Gießen für einen Tag Verkehrslabor

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Was passiert eigentlich, wenn der Verkehrsraum in Gießen brüderlich zwischen Autos, Fahrrädern und Fußgängern geteilt wird? Eine Antwort gab es gestern. Für zwölf Stunden wurde Gießen zum Labor.

Jörg Bergstedt blinzelt in die Sonne. "Vor zwei Tagen sah es viel schlechter aus mit der Wettervorhersage. Das passt", sagt der Mitorganisator des Verkehrsaktionstags in der Neustadt. Auch in manch anderer Hinsicht "passt" dieser Freitag zum Straßenfest für die Verkehrswende und die Demonstrationen für mehr Klimaschutz. Leider, muss man sagen, denn der 3. Mai ist in Deutschland bereits der Earth Overshoot Day. Schon zu Beginn des fünften Monats haben wir alles verbraucht, was uns die Erde für das ganze Jahr zu bieten hat. Seit gestern leben wir auf Kosten der Natur und derer, die sie weniger ausbeuten als wir.

Zumindest auf den Straßen der mittelhessischen Stadt Gießen ist an diesem Maitag 2019 zwar nicht alles, aber vieles anders als sonst. Autos sind trotz der Vorwarnungen auch wieder viele in der Innenstadt unterwegs, aber es steht ihnen weniger Platz zur Verfügung als sonst. Die Neustadt ist für ein Straßenfest komplett gesperrt, rund um den Oswaldsgarten fehlen dem Autoverkehr zudem einige Fahrspuren, auf denen sich ab dem Nachmittag Demonstrationen von Radfahrern und Fußgängern bewegen. Ab und an wird eine symbolische Straßenbahn Marke Eigenbau über die große Kreuzung gezogen, wenn das "Rundum-Grün" für Fußgänger simuliert wird, nachdem am Oswaldsgarten ein Regionalzug Fahrgäste abgesetzt hat.

Die Autofahrer bezahlen die Simulation der Verkehrswende und die brüderliche Teilung des Verkehrsraums mit Radlern und Fußgängern mit langen Wartezeiten. In der Westanlage, der Rodheimer Straße und in der Nordanlage bilden sich über Stunden lange Rückstaus, in denen auch die Stadt- und Regionalbusse festsitzen. Dass auch der Nahverkehr ausgebremst wird, ist beabsichtigt von den Veranstaltern des Verkehrswendetags und den Aktivisten des Projekts Gießen autofrei um Jörg Bergstedt. In Straßenbahnen, Regio-Trams oder sogar Seilbahnen sehen sie nämlich umweltfreundliche und leistungsfähige Alternativen zum Bus.

Die, die mit ihren Schienenprojekten schon etwas weiter sind, stehen mit Info-Ständen auf dem Straßenfest in der Neustadt. "Unser Vorhaben, die Lumdatalbahn zu reaktivieren, passt zum Thema Verkehrswende. Deshalb sind wir heute hier", sagt Michael Laux vom Verein Lumdatalbahn. Ein paar Meter weiter werben die Reaktivierer der Horlofftalbahn, die Hungen und Friedberg verbinden soll, unter dem Motto "Bahnfahren für den Klimaschutz" für die Schiene. "Ziel sollte es sein, dass Leute auch im ländlichen Raum auf das Auto verzichten können. Der Raum Hungen würde von der Bahn enorm profitieren", erklärt Renate Grolig.

Hunderte bei Radler-Demo

Klimaschutz ist auch das Thema der neuen Initiative Gießen 2035Null, die Unterschriften für einen Bürgerantrag sammelt. Kommen die notwendigen 850 Stimmen zusammen, müsste das Stadtparlament darüber entscheiden, ob die Stadt alle Anstrengungen unternehmen muss, damit Gießen bereits 2035 klimaneutral ist – und nicht erst 2050, wie es das städtische Klimaschutzkonzept vorsieht. Lutz Hiestermann, Vorsitzender des Vereins Lebenswertes Gießen und Mitinitiator von 2035Null, sagt: "Ich habe zwei Kinder, denen will ich mehr hinterlassen als das, was momentan an Klimaschutz läuft."

An anderen Ständen werden Fahrradklingeln mit Nagellack verziert, Räder codiert, kurdische Spezialitäten angeboten oder Kuchen aus der Lastenrad-Cafeteria gereicht.

Am Nachmittag beginnen dann die Aktionen mit einer Fahrrad-Demo um den nördlichen und östlichen Anlagenring. Zwischen 200 und 300 Teilnehmer nehmen eine Seite des innerstädtischen Rings für 45 Minuten in Beschlag. Die Polizei und die städtische Ordnungspolizei, die den ganzen Tag über einen tollen Job machen, begleiten die Demo mit Autos und Motorrädern.

"Die inneren Spuren des Anlagenrings sollen künftig dem Radverkehr zur Verfügung stehen", sagt Guide Bergstedt in ein Mikro, während er einhändig weiterradelt. Auf der anderen Seite steht der Verkehr. "Motor aus, Motor aus" rufen einige Zweiradfahrer hinüber und reichen Flugblätter durch die Seitenfenster. Im Pulk rollt Gerhard Greilich mit Vorsitzender des Allgemeinen Fahrrad Clubs (ADFC). "Die Teilnehmerzahl ist beeindruckend. Und es ist auch mal schön, unbehelligt über den Anlagenring zu radeln."

In der unteren Grünberger Straße legt Bergstedt den Finger in eine städtebauliche Wunde. Die fünf Fahrspuren für Autos plus zwei Parkstreifen auf dem Bürgersteig sind aus seiner Sicht der Grund für die Unattraktivität dieses Bereichs. Über die Verkehrssituation in der Neuen Bäue und Schulstraße findet er deutliche Worte: "Hier herrscht jeden Tag Chaos. Dass das gut sein soll für die Geschäfte, versteht doch kein Mensch."

Auf dem Rückweg kommt dem Tross Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz auf dem Fahrrad entgegen. "Es gibt viel zu tun, gemeinsam packen wir’s", ruft sie den Vorbeiradelnden zu. Nicht nur die Zweiradfahrer werden sie daran erinnern.

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