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Coronavirus

Gießen: Eine Stadt im Corona-Krisenmodus

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Es ist Tag eins, an dem die nächste Verordnung gegen die Verbreitung des Coronavirus gilt. An diesem Samstag lebt Gießen noch - auf dem Wochenmarkt und auf dem Schiffenberg. Am Uniklinikum herrscht die Ruhe vor dem Sturm.

Samstag kurz vor Mittag. Ein Polizeiauto biegt in die Georg-Schlosser-Straße ein. Vor der Pankratiuskapelle steht eine sechsköpfige Personengruppe. Sechs sind seit Mitternacht einer zu viel. Die Streife hält kurz an, ein Polizist spricht die Gruppe an, die sich daraufhin kurzfristig zerstreut. Ein paar Meter weiter gilt die neue Verordnung der Hessischen Landesregierung zur Bekämpfung der Coronakrise nicht. Auf dem Wochenmarkt, der der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln dient, ist Betrieb. Zwar deutlich weniger als an einem normalen Samstag im Frühjahr und auch deutlich weniger als am Mittwoch, als die Imbisse noch standen, aber immer wieder kommt es an einigen Stellen zu der eigentlich unerwünschten Bildung von Menschentrauben.

Disput um Wochenmarkt

"Unverantwortlich" findet das GAZ-Leser Holger Fischer. Der Inhaber eines Gießener Planerbüros hatte noch am Freitagabend versucht, Bürgermeister und Ordnungsdezernent Peter Neidel zur Absage des Markts zu bewegen. "Ich gehe ja ansonsten selber liebend gerne auf den Wochenmarkt und liebe das Stadtleben. Wir sind jedoch alle gefordert, unnötige Menschenansammlungen zu vermeiden, so leid es mir für die Händler tut", argumentiert Fischer. (Lesen Sie auch: Aktuelle Corona-Entwicklungen in Gießen und Mittelhessen)

Neidel indes bleibt dabei, den Markt offen zu lassen, da die Landesverordnung die Wochenmärkte wie die Supermärkte von dem Betriebsverbot ausdrücklich ausnimmt. Die Ordnungspolizei werde Präsens zeigen und, falls nötig, mit Ansagen über Megafon auf das Einhalten der "gebotenen Abstände" hinweisen, antwortet Neidel. Von der Stadtpolizei indes ist nichts zu sehen. Es hätte auch nichts schaden können, an den drei Haupteingängen des Markts größere Hinweistafeln aufzustellen. So informiert jeder Beschicker die Kundschaft mehr oder weniger auffällig selbst über die Abstandsregeln, die auch weitgehend eingehalten werden. In den Laubengängen indes geht es auch enger zu. (Lesen Sie auch: Wie viele bestätigte Corona-Fälle gibt es aktuell in Deutschland?)

Gesichtet auf dem Wochenmarkt wird der aus Gießen stammende Kanzleramtschef Helge Braun. Er hatte den Samstag zum "entscheidenden Tag" erklärt. 24 Stunden später werden seine Chefin und die Ministerpräsidenten der Bundesländer in einer Videokonferenz entscheiden, ob über ganz Deutschland eine Ausgangssperre verhängt wird.

Was Braun auf seinem Nachhauseweg durch die Stadt ins Südviertel sieht, wird ihm gefallen haben. Gießen wird ab dem Mittag zur Geisterstadt. Die Sonne scheint, aber die Straßen und Plätze sind fast menschen-- und autoleer. Ein kalter strammer Ostwind pfeift - geradeso, als wolle er die Viren wieder an den Niederrhein zurückblasen, wo vor einigen Wochen im Karneval alles begonnen hatte. In Gießen und anderswo sorgt der Wind dafür, dass niemand auf die Idee kommt, im Stadtpark ein Gruppen-Picknick zu veranstalten oder im Muscleshirt an den Stangen zu trainieren. Die "Drei Schwätzer" sind unter die Mahner gegangen: "Wir halten die Stellung. Bleibt ihr zu Hause", steht auf dem Schild, das Mariechen um den Hals gehängt wurde.

