Das "Sport Point" ist frisch saniert. Trotzdem muss das Fitnessstudio leer bleiben. 	FOTO: PM
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Das »Sport Point« ist frisch saniert. Trotzdem muss das Fitnessstudio leer bleiben. FOTO: PM

Corona-Folgen

Leere Laufbänder: Lockdown bringt Fitnessstudios in Gießen um wichtigste Saison

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Kaum eine Branche profitiert so stark von Neujahrsvorsätzen wie Fitnessstudios. Durch den Lockdown fällt diese Zeit weg. Betreiber in Gießen befürchten drastische Folgen.

Gießen - Menschen, die seit Jahren regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, kennen das: Im Januar tummeln sich um Laufband, Stepper und Co. auf einmal jede Menge Neukunden, die ihre guten Vorsätze in Taten umsetzen wollen. Einige Wochen später verstauben die Mitgliedsausweise dann nicht selten wieder in den Portemonnaies. Da Betreiber von Fitnessstudios in der Regel nur langfristige Verträge anbieten, profitieren sie von dem Ansturm im Januar noch das ganze Jahr. 2021 ist das anders. Durch den am Dienstag (05.01.2021) verlängerten Lockdown bleiben die Sportstätten geschlossen. Somit brechen auch den vielen Fitnessstudios in Gießen wichtige Einnahmen weg.

»Das ist ein herber Schlag«, sagt Stefan Sahl, der zum Betreiberteam des »Sport Point« im Schiffenberger Tal in Gießen gehört. Für das Team der Sportstätte ist der Lockdown besonders bitter, da es die Einrichtung erst vergangenes Jahr übernommen und aufwendig saniert hat. »Wir haben rund eine dreiviertel Million Euro investiert und auch viel Geld in die Hand genommen, um auf den 2400 Quadratmetern die notwendigen Hygieneregeln umzusetzen.« Sahl und sein Team haben sich trotz der ungewissen Lage zur Wiedereröffnung entschlossen, um Kunden nicht dauerhaft an die Konkurrenz zu verlieren.

Gießen: Fitnessstudio-Betreiber sorgt sich vor Freizeit-Tourismus wegen Corona-Regeln

Ein Szenario, das auch in der aktuellen Situation einzutreten droht. Sahl erinnert daran, dass etwa Badminton und Squash in anderen Landkreisen derzeit erlaubt ist. »Bei uns wegen der Verfügung des Landkreises nicht, da die Inzidenz über 200 liegt«, sagt Sahl. Die Folge: Einige der Sport-Point-Kunden schlagen derzeit in Frankfurt oder Solms gegen den Gummiball.

Sahl macht keinen Hehl daraus, dass er diese Regelung für falsch hält. Der Kaufmann spricht von einer Art Freizeittourismus, der dadurch in Gang gesetzt werde. Ähnlich verhält es sich derzeit in Brandenburg. Dort ist Tennisspielen in Hallen erlaubt, in Berlin jedoch nicht. Die Folge: Etliche Hauptstädter fahren regelmäßig über die Landesgrenze, um ihren Sport nachgehen zu können. »Das ist sicher auch nicht zielführend«, sagt Sahl.

Schwere Zeiten also für das Sport Point. Zumal Sahl nicht ausschließen will, dass die Sportstätten auch nach Januar zumindest teilweise geschlossen bleiben müssen. »Ich habe mit der Saison, die von Oktober bis März geht, im Grunde abgeschlossen. Im Frühling treiben die Menschen draußen Sport. Ich blicke daher jetzt schon in Richtung Herbst.«

Corona-Lockdown bringt Fitnessstudios in Gießen um die Hauptsaison

Existenzbedrohend ist die Lage laut Sahl aber noch nicht. Aus einem einfachen Grund: »Das Gebäude ist im Eigentum. Wir müssen also keine Miete zahlen.« Andere Gießener Fitnessstudios können davon nur träumen.

Ob Mirko Platz diesen Schritt noch einmal wagen würde? Im März des vergangenen Jahres hat er die Fitness Galerie in der Margaretenhütte übernommen, per Handschlag war der Kauf aber schon Monate vorher besiegelt. Heißt: Bisher konnte Platz sein Studio nur während der Sommermonate öffnen. »Bereits im Herbst sind uns die Umsätze weggebrochen, da im November der Lockdown kam.« Somit wird Platz die drei Monate, in denen sonst die meisten Neuanmeldungen zu verzeichnen sind, keine neuen Kunden begrüßen können. »Der kalkulatorisch entgangene Gewinn ist immens«, klagt der Fitnessstudiobetreiber.

Ein Studio mit rund 500 Mitgliedern müsse eigentlich gut 20 neue Mitglieder pro Monat akquirieren, um die kontinuierlich auslaufenden Verträge auszugleichen. Für November, Dezember und Januar sind das also 60 entgangene Mitglieder, die pro Monat jeweils 40 Euro im Schnitt bezahlt hätten. Auf drei Monate gerechnet sind das 2400 Euro. »Da bei kleinen Familienstudios wie unserem die Verweildauer höher ist als bei den großen Ketten, kommen da schnell 50.000 bis 60.000 Euro zusammen«, rechnet Platz vor.

Corona-Lockdown: Fitnessstudios in Gießen haben laufende Kosten, aber keine Kunden

Neben dem entgangenen Gewinn reißen die Fixkosten wie Miete und Gehälter, die bei Platz rund ein Drittel des Umsatzes ausmachen, ein Loch in die Kasse. Und nicht zuletzt bereitet dem Geschäftsführer eine Entscheidung Kopfzerbrechen, die er im Oktober auf Grundlage von Politikeräußerungen getroffen hat. »Damals wurde gesagt, dass der Lockdown nur einen Monat anhalten wird. Ich habe unseren Mitgliedern daraufhin gesagt, dass sie pro geschlossenen Tag einen kostenlosen Gutschein für zwei Tage erhalten.«

Doch aus 30 wurden 90 Tage, Ende offen. Somit hat Platz bereits ein halbes Jahr kostenloses Training verschenkt. Seine Mitglieder, die die Gutscheine oft an Freunde und Familie weitergegeben haben, freuen sich über diese Großzügigkeit, Platz selbst hingegen bereut die Entscheidung. Ob er Existenzsorgen hat? Der Fitnessstudiobetreiber muss bei dieser Frage lachen: »Das können Sie laut sagen.« (Christoph Hoffmann)

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