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Mauerfall-Gedenken

Gießen: Mauerfall-Gedenken an historischer Stätte

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Das Land Hessen erinnert an den Mauerfall vor 30 Jahren - und beginnt an historischer Stätte in Gießen. Zeitzeugen sorgen für emotionale Momente und verhindern jedwede "Ostalgie".

Dieses Fahrzeug wird nicht durchgelassen. Ist doch kein Faschingsverein, unser Arbeiter- und Bauernstaat", schnarrt der Uniformierte und nimmt den Besitzer des bunt angemalten "Trabi" streng ins Visier. "Haben Sie Ihre Papier bei sich? Wir behalten Sie im Auge." Als DDR-Grenzbeamter sorgt der Berliner Schauspieler David Hannak für Heiterkeit. Doch manchem bleibt das Lachen im Halse stecken. Die Beklemmung in der Diktatur vermittelt die Begrüßung zum Festakt, mit dem die hessische Landesregierung ihre Veranstaltungsreihe "Wir leben Freiheit - 30 Jahre Mauerfall" einläutet. "Ostalgie" ist fehlt am Platz; diese Botschaft unterstreichen die Zeitzeugen. Sie sorgen indes auch für anrührende Momente unter den 170 geladenen Gästen im ehemaligen Notaufnahmelager Gießen.

Bewegt ist am Ende auch Ministerpräsident Volker Bouffier. Die Stimme des Gießeners gerät ins Wanken, als er den vielen anwesenden Jugendlichen versucht zu vermitteln, welch eine geschichtliche Ausnahme es war, dass mutige "Menschen ihre Freiheit erkämpft haben ohne einen einzigen Schuss. Das muss einen auch heute noch mit Freude erfüllen und dankbar machen." Diese Freiheit dürfe nicht "untergehen".

Noch ein emotionaler Moment: Jutta Fleck, "die Frau vom Checkpoint Charlie", blickt erst einmal um sich im ehemaligen Speisesaal. Hier wurde sie 1985 im Westen begrüßt, erzählt die 72-Jährige. Für sie endete damit die traumatische Haft wegen versuchter Republikflucht, und der sechsjährige Kampf um ihre Töchter begann. Noch heute wache sie manchmal nachts schreiend auf, berichtet die lebensfroh wirkende Frau, die das Schwerpunktprojekt Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur in Hessen leitet. Ihre Tochter Beate Gallus erklärt im Interview mit einem Schüler: "Für mich ist Freiheit die Essenz des Lebens."

Dem Liedermacher Stephan Krawczyk haben seine kritischen Texte Berufsverbot, Stasi-Überwachung und eine erzwungene "Ausreise" eingebracht. Der 63-Jährige prangert "das Sichbesaufen an Vergesslichkeit" an.

600 000 Übersiedler hat Heinz Dörr als Mitarbeiter und - fast 20 Jahre lang - Leiter der Aufnahmeeinrichtung erlebt. Mehrmals begleitete er Transporte politischer Gefangener, die freigekauft worden waren. Sichtlich bewegt berichtet der 91-Jährige vom allmählichen "Auftauen" der Menschen nach dem Überqueren der Grenze. "Für mich wurden dieses Fahrten nie zur Routine."

Schnelle Einheit war unvermeidlich

Wie kam es überhaupt zur deutschen Teilung? Hatte Adenauer mit seinem Nato-Kurs recht? Wie groß war die Kriegsgefahr während der Berlin-Krise und in den 80er-Jahren? Hätte man bei der Wiedervereinigung etwas besser machen können? Solche Fragen des Moderators Claus Peter Müller von der Grün beantworten in der einleitenden Diskussion Bouffier und der Sozialwissenschafts-Professor Hubert Kleinert, dessen Buch "Das geteilte Deutschland" letztes Jahr erschienen ist. Die schnelle Wirtschafts- und Währungsunion 1990 wirke bis heute in "Befindlichkeitsproblemen" nach, meint der ehemalige Grünen-Politiker. Wegen des Drucks der DDR-Bürger habe es dazu keine realistische Alternative gegeben. Allerdings hätte man den Bürgern in Ost und West frühzeitig "reinen Wein einschenken" sollen.

Die Menschen im angeblich moralisch besseren Teil des Landes hätten "mit den Füßen abgestimmt", erklärt Bouffier die Logik des Mauerbaus, der vor genau 58 Jahren begonnen hatte. "Dieses System wäre ohne Gewalt nie zusammenzuhalten gewesen. Wenn es ernst wurde, schlug die Staatsmacht zu."

Näheres zur Veranstaltungsreihe steht im Internet: www.wirlebenfreiheit.hessen.de. Höhepunkt soll ein Bürgerfest in Großburschla am 9. November sein.

Die Einrichtung am Meisenbornweg war seit 1945 Auffang- und Ankunftsort für "Staatenlose", Aussiedler, Flüchtlinge und vor allem 900 000 DDR-Übersiedler. Daran soll ein Museum erinnern: Dieses Vorhaben bekräftigte Ministerpräsident Volker Bouffier am Rande des Festakts. Er verhandle derzeit über die Bundesförderung für eine Gedenkstätten. Es sei noch nichts spruchreif. Das Land wolle Geld beisteuern, Akteure vor Ort sollten eingebunden werden. Am morgigen Donnerstag beginnt dort um 17 Uhr eine öffentliche Führung.

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