Drogenhandel

Gießen: Wie der Drogenhandel an der Lahn abläuft

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Der Platz an den Mühlen und der Bootshausstraße hat sich zu einem neuralgischen Punkt des Drogenhandels in Gießen entwickelt. Die Polizei reagiert. Ein Einblick in die Szene.

Über drei Stunden lang hatte der Polizist in Zivil das Treiben auf dem Platz vor dem Seniorenheim an der Lahn beobachtet. Plastik- und Alutütchen sowie Geldscheine hatten in steter Regelmäßigkeit die Besitzer gewechselt. Gegen 16 Uhr hatte der Beamte genug gesehen: Zugriff! Die Einsatzkräfte nahmen an jenem Mittwoch im November zwei Männer fest. Den afghanischen Staatsangehörigen wird vorgeworfen, Marihuana und Haschisch verkauft zu haben. Unter anderem an Minderjährige; der Jüngste ist 14 Jahre alt. Deshalb ist den beiden Männern in dieser Woche der Prozess gemacht worden. Die Verhandlung am Landgericht Gießen wirft ein Schlaglicht auf einen Ort, der sich neben dem Bahnhof, dem Theaterpark, dem Marktplatz und dem Kirchenplatz zu einem der neuralgischen Punkte des Drogenhandels in der Stadt entwickelt hat.

Polizeisprecher Jörg Reinemer spricht von einem "deutlichen Anstieg" der Straftaten im vergangenen Jahr gegenüber 2017 – unter anderem in der Bootshausstraße und Zu den Mühlen (siehe Kasten unten). "Wir beobachten diesen Bereich seit mehreren Monaten", betont Reinemer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auf dem Platz an der Lahn Drogen verkauft werden. Der Verteidiger des älteren Angeklagten, Ramazan Schmidt, sagt während des Prozesses: "Da qualmt es doch, da wird nichts versteckt gehalten." Und ein Zeuge, der von den beiden Männern Marihuana gekauft hatte, sagt lapidar: "Das weiß man einfach, dass da verkauft wird. Jeder, der da sitzt, hat etwas damit zu tun."

Drogen in Gießen: Verdeckte und offene Kontrollen

Der Polizei ist das bewusst. Deshalb ist der Kampf gegen den Drogenhandel ein wichtiger Bestandteil des Konzepts "Sicheres Gießen". Laut Reinemer gibt es "fast täglich" verdeckte und offene Kontrollen der Kripo – unterstützt von der Bereitschaftspolizei Lich. Die Ermittler arbeiten mit der Stadt und der Bundespolizei zusammen. 2018 seien "über zwei Dutzend mutmaßliche Drogendealer" verhaftet worden.

Die Schwierigkeit sei, sagt Reinemer, "das Ganze beweiserheblich, also für ein Strafverfahren, festzuhalten". Deswegen hatte der Polizist, der die beiden Angeklagten an jenem Novembermittwoch beobachtet hatte, eine Kamera dabei und sich Notizen gemacht. Dort sah er, dass die mutmaßlichen Käufer etwas bekamen und dafür "einen papierähnlichen Gegenstand" zurückgaben. Dass die beiden Männer Grasbüschel hochhoben, um dort etwas zu lagern. Um Beweise zu sichern, waren rund um den Platz Teams der Polizei verteilt. Sie kontrollierten an der Galerie Neustädter Tor oder der Sachsenhäuser Brücke sieben Käufer, nachdem diese außer Sichtweite der Dealer waren. Hier stellten sie geringe Drogenmengen sicher – zwischen 0,2 und einem Gramm.

Drogen in Gießen: Ein Blickkontakt reicht

Eine weitere Schwierigkeit: Zwischen der Festnahme und dem Prozessbeginn können Monate vergehen, die Erinnerung von Zeugen verblasst. Die Drogenkonsumenten zeigen sich während ihrer Aussage schmallippig. An die Gesichter der Dealer kann sich kaum einer erinnern. Auch vorherige Absprachen bestreiten sie. Dem Richter Jost Holtzmann bleibt nur die Ironie: "Und ich soll Ihnen glauben, dass Sie auf Verdacht zu den beiden Männern gegangen sind und gefragt haben, ob die etwas verkaufen?"

Dabei ist das der klassische Weg, wenn ein Drogenkäufer einen -verkäufer sucht. Es reicht schon zu wissen, dass an einem bestimmten Ort gedealt wird. Ein Blickkontakt, dann wird der Konsument von einem der Verkäufer angesprochen. Dies übernimmt in der Regel jemand, der selbst keine Drogen bei sich trägt; bei einer Kontrolle durch die Polizei wäre er damit fein raus. Entweder werden die Käufer dann zu einer Privatwohnung gelotst oder sie erhalten die Drogen aus einem sogenannten Bunker – einem Versteck in der Nähe des Treffpunkts.

Drogen in Gießen: Schulden abarbeiten

Einen katzenklappengroßen Einblick in das Geschäft der Dealer liefert während des Prozesses einer der Angeklagten. Der 21-Jährige blickt ruhelos umher, den Kopf gesenkt. Der junge Mann erzählt, dass sein Vater von den Taliban getötet worden sei und er daraufhin habe fliehen müssen. Deshalb habe er sich oft schlecht gefühlt. Der zweite Angeklagte, der in Afghanistan als Polizist gearbeitet haben soll, habe ihm angeboten, zusammen mit ihm zu rauchen: Marihuana. Danach habe er sich besser gefühlt. Über einen Monat lang habe er umsonst mitgeraucht. Der 33-Jährige habe ihn dann aufgefordert, seine Schulden abzuarbeiten. So sei er in die Sache hineingeraten.

Seine Aufgabe sei der Verkauf der Drogen gewesen. Das hatte auch der Polizist beobachtet: Die meisten Deals liefen über den jüngeren Angeklagten. Der 21-Jährige gibt weiter an, dass der Ältere die Drogen bei einer Freundin gelagert habe und immer wieder mit dem Fahrrad losgefahren sei, um neue Päckchen zu besorgen. Was sagt der andere Angeklagte zu alldem? Der zuckt nur mit den Schultern. Nein, was sein Landsmann erzähle, stimme nicht. Ja, er habe sich auf dem Platz aufgehalten, habe aus Freundschaft anderen etwas von seinen Joints abgegeben, aber nichts verkauft. Süchtig sei er nicht, nur Gelegenheitskiffer.

Das kauft Richter Jost Holtzmann dem Älteren, der selbst drei Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren hat, nicht ab. Ihn verurteilt er zu einer Strafe von elf Monaten auf Bewährung, den Jüngeren zu zehn Monaten auf Bewährung. Die ist in beiden Fällen auf drei Jahre ausgesetzt. Hinzu kommen jeweils 100 Stunden gemeinnützige Arbeit. Nach fast einem halben Jahr in Untersuchungshaft verlassen die zwei das Gericht als freie Männer. Der Richter hofft bei ihnen, dass sie ihre Lektion gelernt haben. Nur: Sie werden nicht die letzten gewesen sein, die in Gießen Drogen verkaufen wollen.

Info

Drogendelikte in der Stadt

2017 hat die Polizei im Stadtgebiet 508 Drogendelikte erfasst. 2018 stieg der Wert auf 665. Polizeisprecher Jörg Reinemer betont, die Steigerung sei größtenteils auf die verstärkten Kontrollen zurückzuführen. Der Kampf gegen die Drogenszene ist ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes "Sicheres Gießen".

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