Heute endet nicht nur der Räumgsverkauf, sondern auch die Gießener Geschichte von Peek und Cloppenburg.
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Heute endet nicht nur der Räumgsverkauf, sondern auch die Gießener Geschichte von Peek und Cloppenburg.

Seltersweg

Gießen: Peek & Cloppenburg schließt - Von Umbauten und Querelen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Am Samstag öffnet die Gießener Peek-&-Cloppenburg-Filiale zum letzten Mal. 28 Jahre lang war das Geschäft im Seltersweg Anlaufstelle für viele Gießener. Nun schließt es.

Ein Mittwoch im September 1991: Im Seltersweg hat sich eine Menschentraube versammelt. Männer und Frauen in Jeansjacken und Föhnfrisuren stehen vor der Hausnummer 40 und warten darauf, dass sich die Türen öffnen. Um 8 Uhr ist es soweit. Endlich ein P&C in Gießen.

28 Jahre ist die Eröffnung der Peek-&-Cloppenburg-Filiale nun her, ein 29. Jahr wird es nicht geben. Das Modegeschäft schließt am heutigen Samstag. Aus wirtschaftlichen Gründen, wie es heißt. Das Geschäft mit Damenbekleidung, die hier seit 2005 ausschließlich verkauft wurde, hat sich nicht mehr gelohnt. Ein Teil der rund 40 Beschäftigten wird in anderen Filialen unterkommen, der Rest erhält eine Abfindung und muss sich eine neue Beschäftigung suchen. Die Sorgen der Verkäuferinnen sind groß, wie hinter vorgehaltener Hand bekundet wird. Nicht das erste Mal an dieser Adresse.

»Als Sklaven lassen sich die Mitarbeiter jedenfalls nicht verkaufen.« Diese Worte des damaligen Gewerkschaftvorsitzenden aus dem Jahr 1989 zeigen, mit wie viel Angst und Wut die Bilka-Angestellten damals auf die angekündigte Schließung ihres Kaufhauses reagierten. 1964 hatte die Niedrigpreis-Kette im Seltersweg ihre Filiale eröffnet. Stolze 150 Mitarbeiter sorgten seinerzeit dafür, dass die Gießener nicht nur Pullover und Mützen zu niedrigen Preisen kaufen konnten, sondern auch satt wurden. Noch heute denken viele Menschen bei dem Wort Bilka zu allererst an halbe Hähnchen.

P&C in Gießen: Querelen um Bebauungsplan

Doch schon Anfang der 70er Jahre rutschte die Kette in die roten Zahlen, Ende der 80er trennte sich die Muttergesellschaft Hertie dann von ihrer defizitären Tochter. Auch in Gießen machten viele Gerüchte die Runde, zwischenzeitlich galt Woolworth als aussichtsreicher Nachfolger, am Ende machte aber P&C das Rennen. Sehr zur Freude der Verantwortlichen. Von einer »Attraktion für Gießen« war bei einem Empfang am Vortrag der Eröffnung die Rede, ein »Glanzlicht für den Seltersweg« erhofften sie sich.

Doch die Harmonie bei der Eröffnung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Vorfeld Querelen gegeben hatte. Im Bebauungsplan für das betroffene Gebiet war festgelegt, dass Geschäftsgebäude zu mindestens 40 Prozent aus Wohnraum bestehen müssten. P&C pochte jedoch auf den geltenden Bestandsschutz des 1962 erbauten Gebäudes. Das Bauamt gab dem Unternehmen nach langwierigen Verfahren recht - zum Leidwesen einiger Köpfe im Rathaus.

P&C in Gießen: Boss und Benetton teurer als Bilka

Nach einem umfangreichen Umbau - die Verkaufsfläche wurde verdoppelt - konnte es losgehen. 90 Mitarbeiter sollten dafür sorgen, dass es den Kunden an nichts fehlt. Auch in den Folgejahren stellte das Unternehmen fleißig ein. Regelmäßig erschienen großformatige Anzeigen, auf denen um Verkäuferinnen, Kaufmänner, Schneider und Hilfskräfte geworben wurde. »Ich mache eine Ausbildung, die nie aus der Mode kommt«, war eine Stellenanzeige für Kaufleute überschrieben. Der Beruf ist tatsächlich noch en vogue, wie ein Blick in die Beliebtheitslisten zeigt. Die Gießener Peek-und-Cloppenburg-Filiale scheint aber sehr wohl aus der Mode gekommen zu sein.

Bereits 2012 hatte das Unternehmen die Erfolgsfaktoren des Standorts überprüft, damals wurde das Mietverhältnis noch verlängert. Dieses Mal ist Schluss, das »Glanzlicht« erlischt. Die Filiale überlebte somit nur wenig länger als ihr Vorgänger.

Am Eröffnungstag vor 28 Jahren verließen übrigens nicht alle Kunden die Filiale mit vollen Einkaufstaschen. Das »Großstadtangebot von Herren-, Damen- und Kinderbekleidung des mittleren und gehobenen Genres«, wie es die Geschäftsleitung seinerzeit formulierte, war für viele Gießener unerschwinglich. Da halfen auch die Blumen nicht, die zur Premiere verteilt wurden. Boss und Benetton sind nun mal teurer als Bilka.

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