Dr. Kai Unzeitig (l.) und Dr. Christoph Schäfer erläutern am Modell das "Gesamtkunstwerk" menschliche Hand. 	FOTO: CG
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Dr. Kai Unzeitig (l.) und Dr. Christoph Schäfer erläutern am Modell das »Gesamtkunstwerk« menschliche Hand. FOTO: CG

Medizin

In Gießen in guten Händen

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Gießen ist deutschlandweit für Handchirurgen eine wichtige Adresse. Seit vielen Jahren besuchen Experten das UKGM, um von den Spezialisten zu lernen.

Sehnen, Blutgefäße, Muskeln und 27 Knochen - menschliche Hände sind Kunstwerke, wichtige Werkzeuge und elementar in der Kommunikation. Welche wertvollen Dienste sie vollbringen, merkt man erst richtig, wenn etwas nicht funktioniert. Rund 1500 Patienten kommen jedes Jahr in die Handchirurgie des Universitätsklinikums, um sich behandeln zu lassen, 500 von ihnen stationär, etwa 1000 Eingriffe werden ambulant ausgeführt. Die Zahl der Eingriffe war im vergangenen Jahr deutlich geringer, schildern der Leiter der Sektion, Dr. Christoph Schäfer, sowie sein Kollege Dr. Kai Unzeitig. Coronabedingt musste eine Vielzahl der geplanten Eingriffe ausfallen. Die Warteliste ist nun entsprechend lang. Die beiden Fachärzte für Orthopädie, Unfallchirurgie und Handchirurgie bilden das Handteam des UKGM innerhalb der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie.

Sie sind nicht nur für die Patientenversorgung zuständig, sondern organisieren auch zweimal jährlich einen handchirurgischen Operationskurs. Seit Bestehen dieser renommierten Veranstaltung haben über 1000 Ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an diesen Kursen teilgenommen. Sie sind zudem eine feste Größe in der handchirurgischen Facharztausbildung. Auch diese Fortbildung musste 2020 wegen der Pandemie ausfallen.

Sehr großes Spektrum

Das Spektrum der Handchirurgie ist groß. Sie reicht von schweren Handverletzungen über »alltägliche« Daumensattelgelenk- und Handgelenkarthrose oder Karpaltunnelsyndrom über Revisionseingriffe nach fehlgeschlagenen Operationen, mikrochirurgischen Eingriffen bis hin zu Nervenchirurgie, kindlichen Fehlbildungen und Tumorchirurgie. »Wir machen das mit Leidenschaft«, sagt Schäfer. »Es ist ein absolut faszinierendes Fachgebiet«, ergänzt Unzeitig. Faszinierend sei zum einen der komplexe Bau unseres Greiforgans, faszinierend sei aber auch, welche Möglichkeiten heute zur Verfügung stünden, um eingeschränkte Funktionen wieder herzustellen. Weil die Mediziner es mit einem ausgesprochen filigranen, verletzlichen »Gesamtkunstwerk« zu tun haben, ist jeder Eingriff eine Herausforderung, die Erfahrung, Können und volle Konzentration erfordert. »Wir sind froh, dass wir einander bei langwierigen Operationen ablösen können«, schildert Unzeitig. Das war zum Beispiel der Fall, als kürzlich ein Bauarbeiter in die Klinik eingeliefert wurde, dem ein Schaufelbagger eine Hand abgetrennt hatte. In einer zehnstündigen Operation gelang es den beiden Chirurgen, sie zu replantieren. Zehn Stunden Hochspannung: Zunächst wurde der Unterarmknochen stabilisiert, dann wurden nach und nach zwei Arterien, 25 Sehnen, drei große Nerven und drei Venen zusammen genäht. Ein spannender und entscheidender Moment war schließlich die Überprüfung der Durchblutung. Bis zu sechs Stunden dürfen vom Unfall bis zur Operation vergehen, damit der Eingriff erfolgreich verlaufen kann. Heute geht es dem Mann gut, nach intensiver Nachsorge und vielen Stunden Physiotherapie kann er die Hand wieder bewegen.

Längst nicht immer sind die Eingriffe so spektakulär, doch auch Routine-Operationen bedeuten für Patienten eine entscheidende Verbesserung der Lebensqualität. Beispiel dafür ist die schmerzhafte Arthrose im Daumensattelgelenk, die im fortgeschrittenen Alter häufig dazu führt, dass die Patienten nicht mehr zupacken und z.B. Schraubgläser nicht öffnen können. Als OP-Methoden kommt zum einen die Entfernung eines Handwurzelknochens in Frage, zum anderen gibt es heute aber auch erfolgversprechende winzige Prothesen, die länger halten, als dies früher der Fall war. »Je nach Patient wird individuell entschieden, was das Richtige ist«, sagt Schäfer. Und auch nach dieser OP ist eine kompetente Nachbetreuung wichtig. Das multiprofessionelle Team am UKGM arbeitet dabei im wahrsten Sinne des Wortes Hand in Hand.

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