Errol Özcan war jahreland DJ im Woodland.
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Errol Özcan war jahreland DJ im Woodland.

Mit dem Moonwalk fing alles an

DJ Errol ist eine Gießener Club-Legende: „Das Woodland war für uns wie ein Zuhause“

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Errol Özcan hat eine ganze Generation Gießener zum Tanzen gebracht. Der Name sagt Ihnen nichts? Setzen Sie ein »DJ« davor und streichen den Nachnamen, und schon haben Sie DJ Errol, der über zehn Jahre im legendären Woodland aufgelegt hat. Heute macht der Sohn eines türkischen Gastarbeiters immer noch Musik. Doch Corona ändert alles.

  • Errol Özcan ist in Gießen eine echte DJ-Größe.
  • Jahrelang legte er als DJ Errol im legendären Club Woodland auf.
  • Bis heute macht der 48-Jährige mit der bewegten Lebensgeschichte Musik.

Gießen – Drei Fotoalben hat Errol Özcan vor sich ausgebreitet. Auch der Bildschirm seines Laptops zeigt diverse Bilder an, und auf dem Tablet wischt der 48-Jährige ebenfalls durch eine Galerie. Fotos sind dem Gießener wichtig. Noch wichtiger sind aber die Erinnerungen, die in ihnen stecken. »Das hier bin ich«, sagt Özcan beim Blick auf eine der verblichenen Fotografien, »am DJ-Pult im Woodland«. Über zehn Jahre lang legte DJ Errol im Dienste der US-Army im legendären Schuppen an der Rödgener Straße auf. »Eine Wahnsinnszeit«, sagt Özcan. Dann blättert er weiter und bleibt bei einem Foto hängen, das einen türkischen Jungen im Arm einer älteren deutschen Dame zeigt. Özcan lächelt: »Meine Oma Katharina.«

Gießen: Errol Özcan alias DJ Errol erzählt von Oma Katharina

Özcan ist in der Türkei geboren. Vier Jahre später holte der Vater, der in Deutschland als Gastarbeiter Geld verdiente, die Familie nach. Keine einfache Zeit. Integration wurde vernachlässigt, es gab keine Kurse, Treffs, »Paten« oder ähnliches. Aber auch damals gab es Menschen, die sich um die neuen Nachbarn kümmerten und ihnen bei der Ankunft in der fremden Kultur unter die Arme griffen. Özcan weiß noch genau, wie er Katharina das erste Mal sah. »Wir waren gerade aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Mit dem Flugzeug nach Frankfurt, mit der Bahn nach Gießen und mit dem Bus weiter nach Alten-Buseck. An der Bushaltestelle stand sie dann.« Özcan konnte kein Deutsch, er weiß also nicht, was die Buseckerin zu ihm gesagt hat. Er erinnert sich aber, dass sie seine schwarzen Haare schön fand. »Von da an hat sie sich um uns gekümmert. Sie hat uns in allen Situationen geholfen. Sie war so eine gute Seele.«

Katharina half bei der Suche nach einem Kindergarten. Sie erzählte Özcan und seinen drei Brüdern Geschichten aus ihrer Königsberger Heimat. Und als Özcan einige Jahre später noch eine Schwester bekam, schloss Katharina auch sie ins Herz. »Irgendwann haben wir sie gefragt, wie wir sie nennen sollen«, erinnert sich der Gießener. »Sie sagte dann: Nennt mich einfach Oma.«

Errol Özcan ist in Gießen eine echte DJ-Größe.  (Symbolbild)

Gießener DJ-Legende machte Ausbildung zum Maurer

Die türkischen Gastarbeiterkinder hatten also eine deutsche Großmutter. Die enge Beziehung hielt auch an, als die Familie von Alten-Buseck nach Gießen zog. Der Einsatz der alten Dame war umso wichtiger, da Özcans Eltern nur wenig Zeit hatten. »Mein Vater war so gut wie immer weg. Er hat in zwei Firmen als Maler gearbeitet.« Um das wenige Geld ein bisschen aufzustocken, ging die Mutter Putzen. Taschengeld für die Kinder war trotzdem nicht drin.

Aber Özcan wusste sich zu helfen. »Ich habe schon als Sieben- oder Achtjähriger auf dem Markt gearbeitet. Ich habe einfach gefragt, ob ich mithelfen kann.« Jahrelang schleppte der kleine Errol Kisten und verkaufte Gemüse, was seinerzeit niemanden groß störte. Später verdiente er sich zudem ein paar Mark im Kino, wo er nach den Vorstellungen Flaschen einsammelte. Während die Filme liefen, machte er hinter der Kasse seine Hausaufgaben.

Seine eigentliche Arbeit, die Ausbildung zum Maurer, ging er weniger gewissenhaft an. Sein Vater hatte sie für ihn ausgesucht. »Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis ich es geschafft hatte, dass mein Chef mich rausschmeißt«, sagt Özcan und lacht. Handwerk, das merkte der Gießener schnell, war nicht sein Ding. Mit den Händen arbeiten aber sehr wohl. Zumindest, wenn Plattenspieler und Mischpult mit von der Partie waren.

