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Die Doppelstockzüge des Intercity 2 sollen ab Dezember 2020 zwar durchs Gießener Stadtgebiet fahren, aber ohne Halt.

Deutsche Bahn

Gießen: Enttäuschung über IC-Verbindung - "Schädlich für Stadt und Umland"

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Jetzt ist es offiziell: Wenn die Fernzug-Verbindung zwischen Frankfurt und dem Ruhrgebiet Ende 2020 wiederauflebt, werden die Intercitys an Gießen vorbeifahren. Die Stadt ist enttäuscht.

Update, 6. Juni 2019, 15.00 Uhr: Nun befasst sich erstmals das Gießener Stadtparlament mit dem Thema. Die Koalition aus CDU, SPD und Grünen fordert einen regulären Halt in Gießen, wenn die Siegerland-Ruhrgebiet-Verbindung zum Dezember 2020 wiederbelebt wird.

Erstmeldung: Ein Knotenpunkt mit Verbindungen in Richtung Koblenz, Fulda und Kassel, über 85 000 Einwohner, zwei große Hochschulen: Kann sich die Bahn leisten, wichtige Zugverbindungen an Gießen einfach vorbeirauschen zu lassen? Ja, lautet die für Lokalpatrioten ernüchternde Antwort. Die Deutsche Bahn bestätigt auf Anfrage nun offiziell: Der Intercity 34, der ab Dezember 2020 wieder Münster mit Frankfurt verbindet, soll in Hessen nur in Dillenburg, Wetzlar und Bad Nauheim halten, obwohl er Gießener Stadtgebiet durchquert.

Möglich macht es die "Bergwerkswald-Kurve" bei Kleinlinden. Über sie die Zeit zum Drehen in Gießen zu sparen, ist keine neue Idee. Seit Jahren "sprintet" ein Pendlerzug aus Lahn-Dill ins Rhein-Main-Gebiet dort entlang. Schon 1969 ließ die Bahn einen D-Zug Münster-Frankfurt-Berchtesgaden die Bahnhöfe Siegen und Gießen umfahren. Damals bedeutete ein Richtungswechsel allerdings noch aufwendige Rangierfahrten und Leitungsverbindungen von Hand. Heute geht es nach Einschätzung der Fahrgastverbände um zehn Minuten Zeitverlust.

Die DB begründet die aktuelle Entscheidung mit der 2015 vorgestellten "Kundenoffensive". Sie sieht neben dem ICE-Ausbau ein besseres "IC-Flächennetz" vor. Und das "konzentriert sich auf Achsen, auf denen heute kein oder nur ein geringes Fernverkehrsangebot besteht", erläutert eine Sprecherin auf Anfrage.

Züge sollen Nahverkehr "ergänzen"

Der Anschluss nach Gießen werde mit dem Regionalverkehr hergestellt. Die neuen Züge sollten den Nahverkehr "ergänzen". "Die bestehenden guten Verbindungen mit Regional-Express-Zügen zwischen Wetzlar/Gießen und Frankfurt bleiben erhalten; dies gelte auch für die stark nachgefragten Sprinterfahrten des RE 99", verspricht die Bahn. "Zudem entstehen neue Verbindungen, etwa durch die Ausweitung des Regionalbahnangebotes zwischen Gießen und Wetzlar."

Dem widersprechen die Regionalverbände des Verkehrsclubs Deutschland VCD, Pro Bahn sowie Pro Bahn & Bus. Die schnelle Verbindung zwischen Gießen und Siegen werde nur noch alle zwei Stunden funktionieren, erklären sie auf GAZ-Anfrage. Dazwischen werde der RE 99 vom Doppelstock-Intercity ausgebremst und müsse voraussichtlich zusätzliche Halte zwischen Dillenburg und Siegen einlegen.

Die Verbände betonen, sie begrüßten die Wiederaufnahme des Fernverkehrs, die gerade für das Siegerland "überfällig" sei. Für Mittelhessen sehen sie allerdings erheblichen Nachbesserungsbedarf und stellen drei "Kernforderungen". Die wichtigste: "Gießen muss Systemhalt der IC-Linie 34 werden." Die Bedeutung als Wirtschafts-, Wissenschafts- und Gesundheitsstandort nehme stetig zu. Das große Fahrgastpotenzial und bessere Umsteigeverbindungen machten einen zehnminütigen Zeitverlust erträglich.

Stadt Gießen: "Wir wurden nicht angehört"

Für den Knoten Gießen gebe es Konzepte zum Ausbau (ein weiterer Bahnsteig, direkte Fahrmöglichkeit vom westlichen Bahnhofsteil in Richtung Wetzlar). So könne die Leistungsfähigkeit des Bahnhofs steigen und die Verspätungsanfälligkeit sinken.

Außerdem fordern die Verbände: Der Rhein-Main-Verkehrsverbund und die DB sollen sich auf gemeinsame Tarifangebote für IC und Regionalverkehr einigen. Und: Weitere Halte in Mittelhessen sollen geprüft werden, vor allem Friedberg und Herborn.

Vielleicht gibt es tatsächlich noch Chancen auf Korrekturen. Der Starttermin Dezember 2020 - ein Jahr später als ursprünglich angekündigt - werde "angestrebt", so die Bahn. Derzeit gebe es noch "intensive Abstimmungen mit den beteiligten Organisationen".

Die Stadt Gießen gehört dazu offenbar nicht. "Wir bedauern das sehr. Wir sind leider an den Entscheidungsprozessen nicht beteiligt worden", erklärt Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) auf Anfrage. "Wir wurden nicht angehört. Da es um eigenwirtschaftlichen Verkehr der DB AG geht, über den die DB alleine entscheidet, sehen wir auch keinerlei Chance, daran noch etwas zu ändern." Dass der IC Gießen links liegen lassen soll, sei "schädlich für die Stadt und unser Umland". Andererseits "wollen wir unserer Nachbarstadt Wetzlar nicht schaden". Die Stadt wolle sich nun weiterhin für eine bessere Vertaktung zwischen Gießen und Frankfurt "stark machen" und setze sich deshalb auch für das dritte Gleis ein.

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