße hinabschaut. Im Uferbereich der Wieseck steht dort in großen Lettern der Schriftzug "Graue Stadt?". Doch grau ist an dem Platz hinter der Kongresshalle nichts, denn die fast mannhohen Buchstaben leuchten in kräftigem Pink als echter Blickfang im starken Farbkontrast zum Grün der Bäume. Daneben sitzen auf einem aus Holzpaletten errichteten Podest Studierende des Kurses "Sondergebiete der Architektur" von THM-Professor Maik W. Neumann. Die haben sich Gedanken darüber gemacht, wie man die Bereiche an der Wieseck aufwerten und zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen könnte. Dafür haben sie an drei Stellen temporäre Installationen aufgebaut, die eigentlich nur noch am gestrigen Mittwoch zu sehen sein sollten. Doch auch wegen der positiven Reaktionen vieler Passanten werden sie wohl doch noch bis zum Wochenende vor Ort bleiben können. "Da muss ich aber erst Rücksprache mit dem Ordnungsamt halten", gibt Dipl. Ing. Neumann zu bedenken.

An drei Stellen entlang der Wieseck

Insgesamt werden drei Punkte an der Wieseck bespielt. An der Graffitiwand in Höhe der Bleichstraße sind große Spiegel aufgestellt. In der Wieseckaue nahe Schwanenteich steht ein aus pinkfarbenen Latten errichtetes Haus mit Fenster und Tür am Weg, um auf ein besonders schönes Plätzchen zum Verweilen hinzuweisen - "dort, wo sonst die Kühe sind." Und an der Wieseck zwischen Kongresshalle und Bismarckstraße stehen besagte pinkfarbene Buchstaben.

Zur Installation gehört aber auch ein "öffentliches Wohnzimmer" oben an der Löberstraße. "Mama, da können wir doch morgen frühstücken", habe ein Mädchen aus einem anliegenden Haus seiner Mutter vorgeschlagen, berichten die Studierenden nicht ohne Stolz. Schließlich zeigt es, dass sie ihr Ziel, die Wieseck mehr in den Blickpunkt der Gießener zu rücken, erreicht haben.

Aufwertung des Wieseckufers

Die Studierenden haben zunächst den städtebaulichen und gesellschaftlichen Kontext der Wieseck analysiert und kommen zu einer ernüchternden Bilanz: Trampelpfade und Gestrüpp, jede Menge Unrat, viele Ratten, fehlender Blickkontakt von der Straße aus, Nutzung als Hunde- und zuweilen auch Menschenklo - der Ufergrünstreifen entlang der Wieseck, auch im ansonsten idyllischen Gründerzeitviertel von Lony- und Löberstraße, wird nicht als attraktiv empfunden. Und vor allem nicht als öffentlicher Raum wahrgenommen. Hier wollen die Studierenden zum Nachdenken anregen. Sie wollen zeigen, dass die Wieseck auch innerstädtischer Blickfang und "öffentliches Wohnzimmer" sein kann. Sie haben dafür nicht nur Skulpturen und Sitzgelegenheiten gebaut, sondern auch am Ufer eigenhändig mit der Sense gemäht - wo das überhaupt möglich war. "Bei dem Wildwuchs war mit unseren Mitteln nicht mehr zu machen", bedauern sie und erzählen auch von skeptischen Kommentaren einiger Hundebesitzer, die fürchteten, demnächst dort nicht mehr ihre Hunde ihr Geschäft verrichten lassen zu können.

Wenn die Skulpturen tatsächlich noch bis zum Wochenende stehen bleiben können dann werden die Studierenden auch einen Wachdienst übernehmen, damit ihre Aufbauten nicht in der Nacht von Wirrköpfen beschädigt werden - der erste Obdachlose hatte schließlich schon beim Aufbau direkt daneben uriniert.

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