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Der Mann wird für mehrere Fälle sexueller Belästigung in Gießen verantwortlich gemacht.

Sexuelle Belästigung

Gießen: Grapscher muss hinter Gitter

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Ein explosives Thema braucht eine sachliche Herangehensweise. Die ist schwer, wenn der Angeklagte, der in sechs Fällen Frauen sexuell belästigt haben soll, vor dem Jugendschöffengericht gelangweilt auf seinem Stuhl lungert. Da platzte selbst der besonnenen Amtsrichterin Maddalena Fouladfar der Kragen: "Wir sind in einem deutschen Gericht, und in dem wird nicht gechillt. Sie sitzen hier, als ob Sie das nichts angeht", schimpfte sie am Freitag den kleinwüchsigen, 19 Jahre alten Eritreer aus.

Die Kopfwäsche hatte der junge Mann gebraucht. Denn plötzlich gestand er seine Taten ohne Umschweife. Im Stadtgebiet hatte der damals 18-Jährige im Sommer innerhalb von vier Monaten mehrere Frauen sexuell belästigt. An der Bushaltestelle Friedrichstraße rückte er nah an eine junge Frau heran, machte obszöne Bemerkungen und berührte sie am Hintern. An einem anderen Tag fragte er eine Frau an der Bushaltestelle Liebigstraße, ob sie einen Freund habe und berührte ihre Brüste und Arme. Wenige Minuten später stieg er in die Linie 1 Richtung Berliner Platz ein. Er setzte sich hinter eine Frau, berührte sie an Hals und Oberschenkel. Während der Fahrt belästigte er eine dritte Frau mit seinen sexuellen Fantasien.

Der Busfahrer alarmierte die Polizei, stoppte am Berliner Platz das Fahrzeug und verriegelte die Türen. Als der 19-Jährige versuchte, diese gewaltsam zu öffnen, wollte der Busfahrer beruhigend auf ihn einwirken. Der Eritreer trat ihm daraufhin zweimal gegen das Schienbein und stieß ihm in die Rippen. Er wehrte sich auch, als zwei Polizisten ihm Handfesseln anlegten. Und auf der Fahrt zur Polizeiwache teilte er auch der Beamtin seine sexuellen Fantasien mit. Gelernt hatte er daraus nichts. Bei seinem nächsten Übergriff im Nachtbus "Venus" streichelte er auf Höhe des Berliner Platzes einer Frau über Bauch und Brüste.

Seit zwei Monaten im Gefängnis

Die Jugendgerichtshilfe beschrieb den jungen Mann als schwierigen Fall. Er hat in Eritrea 14 Geschwister, sein Vater ist Soldat und mit zwei Frauen verheiratet. 2015 lief er zu Fuß durch den Sudan, Schlepper brachten ihn über Libyen und Italien nach Deutschland. Hier fiel es ihm schwer, sich an Regeln zu halten. Er besuchte fünf Jugendhilfeeinrichtungen, war in Heuchelheim, Langgöns und zuletzt in Laubach in einer Asylunterkunft gemeldet. Aber meistens lebte er auf der Straße. Wiederholt war der junge Mann in psychiatrischer Behandlung. Unter anderem wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Weil pädagogische Angebote bisher nicht geholfen haben, empfahl die Jugendgerichtshilfe eine Haftstrafe. Seit zwei Monaten sitzt der Eriträer in Wiesbaden im Gefängnis. Von den Regeln und festen Strukturen profitiere er, sagt der Vertreter der Jugendgerichtshilfe: "Es ist ihm in Deutschland wohl nie besser gegangen als in der JVA."

In ihrem sachlichen Plädoyer forderte Staatsanwältin Mareen Fischer für den Angeklagten eine Jugendstrafe von sechs Monaten - die Mindeststrafe für dieses Delikt im Jugendstrafrecht; sein Verteidiger Philipp Kleiner schloss sich dem an. Richterin Fouladfar sah eine Haftstrafe von neun Monaten als angemessen an - damit sich die positive Entwicklung hinter Gittern verfestigen könne. Der 19-Jährige muss auch die Kosten für das Verfahren zahlen. Fouladfar betont mit Blick auf den anfangs "gechillten" Angeklagten: "Damit Sie wissen, dass ein Gerichtsverfahren nicht umsonst zu haben ist." Der Eritreer hingegen hat nur einen Wunsch: in sein Heimatland zurückzukehren.

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