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Geflüchtete in Jobcenter diskriminiert: „Schon genug arbeitslose Akademiker ihres Fachgebiets“

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Von: Kays Al-Khanak

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Geflüchtete könnten den Fachkräftemangel bei uns beheben, sagt Barbara Högy, die sich als Ehrenamtliche im Flüchtlingswesen in Gießen engagiert.

Gießen - Manche Bilder bleiben hängen, weil sie lebensnah sind, weil jeder jemanden kennt, der davon erzählt hat oder es selbst erlebt hat. Ein solches Bild hatte der Gießener Sozialdemokrat Gerhard Merz in der jüngsten Sitzung des Schulausschusses gezeichnet: Er lobte, dass die Stadt Familienzentren an Grundschulen etablieren will, um Zufälle in der Frage der Bildungsgerechtigkeit zu verringern. Weil es aktuell noch zu oft an dem einen Lehrer oder dem einen Nachbarn liege, der den Bildungserfolg eines jungen Menschen aus einer Zuwandererfamilie ermögliche. So entscheide sich, ob ein Mädchen »Putzfrau oder Anwältin« werde.

Es sind aber nicht nur Lehrer und Nachbarn, die eine Bildungskarriere befördern können; sie können sie auch erschweren. Dies hat auch Dr. Barbara Högy erfahren. Die Gießenerin betreut seit 2014 als ehrenamtliche Helferin geflüchtete Menschen - »darunter auch viele ziemlich gut qualifizierte«, sagt sie. Diese Menschen berichten ihr regelmäßig von Situationen, in denen die »agierenden und demotivierenden Personen« Menschen seien, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte, die Betreffenden zu fördern.

Geflüchtete in Gießen: Missverständnisse im Jobcenter

Högy muss zum Beispiel an eine Akademikerin denken, die in ihrem Land in einem qualifizierten Job gearbeitet hatte. Sie habe, sagt Högy, ihren Sprachkurs auf B1-Niveau beendet. Als sie bei ihrem Ansprechpartner im Jobcenter einen B2-Kurs beantragt habe, sei ihr gesagt worden, »dass es hier schon genug arbeitslose Akademiker ihres Fachgebiets gäbe, und es wurde ihr nahegelegt, als Reinigungskraft zu arbeiten«. Erst nach Intervention einer deutschen Helferin sei es ihr gelungen, dass sie den weiterführenden Deutschkurs besuchen konnte.

»Der deutschen Helferin gegenüber wurde es dann so dargestellt, dass diese Frau beim Termin im Jobcenter angeblich gesagt hätte, sie wolle keine weiterführenden Sprachkurse besuchen und es sei ein Missverständnis«, sagt Högy. »Interessant, denn ich rede oft mit dieser Frau und normalerweise kommen im Kontakt mit ihr im Alltagsleben solche Missverständnisse nie vor.«

Gießen: Geflüchteter konnte erst nach anderthalb Jahren einen Deutschkurs besuchen

Ein anderer Fall betrifft einen studierten Wirtschaftsingenieur im Bereich Logistik, dessen Bachelor-, Master- und Doktortitel in Deutschland von den jeweiligen Stellen anerkannt wurden. Seit zweieinhalb Jahren sei er in Deutschland, wegen der Coronapandemie habe er erst nach anderthalb Jahren zum ersten Mal einen offiziellen Deutschkurs besuchen können. Er habe diese Zeit aber genutzt und in Eigenregie mit der Hilfe mehrerer deutscher Helferinnen und Helfer seine Deutschkenntnisse schon auf B1-Niveau gebracht. Gleichzeitig habe er bereits nach neun Monaten in Deutschland angefangen zu arbeiten - damals in zwei Jobs, in einem davon als Reinigungskraft.

»Er war und ist der Meinung, dass man irgendetwas machen und keinesfalls untätig herumsitzen sollte«, erzählt Högy. Der Mann wollte dann aber nach Abschluss seines B2-Kurses eine weitere Qualifikation in Deutsch bekommen, also einen C1-Kurs besuchen. »So richtig hat das erst geklappt, als eine deutsche Helferin mit auf einen Jobcenter-Termin kam. Auch hier hatten angeblich Missverständnisse über die Berufs- und Qualifikationswünsche des Mannes vorgelegen«, sagt Högy. »Komisch aber, dass dieser Mann sich in allen anderen Lebenslagen gut verständigen kann und es so gut wie nie zu Unklarheiten kommt.«

Jobcenter: Arbeit als Projektmanager sei für Ausländer unrealistisch

Weil er auf einen weiterführenden Deutschkurs zunächst ein paar Monate gewartet habe, sei er vom Jobcenter in eine sogenannte Maßnahme geschickt. Dort seien ihm mehrere Jobs nahegelegt worden, die zwar irgendwie in seinem Bereich Logistik lagen, aber weit unterhalb seiner eigentlichen Qualifikation. »Die meisten wären über Zeitarbeitsfirmen gelaufen und als Bezahlung winkte der Mindestlohn«, sagt Högy. »Das ist deutlich weniger pro Stunde, als er momentan in seinem Job als Reinigungskraft verdient, in dem er übrigens neben seinen jeweiligen Deutschkursen in Teilzeit immer weiter gearbeitet hat.«

Als er gesagt habe, er würde sich eher im Bereich Projektmanager oder zumindest etwas weiter oben in der Hierarchie sehen - so wie damals in seinem Land - sei ihm gesagt worden, er solle sich damit abfinden, dass das für Ausländer unrealistisch sei und auch sein Doktortitel hier in Deutschland eigentlich gar nichts bedeuten würde.

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Die Integration von Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt wird erschwert, sagt die Ehrenamtliche Barbara Högy - auch von Stellen, die eigentlich helfen sollten (Symbolbild). © DPA Deutsche Presseagentur

Geflüchtete in Gießen: Doktortitel hat keine Bedeutung

Erklärt worden sei ihm außerdem, es gäbe in Deutschland viele russische Professoren, die als Hausmeister arbeiteten. Högy erzählt weiter: »Er wurde dann gefragt, ob er denke, er sei etwas Besseres als diese Professoren. Das kam aus dem Mund einer Person, die in einer vom Jobcenter bezahlten Maßnahme arbeitet, die wohl eigentlich die Qualifikation und Motivation der Migranten fördern sollte.« Högy betont, solche Situationen seien »unendlich entmutigend« für Betroffene. »Vor allem verstehe ich nicht, wie diese Handlungsweise dazu passt, dass überall angeblich Arbeitskräfte fehlen.«

Es sind Beispiele - zwei von vielen, betont die Ehrenamtliche. Ein immer wiederkehrendes Motiv sei das »angebliche Missverständnis auf Ämtern und offiziellen Stellen, das sich erst ausräumen lässt, wenn deutsche Helfer oder Helferinnen eingreifen«. Nur: »Nicht jedem Migranten oder jeder Migrantin gelingt es, Unterstützung zu finden, die für ihn oder sie kämpft.« (Kays Al-Khanak)

Während es bei der Integration vieler Geflüchteter auf dem Arbeitsmarkt noch hakt, ist die Zahl der Ukrainer, die vorübergehend in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen untergekommen sind, stark angestiegen. In dieser akuten Notsituation läuft nicht alles glatt.

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