oli_brauhaus2_090621_4c
+
Noch ragt der Brauhausturm 45 Meter in die Höhe. Die Pläne für das verlassene Industrieareal werden nun aber konkreter.

Brauereigelände

Stadt Gießen erlaubt Wohnen auf Brauhaus-Areal – Pläne haben jedoch einen Clou

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
    schließen

Die Stadt hat einen ersten Schritt zur Nachnutzung des Brauhaus-Geländes getan. Auf dem Areal sollen sich „digital affine Großbetriebe“ ansiedeln. Bis zu 200 Wohnungen werden erlaubt.

Gießen – Vom Turm ins Land« lautete einst eine Werbebotschaft des Gießener Brauhauses. Den Blick vom 45 hohen Wahrzeichen hat aber schon lange niemand mehr genossen. Daran wird sich auch nichts ändern, denn die Stadt hat nun eine erste Weiche für die Nachnutzung des zwischen Teichweg und Marburger Straße gelegenen Industrieareals gestellt. Am Montag (07.06.2021) beschloss der Magistrat, dass der alte Bebauungsplan »Teichweg/Kiesweg« geändert und um einen Teilbereich »Brauhausareal« ergänzt wird. Eine von vielen Veränderungen betrifft das Wohnen, das nun doch in dem Industrie- und Gewerbegebiet ermöglicht werden soll. In der Vorlage des Magistrats ist von knapp 200 Wohnungen die Rede, die in den gemischt genutzten Bereichen des künftigen neuen Stadtquartiers entstehen könnten. Ein reines oder allgemeines Wohngebiet ist nicht vorgesehen. »Das Wohnen sollte klug mit den Arbeitsstätten kombiniert werden«, sagte Bürgermeister Peter Neidel (CDU).

Stadt Gießen wünscht sich Ansiedlung von „stark digital affinen Großbetrieben“

Das Planungsamt hatte lange Zeit auf dem Standpunkt gestanden, dass sich Wohnen in einem reinen Gewerbegebiet kaum wird realisieren lassen. Der Anspruch, Verkehr durch kurze Wege zwischen Arbeit und Wohnung zu vermeiden, führte aber zu einem Umdenken. Im vergangenen Dezember erteilte das Stadtparlament dem Magistrat zudem den Auftrag, Wohnen auf dem Brauhaus-Areal zuzulassen, und zwar im Bereich zur Hangelsteinstraße hin. Ein derart klar abgegrenztes Wohngebiet soll es nun aber nicht geben. Wohnungen sollten vielmehr in verschiedenen Bereichen direkt bei den Arbeitsstätten der Unternehmen entstehen. Vorstellbar seien »betriebsgebundene, flexible und hochwertige Wohnangebote, die von Mitarbeitern temporär genutzt werden könnten, insbesondere in der ersten Beschäftigungsphase oder auch von Pendlern«, erläutert das Planungsamt. Im Wettstreit um hochqualifizierte Fachkräfte könnten solche Konzepte ein »enormer Vorteil« für die Betriebe sein. Die Stadt wünscht sich die Ansiedlung von »stark digital affinen Großbetrieben« mit hoher Arbeitsplatzdichte.

Planungsdezernent Neidel und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) betonten gleichzeitig, dass die Wohnnutzung den Bestand von Gewerbebetrieben, die es in dem acht Hektar großen Plangebiet und der Nachbarschaft gibt, darunter die Tankstelle und eine Dachdeckerei, nicht einschränken und gefährden dürfe.

Investor zeigt sich zufrieden mit Planungen der Stadt Gießen

In einer ersten Reaktion zeigte sich Investor Jochen Ahl mit dem Planungsansatz der Stadt zufrieden. »Das hört sich gut an. Es ist schön, dass wir mit den Testplanungen jetzt in die Phase des Architektenwettbewerbs eintreten können«, sagte der Braumaxx-Geschäftsführer, der das eigentliche 2,4 Hektar große Brauhaus-Areal 2018 aus der Insolvenzmasse der Privatbrauerei Gießen erworben hatte. Seitdem hatte Ahl auch bei den Fraktionen des Stadtparlaments hartnäckig Überzeugungsarbeit geleistet und für sein Konzept eines innovativen Gewerbe- und Wohnstandorts geworben, der am nördlichen Stadteingang auch optisch einen Akzent setzen soll. Dass der 45 Meter hohe Brauhausturm nicht erhalten werden kann, hatte Ahl bereits von Anfang an klar gemacht.

Ein großes Thema bei der weiteren Planung wird der Klimaschutz. Das betrifft sowohl den Erhalt und die Schaffung von Grünbereichen, das Freihalten von Frischluftschneisen, Dachbegrünungen, Ladeinfrastruktur und Photovoltaik-Anlagen. Auch dem zweiten Anspruch der Stadtpolitik, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, soll mit der Anwendung der 20-prozentigen Sozialwohnungsquote Rechnung getragen werden. Für das gesamte Plangebiet wird eine Bauhöhe von maximal drei Vollgeschossen festgesetzt. Die Stadt geht davon aus, dass das Gebiet über eine zusätzliche Zufahrt zur Marburger Straße erschlossen werden muss.

Der Magistratsbeschluss wird zunächst dem Ortsbeirat Wieseck vorgelegt, im September soll er dann im Stadtparlament diskutiert werden. Eine Entwurfsplanung soll im ersten Quartal 2022 vorliegen. Ein weiterer Schritt wird der Abschluss eines städtebaulichen Vertrags zwischen Stadt und Investor sein.

Bereits am gestrigen Dienstag (08.06.2021) wurde bekannt, dass das Marburger Unternehmen S+S Grundbesitz in der Nähe des ehemaligen Gießener US-Depots mehr als 300 Wohnungen bauen will.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare