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Die Sicherheitsmaßnahmen vor und im Landgericht Gießen waren deutlich.

Foltervorwürfe

Foltervorwürfe gegen Banden-Mitglied: Erschreckende Details - Hohe Polizeipräsenz in Gießen

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Große Polizeipräsenz vor dem Landgericht hat am Montag viele Gießener irritiert. Die Vorwürfe gegen die Angeklagten sind erschreckend. 

Wenn Straftaten aus dem organisierten Verbrechen vor Gericht verhandelt werden, fährt die Staatsmacht richtig auf. So auch in Gießen am Montagmorgen. Rund 20 Polizisten in schweren Sicherheitswesten und teilweise mit großen Maschinengewehren stehen am Eingang und auf jeder Etage des Landgerichts. Bevor die Besucher den großen Saal betreten dürfen, müssen sie sich Sicherheitskontrollen wie am Flughafen unterziehen. Handys, Kameras, sogar elektronische Autoschlüssel werden in einen Spind außerhalb des Gerichtssaals eingeschlossen.

Der Grund für den Aufwand sind die sechs Angeklagten zwischen 25 und 35 Jahren – und das Milieu, in dem sie sich bewegt haben sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, im November vergangenen Jahres sieben Männer entführt und schwer misshandelt zu haben. Einer der Angeklagten, ein 35 Jahre alter Mann, soll eine führende Rolle bei der mittlerweile aufgelösten kurdischen, rockerähnlichen Gruppe Bahoz gehabt haben.

Brutale Gewaltorgie in Gießener Weststadt

Was Staatsanwalt Rouven Spieler in seiner Anklageverlesung in juristische Worte fasst, klingt nach einer brutalen Gewaltorgie, die sich in einer Bar an der Rodheimer Straße abgespielt haben soll. Der Hauptbeschuldigte habe eine Verschwörung und ein Mordkomplott gegen seine Person gewittert. Am 6. November habe er deshalb im Laufe des Abends drei Männer in die Weststadt-Bar bringen lassen, die die Bahoz-Gruppe früher als Clubheim genutzt habe. Hier wurden sie laut Anklage über mehrere Stunden lang mit einer Rohrzange und Bambusstöcken geschlagen. Anschließend habe der Kopf der Gruppe einem der Opfer in den Oberschenkel geschossen. Zum Schluss sei dieser Mann bedroht worden, seine Freundin werde sterben, wenn er weiter schweige.

Mit mehreren Mannschaftswagen war die Polizei am Montag vor dem Landgericht Gießen zugegen.

Am 8. November soll eines der ersten Opfer erneut in die Bar gebracht worden sein. Erneut hätten mehrere Männer mit einer Rohrzange und Bambusstöcken auf ihn eingeschlagen. Ihm sei gedroht worden, man werde seiner Tochter etwas anhaben, sollte er die Verschwörung nicht gestehen. Vom 16. auf den 17. November kam es dort laut Anklage erneut zu Gewalttaten. Vier Männer, sagt Spieler, seien bis 4 Uhr morgens misshandelt und mit einer Pistole bedroht worden. Sie hätten sich nackt ausziehen und auf den Boden legen müssen und seien mit Schnürsenkeln gefesselt worden. Dann traten ihnen die Angeklagten laut Spieler ins Gesicht. Auf ihre Rücken sei derart fest eingeschlagen worden, dass die stabilen Bambusstöcke zerbrochen seien. Anschließend hätten die Angeklagten mit einem Hammer auf Knie, Hände, Rücken und Hinterkopf der Opfer eingeschlagen. Bei allen drei Taten soll Kokain im Spiel gewesen sein.

Gießen: Große Sicherheitsmaßnahmen vor Gericht

Drei der sechs Angeklagten sitzen seit Mitte November und Mitte Dezember in Untersuchungshaft. Sie werden in Handschellen in den Gerichtsaal 207 geführt. Hier sind die Zuschauer von den Prozessbeteiligten durch eine Panzerglaswand getrennt. Während der Hauptangeklagte mit starrem Blick eine Gebetskette durch seine Finger gleiten lässt, machen drei seiner Mitangeklagten persönliche Angaben – und einer zur Sache.

Der von einem renommierten Fachanwalt aus Frankfurt vertretene 29-Jährige hatte sich nach diversen Hilfsjobs zuletzt als Gastwirt selbstständig machen wollen, erzählt er. Den Hauptangeklagten kenne er lange, ließ er seinen Anwalt vortragen. Er sei aber weder Mitglied einer kriminellen Vereinigung, noch die Nummer zwei hinter dem Kopf der Gießener Gruppe. Vielmehr sei er von diesem gebeten worden, als neutraler Beobachter ein mögliches Mordkomplott zu bewerten. "Ich hielt das für möglich", sagt der 29-Jährige; im Laufe der Ereignisse habe er versucht, zum 35-Jährigen durchzudringen – vergebens: "Er war in einem Zustand, der mich erschreckte." Der 29-Jährige gab zu, bei einer Tat ein Opfer mit einer Rohrzange geschlagen zu haben. Dafür werde jedoch nicht ausreichend gewürdigt, dass er eines der Opfer ins Krankenhaus gefahren habe.

Der Prozess unter dem Vorsitz von Richter Jost Holtzmann wird am 27. Mai fortgesetzt; ein Urteil ist für Herbst vorgesehen.

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