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Auch in Kleinlinden waren Beamte der Bundespolizei gegen Menschenhandel, Zuhälterei und Zwangsprostitution im Einsatz.

Prostitution

Nach Razzia zu Zwangsprostitution in Gießen: Weitere Details bekannt

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Durchsuchung in Gießen im Rahmen einer bundesweiten Razzia: Es geht um Zwangsprostitution und Menschenhandel. An der Frankfurter Straße lebten Frauen unter "menschenunwürdigen" Verhältnissen.

Update, 15. Mai 2019, 10.25 Uhr: Nach der Razzia in Gießen-Kleinlinden hat die Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen fünf mutmaßliche Bordellbetreiber erhoben. Die Vorwürfe: Gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Zwangsprostitution, Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei, Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt und der Steuerhinterziehung. "Die fünf Angeschuldigten sollen – gemeinsam mit weiteren Mittätern – ein bundesweit agierendes Netzwerk aufgebaut und Cis-Frauen und transsexuelle Frauen aus Thailand auf dem Luftweg in das Bundesgebiet eingeschleust haben, damit diese der Prostitution nachgehen", heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft. Die Prostituierten sollen in einer Art Rotationsverfahren in unterschiedliche Bordellbetriebe geschickt worden sein. Gießen war einer der Standorte. Hier, in Kleinlinden, hatte vor rund einem Jahr eine entsprechende Razzia gegeben. Strippenzieher sollen zwei Schwestern aus Maintal sein, wie op-online.de* berichtet. 

Erstmeldung, 18. April 2018: Die liegengebliebenen Essenreste verantworten den Geruch nach altem Fisch. An den Wänden sind Schimmelspuren zu sehen. Zum Durcheinander in den Zimmern kommen die Einsatzkräfte der Bundespolizei, die jede Schublade nach Beweismaterial durchsuchen. Unter "menschenunwürdigen" Verhältnissen, so beschreibt es Klaus Arend als Sprecher der Bundespolizei in Kassel, lebten hier an der Frankfurter Straße nahe der Autobahnbrücke vier Frauen aus Thailand und Lettland. Bis am Mittwochmorgen gegen sechs Uhr die Beamten anrückten. Aus freien Stücken, so wird angenommen, waren die Frauen im Alter von 28 bis 46 Jahren nicht hier.

Die Durchsuchung war Teil einer bundesweiten Razzia, der größten ihrer Art, die die Bundespolizei jemals durchgeführt hat. 1500 Beamte kamen zum Einsatz. Es geht unter anderem um Menschenhandel, Zuhälterei und Zwangsprostitution. 62 Bordelle, Wohnungen oder Büros standen im Fokus. In Gießen erfolgte einer der Zugriffe. Offiziell ist das Haus kein Bordell, dennoch gingen die vier Frauen hier der Prostitution nach. Offenbar wurden sie dazu gezwungen. "Die Frauen wurden von Schleusern mutmaßlich illegal nach Deutschland gebracht", erklärt Klaus Arend als Sprecher der Bundespolizei in Kassel. Hier mussten sie den Schleuserlohn, der jeweils zwischen 16 000 und 36 000 Euro liegen soll, in der Prostitution "abarbeiten". Nach ersten Erkenntnissen waren sie in dem Haus nahe der Autobahnbrücke zwischen der Kernstadt und Kleinlinden nicht eingeschlossen worden. Auch die Hintermänner, gegen die sich die bundesweite Razzia richtete, leben nicht in Gießen. "Allerdings", so Arend, "weiß man aus der Szene, dass es auch vor Ort immer Leute gibt, die den Zwang ausüben."

Wie lange die drei Thailänderinnen und die Lettin in dem verdreckten Haus an der Frankfurter Straße hausen mussten ist unklar. Offenbar soll eine Art "Rotationsprinzip", in dem die Frauen durchs Land geschickt wurden, zur Vorgehensweise der Hintermänner gehört haben.

Die Hintergründe

Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern, der Zwangsprostitution, der Zuhälterei, des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt sowie der Steuerhinterziehung richtet sich gegen insgesamt 56 Beschuldigte (41 Frauen und 15 Männer) im Alter zwischen 26 und 66 Jahren. Hauptbeschuldigte sind eine 59-jährige thailändische Staatsangehörige und ihr 62-jähriger deutscher Lebensgefährte, die dringend verdächtig sind, gemeinsam mit weiteren Mittätern ein bundesweites Netzwerk aufgebaut zu haben, mit dem Ziel, thailändische Frauen und Transsexuelle auf dem Luftweg in das Bundesgebiet ein zuschleusen, damit diese im Bundesgebiet der Prostitution nachgehen. Hierzu soll die Hauptbeschuldigte in Zusammenarbeit mit unbekannten, in Thailand befindlichen Personen, in Thailand gezielt Frauen und Transsexuelle angeworben und diese mit erschlichenen Schengen-Visa für touristische Zwecke, die nicht zur Einreise und Aufenthalt zum Zweck der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit berechtigen, ausgestattet haben. In Deutschland angekommen, sollen die Frauen und Transsexuellen in ein Abhängigkeitssystem gedrängt und so zur Prostitution gezwungen worden sein.

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