Im Internet gibt es ein Video, das den Landrat vom Kreis Heinsberg am Niederrhein zeigt, wo der Coronavirus am schlimmsten wütet. "Auch der größten Sch... geht irgendwann einmal vorbei", singt er in die Kamera. Irgendwann einmal ist leider nicht dieser Samstag. Oben auf dem Seltersberg rüsten sie sich für die entscheidenden Tage und Wochen, die jetzt kommen. Die Eingänge zur Neuen Chirurgie sind zu, auf den Absperrbändern steht "Sperrzone". Vor den noch offenen Eingängen des Universitätsklinikums steht Security, an den Türen prangen neongelb und groß die Kampfansagen: "Gib Corona keine Chance. Bleibt zu Hause!"

Was hinter den Mauern des UKGM jetzt vorgeht, kann man nur erahnen. "Die fühlen sich jetzt bestimmt wie vor einem Krieg", sagte mir eine Bekannte. Aber das kann ja eigentlich nicht sein, denn außer den Ärzten und "Sanis" der Bundeswehr, die in Afghanistan waren, kann niemand wissen, wie das ist im Krieg.

In Italien wissen sie es schon. Dort müssen die Ärzte die sogenannte "Triage" praktizieren, weil es nicht mehr genug Beatmungsplätze in den Kliniken gibt. Entscheidungen, wer noch eine Überlebenschance hat und wer sterben wird, müssen Ärzte ansonsten nur im Krieg, nach Großunfällen oder Naturkatastrophen treffen. Eigentlich unvorstellbar, dass es auch bei uns so weit kommen könnte.

Die Sprache ist kriegerisch geworden. Als in der vergangenen Woche Kliniken und Krankenhäuser in Rente befindliche Ex-Mitarbeiter und Medizinstudierende quasi einberiefen, hatte das etwas von Mobilmachung. Vor einigen Wochen verglich eine Virologin aus dem südostasiatischen Singapur im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" den Kampf gegen das Coronavirus mit einer Seeschlacht. "Die großen Krankenhäuser sind unsere Schlachtschiffe", sagte sie.

Das Gießener Schlachtschiff liegt in der Klinikstraße vor Anker. Vor dem Haupteingang des UKGM geht es normalerweise zu wie in einem Bienenstock, aber an diesem Samstag herrscht hier so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei rollt heran und parkt am Rondell. Eine Handvoll Beamte federt aus dem Fahrzeug, in ihren Händen halten sie blaue Schutzhandschuhe. Aber die Polizisten machen gleich wieder kehrt und fahren davon.

Gießener Forscher als TV-Experten

Irgendwo da drinnen sitzen jetzt vielleicht die Virologen, Infektiologen und Pneumologen. Die aus Gießen zählen zu den besten ihrer Fächer. Die Professoren Susanne Herold und John Ziebuhr sind in den letzten Wochen zu bekannten Fernseh-Gesichtern und Corona-Erklärern geworden. Wer im Internet die Seite "Herold Lab" aufruft, den schauen ganz viele freundliche Gesichter aus dem "Staff" der Gießener Virologin an. Junge Wissenschaftler aus aller Herren Länder forschen in Gießen, was Viren wie Covid-19 mit unseren Lungen machen. Seit 2006 gibt es an der Justus-Liebig-Universität ein sogenanntes Exzellenzcluster Herz-Lunge. Die Lungenforscher aus Gießen haben im Selbstversuch sogar die Eisriesen des Himalaya bestiegen, um mehr darüber zu erfahren, wie die Lunge auf dünne Luft reagiert.

Der 283 Meter hohe Schiffenberg wird diesbezüglich keine Erkenntnisse bringen. Am Nachmittag wird er so etwas wie ein Fluchtpunkt für die Gießener. Während im Seltersberg gähnende Leere herrscht, füllen sich die Parkplätze des Hausbergs nach und nach. Auch hier lebt Gießen an diesem Samstag noch - ein bisschen.

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