Gießen: Mit Michael Jackson ging für DJ Errol alles los

Özcan war ungefähr 13, als er im Fernsehen einen Tänzer sah, der Michael Jacksons Moonwalk nachahmte. »Da war es um mich geschehen.« Özcan verliebte sich in amerikanischen Hip Hop und Breakdance. Sonntagnachmittags fuhr er regelmäßig in die Discothek »Atlantis« in Trohe, um mit bzw. gegen Gleichgesinnte zu tanzen. Auch das Auflegen faszinierte ihn, und so besorgte er sich irgendwann seinen ersten Plattenspieler.

Wer in den 90er Jahren auf Hip Hop, Funk und Black Music stand, war im »Woodland Club« an der richtigen Adresse. Und so war auch Özcan regelmäßig Gast in der Rödgener Straße. »Mir hat jedoch nicht gefallen, wie der DJ aufgelegt hat. Immer wenn ich gerade richtig am Tanzen war, spielte er das falsche Lied.« Und da Özcan zu Hause mit seiner Kompaktanlage schon ganz gut selbst mixen konnte, fragte er irgendwann die Bosse, ob er nicht auch mal auflegen könne. Sie sagten zu und gaben ihm 30 Dollar pro Abend. Özcan hätte es auch umsonst gemacht.

Gießen: „Das Woodland war für uns wie ein Zuhause“

Das war 1992 - und der Anfang von DJ Errols Karriere. »Ich war gut«, betont der Gießener. »Der Nightmanager hat mir immer gute Noten gegeben, und so wurde ich von den Amis auch in andere Klubs geschickt, zum Beispiel nach Hanau und Kaiserslautern.« Die Nächte im Woodland mit tanzbegeisterten Gießenern und amerikanischen GIs sollten jedoch etwas Besonderes bleiben. »Es war immer Action, purer Spaß.« Doch dann machte die Weltpolitik dem Treiben ein Ende.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften die Amerikaner die Sicherheitsvorkehrungen. Ohne einen Amerikaner kamen Deutsche nicht mehr ins Woodland. 2003 dann das endgültige Aus. »Wir waren alle sehr traurig«, erinnert sich Özcan. »Das Woodland war für uns wie ein Zuhause.« Auf die Trauer folgte der Trotz. Özcan schloss sich mit einer Gruppe von Barkeepern, Türstehern und natürlich DJs zusammen und tourte als »Woodland Crew« noch Jahre später durch die heimischen Discotheken. Als Woodland-DJ wird DJ Errol auch heute noch gebucht. Seine musikalische Bandbreite ist mit den Jahren jedoch gewachsen. Neben Hip Hip spielt er auch viele andere Stilrichtungen, besonders Jazz hat es ihm angetan. Doch seit einigen Monaten liegt die Arbeit brach.

Corona hat den Gießener Veranstaltungskalender leer gefegt - und somit die gesamte Unterhaltungsbranche in eine tiefe Krise gestürzt. »Momentan läuft nichts. Ich verdiene so gut wie gar kein Geld. Jeden Tag muss ich genau ausrechnen, was ich ausgeben kann.« Trotzdem sei ihm nie der Gedanke gekommen, das Musikmachen aufzugeben. Auch nicht bei dem Gedanken, dass er stramm auf die 50 zugeht. »Ich will nicht abends auf der Couch liegen. Ich muss immer in Bewegung sein. Man sollte sein Leben so lange es geht lebenswert gestalten. Und für mich gehört Musik einfach dazu.«

Gießen: DJ Errol musste vom Auto auf das Fahrrad umsteigen

Fahrradfahren auch. Özcan hat vor rund zehn Jahren seinen Führerschein verloren. »Ich bin immer, wenn ich morgens aus dem Klub in Kaiserslautern raus bin und nach Gießen wollte, zu schnell gefahren.« Die Punkte in Flensburg wieder abzubauen, hätte ihn 1000 Euro gekostet. Ein Fahrrad war billiger.

Seither radelt Özcan nicht nur zum Zwecke der Fortbewegung. Seine Touren an der Lahn entlang sind auch ein Ausgleich zum lauten Nachtleben. »Beim Fahrradfahren kann ich abschalten«, sagt der Gießener. »Es ist wie Meditation für mich.«

Trotzdem wird die Musik immer an erster Stelle bleiben. Auch wenn er längst der Vater der Klub-Besucher sein könnte. Özcan ist unverheiratet und hat keine Kinder. Aber vielleicht ändert sich das noch und sein Nachwuchs wird irgendwann die Tanzflächen unsicher machen. Özcan hätte kein Problem damit. Und er weiß auch schon, wie er eine Tochter nennen würde. Mit einem liebevollen Lächeln sagt er: »Wenn ich mal ein Mädchen kriegen sollte, wird sie natürlich Katharina heißen.« (Von Christoph Hoffmann)

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