+
Polizeieinsatz in Gießen: Auch bei Routinekontrollen kommt es immer wieder zu Gewalt gegen Beamte.

Polizei

Gewalt gegen Polizisten in Gießen: Zahlen, Gründe, Konsequenzen

  • schließen

Sie werden bespuckt, beschimpft, geschlagen und getreten: Auch Gießener Polizisten sehen sich im Dienst immer mehr mit Gewalt konfrontiert.

Die Meldung aus der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen ist vergleichsweise sachlich gehalten. "In der Krofdorfer Straße in Gießen hat ein 29-Jähriger offenbar versucht, einen Polizeibeamten anzugreifen. Dem Gießener wurde zuvor ein Platzverweis erteilt, da er sich in einer Wohnung gewalttätig zeigte. Nach der Festnahme versuchte er, einem Polizeibeamten einen Kopfstoß zu verpassen." Und erst im März hatte sich eine fünfköpfige Gruppe in der Ludwigstraße mit Polizisten angelegt und versucht, einen gerade festgenommenen Mann zu befreien. Der bundesweite Anstieg der Zahlen von Gewalt gegen Polizisten ist auch in Gießen zu beobachten.

Wie oft ist es im vergangenen Jahr in Gießen zu Gewalt gegen Polizisten gekommen?

In Mittelhessen - mit den vier Landkreisen Gießen, Wetterau, Marburg-Biedenkopf und Lahn-Dill - sei es im vergangenen Jahr zu 208 Widerstandshandlungen und tätlichen Angriffen auf Polizeibeamte gekommen, sagt Polizeisprecher Jörg Reinemer. 2013 waren es noch 83. Im Landkreis Gießen kam es vor sechs Jahren zu 31 solcher Taten. 2018 stieg dieser Wert auf 64 an. 48 Widerstandshandlungen und tätliche Angriffe wurden im Stadtgebiet von Gießen begangen.

Woran liegt diese Steigerung nach Meinung der Polizei?

Reinemer betont, die Polizei beobachte "einen mangelnden und schwindenden Respekt bei vielen Einsätzen". Dies ende immer wieder mit Angriffen auf Beamte.

In welchem Zusammenhang steht dabei eine Gesetzesverschärfung von 2017?

Nach der steigenden Zahl von Gewalttaten gegen Polizeibeamte wurden die dafür in Frage kommenden Schutzparagrafen 2017 geändert. In der polizeilichen Kriminalstatistik für 2018 wurden erstmals der Paragraf 113 "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" und der Paragraf 114 Strafgesetzbuch "Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte" zusammen erfasst. Bis 2017 wurde dort ausschließlich der Paragraf 113 aufgeführt. Damit war dieser Strafbestand nur gegeben, wenn eine Diensthandlung (also Vollstreckungshandlung wie eine bevorstehende Festnahme) vorgenommen wurde. Der neue Paragraf 114 fülle "diese Lücke", sagt Reinemer, "er ist also auch dann erfüllt, wenn keine Diensthandlung vorliegt."

Welche Formen von Gewalt gibt es gegen Polizisten?

Wie Polizeisprecher Reinemer sagt, komme es in sehr vielen Fällen zunächst zu Beleidigungen und danach zu Angriffen. In anderen Fällen wehrten sich die Betroffenen gegen eine bevorstehende Festnahme oder eine Blutentnahme. "Es gab aber in den letzten Monaten auch Fälle, in denen Polizeibeamten gezielt in den Mund gespuckt wurde", sagt Reinemer. Neben Alkohol seien auch immer wieder Drogen im Spiel.

Hat diese vermehrte Gewalt gegen Beamte Auswirkungen auf den Krankenstand?

Dies bejaht der Polizeisprecher: "Oftmals müssen die betroffenen Beamtinnen und Beamten nach solchen Attacken in einem Krankenhaus behandelt werden und fallen für mehrere Tage oder Wochen aus."

Welche Mittel gibt das Präsidium ihren Polizisten an die Hand, um sich zu schützen?

Aufrüstung heißt das Geheimrezept der hessischen Polizei. Beispielhaft genannt seien hier neue Schutzwesten oder sogenannte Schnittschutzschals, die Hals und Nacken vor Schnittverletzungen schützen. Bodycams, also Kameras, sollen abschreckend und deeskalierend wirken. Kommt es dennoch zu einem Angriff, können die Polizisten Pfefferspray, die kürzlich auch in Hessen eingeführten Taser oder als Ultima Ratio die Schusswaffe einsetzen.

Gibt es spezielle Verhaltenstipps, wie sich Polizisten in so einer Situation verhalten sollen?

Bereits in der Ausbildung gibt es bei der Polizei spezielle Trainingseinheiten. Auch danach werden die Beamten geschult, sagt Reinemer. Beispielsweise lernen die Beamten, wie sie Messerangriffe abwehren können. Wichtig sei auch, wie sie verbal mit gewaltbereiten und aggressiven Personen umgehen.

Gibt es eine psychologische Betreuung nach einem Angriff auf einen Polizisten?

Neben dem psychologischen Dienst in Wiesbaden steht den Beamten die Personalberatung in Gießen sowie die Polizeiseelsorge zur Seite. "Solche Angebote, die den betroffenen Kolleginnen und Kollegen unterbreitet werden, müssen aber nicht zwingend angenommen werden", betont Reinemer. "Dies wird von jedem anders verarbeitet."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare