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Auf ihrem Weg blockiert die "Kidical Mass" auch kurz den Berliner Platz.

"Kidical Mass"

Fahrrad-Ausflug mit Botschaft auf dem Gießener Anlagenring

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Bei der ersten Gießener "Kidical Mass" haben am Samstag 100 Kinder und Erwachsene Verbesserungen für Radler gefordert. Sie machen auch konkrete Vorschläge.

Am Ende klingt das Hupen wie Zustimmung. Das gilt umso mehr beim Blick in die Gesichter vieler Autofahrer, die am Samstag kurzzeitig auf der Ostanlage feststecken. Für ein paar Minuten geht nichts am Platz der Deutschen Einheit, wegen Dutzender Fahrräder auf der Straße. Also schauen die Pkwler der ersten Gießener "Kidical Mass" beim Demonstrieren zu.

Nicht Elektromobilität sei die Zukunft und genauso wenig der E-Scooter, erklärt Daniel Witt alias "Fusl" gerade. "Wir müssen vom Auto aufs Rad!" Das pedalisierte Publikum klatscht nicht, es klingelt. Und das motorisierte hupt - irgendwie schüchtern, als wolle es sagen: Ihr habt ja Recht, jetzt fahrt bitte weiter!

Ohne Zweifel ist das Anliegen der etwa 100 Demonstranten ernst. Aber wohl selten hat sich Protest so sehr wie ein sommerlicher Wochenendausflug angefühlt. Die Kinder-Fahrraddemo fordert konkrete Verbesserungen für Radfahrer im Straßenverkehr. Angelehnt ist sie, nicht bloß namentlich, an die "Critical Mass"-Formate, bei denen große Gruppen durch Städte radeln, um auf ihre Interessen aufmerksam zu machen. Am Samstag startet die Aktion vor dem Uni-Hauptgebäude, Ziel ist der Stadtpark Wieseckaue. Dort wartet zum Abschluss ein gemeinsames Picknick. Vorher genießt man jedoch die Tour rund um den Anlagenring, mit Zwischenstopps und bester Laune.

"Manchmal ist das Leben ganz schön leicht / Zwei Räder, ein Lenker und das reicht", säuselt unterwegs Max Raabe aus dem mobilen Lautsprecher. "Manchmal läuft im Leben alles glatt / vorausgesetzt, dass man ein Fahrrad hat." Zwischen Lied und Realität klaffe freilich eine Lücke, so die Botschaft der Demo. Denn in Gießen laufe es besonders mit Rad eher selten glatt. Beispiel Goethestraße: Sie hätte längst Fahrradstraße sein müssen, sagt "Fusl". Und Beispiel Dammstraße: Der "hoch gelobte" Dammdurchstich bringe wenig, wenn Radler kaum gefahrenfrei hinkämen, kritisiert Ex-"Stadtradeln"-Star Matthias Matzen. Beim Radverkehr werde zu selten in Netzen gedacht.

Einen Mentalitätswandel mahnt hingegen Stergios Svolos an. Auf der Westanlage, direkt vor der Goetheschule, beginnt er seinen Appell mit einer Portion Selbstkritik. "Früher haben mich meine Eltern überall mit dem Auto hingefahren", erzählt der Stadtschulsprecher. Ihm sei "einfach nicht klar" gewesen, was er "mit einem solchen Verhalten verursacht" habe: verstopfte Straßen, dreckige Luft, kippendes Klima. Heute nehme er meist das Fahrrad, betont Svolos. Eine ähnliche Haltung wünsche er sich für jeden Gießener: "Wann werden wir alle aufwachen und uns der Verantwortung stellen?"

Dass dringend etwas für den Fahrradverkehr getan werden müsse, sei auch jenseits der City unübersehbar, meint derweil Sebastian Liebrich. Mit einem ganz speziellen Gefährt, auf dem ein Kind vor dem Lenker logiert und eines hinten im Anhänger mitstrampelt, bereichert der Friedelhausener den Demozug. Lollar, sagt er, sei für Radfahrer "noch viel schlimmer" als Gießen. Schon der Weg zur Schule wirke mitunter "lebensgefährlich".

Ernste Töne, trotz aller heiteren Radtour-Stimmung. Nach einer Stunde biegt die Masse in den Stadtpark ein. "Fusl" spricht ein paar Worte zum Abschluss, jemand präsentiert die Kampagne "Gießen 2035Null". Sie gehört ebenso zu den Unterstützern der "Kidical Mass" wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, das Allmende Lastenrad Projekt, Greenpeace, der Verein Lebenswertes Gießen, der Verkehrsclub Deutschland und der Weltladen. Dann hat das politische Engagement Pause. Es gibt Kuchen und Snacks.

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